Den anderen und der Nachwelt die eigenen Erfahrungen zu vermitteln, gehörte zu den zentralen Motiven der Schreiberinnen und Schreiber: Titelfoto von Heft 11/1963 der Zeitschrift „Ich schreibe“.
Foto: Archiv Schreibender ArbeiterInnen

BerlinEin Land im Aufbruch: Die schlimmsten Kriegsschäden waren 1960 überwunden. Nun kam die Zeit, das Leben in der DDR besser zu machen. Die Partei blickte nach vorn. Die neue, bessere, sozialistische Gesellschaft zu bauen, war Mission der Arbeiterklasse – im Bündnis mit den Bauern und der Intelligenz. Die Werktätigen sollten die Höhen der Kultur erstürmen, hatte ein Parteitag der SED beschlossen.

Gute Idee. Was in den Zwanzigerjahren Proletarierkreise in die Welt gesetzt und 1933 hatten abbrechen müssen, war wieder da: Arbeiter sollten Kulturschaffende sein. Als der Zirkel schreibender Arbeiter im Braunkohlekraftwerk „Erich Weinert“ in Deuben 1959 über sein Selbstverständnis diskutierte, vermerkte das Protokoll: „Gab es nicht einmal eine bevorzugte Klasse, in der es zum guten Ton gehörte, ein Sonett schreiben zu können oder zu musizieren? Diese Klasse heute – das sind wir.“ Zugleich folgte die Bewegung dem Interesse der Staatspartei SED, zu bestimmen, was Kultur und Kunst sei. Das gelang nie so umfassend wie gewünscht.

Der Weg der Literatur in die Breite begann in der Chemie- und Braunkohlestadt Bitterfeld mit einer Konferenz im April 1959. „Greif zur Feder Kumpel! Die sozialistische Nationalliteratur braucht Dich!“, lautete die Losung. Den Ton setzten Leute wie der schreibende Bergarbeiter und Kommunist Hans Marchwitza. Er thematisierte vor den 700 Delegierten die Haltung „echter Arbeiter“, nur Handarbeit sei richtige Arbeit. Die Frage, ob Schreiben ihn zu vornehm mache, beantwortete er selber in kräftigen Reimen:

„Ich bleib der Hans der Kohlenheuer, / und steckt Ihr mich ins Märchenhaus, / ich bleib der Berg von Kraft und Feuer, / und brech aus jedem Sessel aus.“

Etwa 300 Zirkel schreibender Arbeiter entstanden in der Republik. Bauern, Näherinnen, Volkspolizisten, Krankenschwestern, Anlagenfahrer, Maurer, Ingenieure griffen zur Feder. Von Anfang an gehörten mehr Angestellte und „Intelligenzler“ zu den schreibenden Arbeitern. 21 Zirkel trafen sich 1970 in Berlin, 1975 waren es 30, darunter der Pankower Lyrik-Club, den zum Beispiel der Schriftsteller Thomas Brasch und die Liedermacherin Bettina Wegener besuchten. Tausende Literaturinteressierte machten sich auf den Bitterfelder Weg. Seit Anfang der 1970er-Jahre kamen die Zirkel schreibender Schüler und Jugendlicher hinzu. Die Mitgliedschaft war nicht an Betriebs-, Partei- oder sonstige Zugehörigkeit gebunden. Man habe sich eine Gruppe suchen müssen, die persönlich „passte“, erinnern sich Mitglieder.

Zu den prominentesten Zirkelleitern gehörte die Schriftstellerin Brigitte Reimann. Für ihre Gruppe im Kombinat „Schwarze Pumpe“ in Hoyerswerda notierte sie am 21. September 1960: „Unser Kreis wächst, wir haben eine Menge Begabungen; vielleicht können wir nächstes Jahr ein Sammelbändchen herausgeben.“ Sie hörte allerdings bald auf, die Zirkelarbeit störe beim Schreiben eines Romans, sagte sie.

In einer 2015 vom Verein Helle Panke herausgegebenen Broschüre 8 (Hefte zur DDR-Geschichte/134) heißt es über die Anfänge, Menschen hätten sich über die Vergangenheit, besonders den Krieges und die anschließende Gefangenschaft verständigen wollen, hätten Erlebnisse ihrer Mitwelt, Familie, Freunden übergeben wollen. Das Schreiben sollte „bewusst ohne Zwang“ geschehen, Individualität Raum geben. Ärger gab es offenbar selten, aber manchmal eben doch: Als in einem Text aus einem Zirkel in Halle „blühende Blumen zwischen Mauern“ auftauchten, war das Tabu Mauer berührt. Die Zensur schlug zu.

Annemarie Klose gehörte dem Zirkel schreibender und lesender Arbeiter im VEB Berlin-Chemie an. Sie erinnert sich in einem Beitrag für die Broschüre voll Wärme an gemeinsame Ausflüge, Theaterabende, an die Hochachtung für die unauffälligste Arbeit, an Mal- und Fotozirkel, gemeinsam erarbeiteten sie fünf Anthologien. Was nach der Wende kam, beschreibt sie so: „Der Betrieb entledigte sich, um am Leben zu bleiben, aller, die nicht gewinnbringend sein konnten. Dazu gehörte zuallererst die Kulturabteilung.“ Der Rest aus der Gemeinschaftskasse gab noch zwei Ausflüge und die Auflösungsparty her.

Fast alle Gruppen verschwanden – nur wenige machten einfach weiter. Eine davon besteht bis heute in Berlin: Was einmal der Schreibzirkel „Maxim Gorki“ im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft hinter der Neuen Wache war, heißt jetzt Schreibwerkstatt und gehört zum Verein Schreibart. Der Zirkel trifft sich einmal im Monat, angeleitet von der Schriftstellerin Astrid Vehstedt. Dolores Pieschke beschreibt die Stimmungslage im Zirkel als „links-liberal“. Man arbeitet mit der Volkshochschule Pankow zusammen und betreibt mit Freude ein Lesepodium.

Die 73-jährige Berlinerin kam nach der Wende dazu. Sie macht sich keine Illusionen: Die Mitglieder werden älter. Junge Leute kommen zwar, bleiben aber nicht. Man pflege eine andere Kultur als die viel besuchten Schreibkurse der Volkshochschulen, sagt Dolores Pieschke. Die Zirkel seien in der DDR weit mehr gewesen: Freundeskreise, - Teil des gesellschaftlichen Lebens rund um die Betriebe, das auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR so viele schmerzlich vermissen.

Auch hinsichtlich der literarischen Vorlieben führt die Schreibwerkstatt Traditionen fort: Man bevorzugt es „sehr realistisch, nichts Versponnenes, nichts explizit Politisches, aber mit gesellschaftlicher Relevanz“, sagt Dolores Pieschke. Alltagsprobleme. Viele hätten ihre DDR- und Wendeerfahrungen verarbeitet – in Romanen, Märchen, Fabeln. Das eigene Leben, verwoben mit politischen Ereignissen. Deutsche Geschichte.

Ein Teil davon lagert heute in grauen Kartons, nebeneinandergelegt 80 laufende Meter: Manuskripte, Anthologien, Brigadetagebücher, Pläne, Entwürfe, Bücher, Broschüren aus 30 Jahren. Die Erhaltung und Erschließung verdankt sich ausgerechnet der Krise nach der Wende: Zwei Frauen durften als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme das Archiv aufbauen. Weil es als Frauenprojekt firmieren musste, kam es zum Namen Archiv der schreibenden ArbeiterInnen – mit Binnen-I! Eine dieser ideologischen Nachwende-Prägemarken. Diese hier sollte Ossis feministisch umerziehen. Dolores Pieschke sieht es gelassen.

Sie leitet das im Industriesalon Schöneweide in der Nachbarschaft alter Fernsehröhren und Transformatoren beheimatete Archiv ehrenamtlich, unterstützt von zwei Helfern aus dem Bundesfreiwilligendienst und vier ehrenamtlich arbeitenden Frauen. Das Archiv wächst dank etlicher Nachlässe, Leihgaben und auch der Zeitzeugeninterviews, die die Archivleiterin selbst führt, um diese Quellen zu sichern. Und die Wertschätzung steigt.

Nach der Wende habe Herablassung dominiert, erinnert sich Dolores Pieschke, Arroganz gegenüber der Leistung der Autorinnen und Autoren. Doch nun kommen Germanisten, Soziologen, Studenten und zeigen „neues, ehrliches Interesse“ beobachtet sie. Wissenschaftler entdecken die authentischen Aufzeichnungen Tausender Frauen und Männer als wertvolle zeithistorische Quelle, die längst nicht ihrer Bedeutung gemäß genutzt wird. 

Die historische Betrachtung der DDR hat erst sehr vorsichtig begonnen.