Symbol bürgerlichen Wohlstands: noble Teile der Lampensammlung.
Foto: Christian Schulz

Berlin-SpandauJedem Berliner sein Wellenbad, eine Art Whirlpool für die Mietskasernen – das war um 1900 keine Utopie, sondern eine Frage von 42 Reichsmark. Für diesen Preis gab es die Wellenbadschaukel aus verzinktem Blech und hölzernen, am gewölbtem Boden angebrachten Leisten. Sie war so handlich und leicht, dass sie sich gut auf einem Hängeboden oberhalb der Wohnungstür im Flur verstauen ließ. Hygiene mit Spaß also.

Und wer hat’s erfunden? Der Berliner Klempner Carl Dittmann konstruierte den Badeapparat 1889, gebaut hat ihn die Firma Moosdorf & Hochhäuser in Treptow. Sie warb mit dem Spruch „Bade zu Hause“ und verkaufte etwa 100.000 Exemplare.

In der Gebrauchsanleitung hieß es: „Man fülle die Schaukel mit 2–4 Eimer Wasser, setze sich möglichst hoch in die Rückenlehne derselben und halte sich mit beiden Händen an dem oberen Wulst; durch Anziehen und Strecken der Beine erzeugt man das Schaukeln und erzielt nach aufgewendeter Energie bis 12 Sturzwellen in der Minute, die sich brausend über den Körper ergießen.“

Auf der Rückseite des Schildes steht zusammengeschrieben: Petristr. 
Foto: Christian Schulz

So viel Berlin in einem Objekt. Kein Wunder, dass die Wellenbadschaukel zu den Lieblingsstücken von Peter Matuschek gehört, dem Leiter der Sammlung Alltagskultur des Stadtmuseums. Etwa 69000 Objekte befinden sich in seiner Obhut – nur ein Bruchteil der etwa vier Millionen Stücke, die insgesamt im Spandauer Depot des Stadtmuseums lagern – in 16 Sammlungsbereichen von Skulptur über Mode bis Fotografie.

Wobei die geschätzte Zahl vier Millionen wohl zu niedrig liegt, denn ein Tafelservice mit 98 Teilen schlägt als ein Objekt zu Buche, ebenso wie die Spielzeugkiste mit Dutzenden Pferdchen, Wägelchen oder Püppchen. Nun steckt das Museum mitten in der Riesenarbeit der Digitalisierung der Sammlungsbestände. Ein Nebeneffekt der digitalen Erschließung und der daraus folgenden Öffnung der Bestände für das Publikum wird deren genauere Erfassung sein.

Eierschränkchen und Bordell

Lauter Schatzkammern verbergen sich hinter den feuersicheren Türen des Gebäudes in Spandau, das 1928 als Kabelwerk errichtet wurde und seit 2010 fast alle bis dahin über Berlin verstreut gelagerten Kulturgegenstände der Stiftung Stadtmuseum vereinigt. Irina Tlusteck, Sammlungskuratorin für Keramik, übertreibt also keineswegs, wenn sie sagt: „Wir sind das Gedächtnis der Stadt.“

Nur der geringste Teil dieser Schätze kann ausgestellt werden, für Dauer- und Sonderausstellungen wählen die Kuratoren die jeweils aussagestärksten Stück aus, solche, die Geschichten und Geschichte erzählen. So wie die Eierschränkchen, in denen Familien ihre Lebensmittel vor der Kühlschrankzeit hinter luftigen Gazetüren und -wänden ratten- und mäusesicher lagerten. Oder die Kronleuchter der Bürgerfamilien.

Ein Exemplar der legendären Wellenbadschaukel
Foto: Christian Schulz

Oder die sparsam bekleidete Frauenfigur, die Peter Matuschek vor ein paar Jahren von einem Schutthaufen in der Schönhauser Allee barg. Dort räumten Arbeiter gerade ein ehemaliges Bordell aus. „Ich habe immer einen Beutel dabei“, sagt der Sammlungsleiter, der als Museologe seit 1986 dabei ist. Sammelleidenschaft gehört also dazu. Andererseits betonen die Museumsmitarbeiter, dass man privat auf Sammelei verzichten soll – wegen möglicher Interessenkonflikte.

Diese Regel haben sie seit dem Studium verinnerlicht. Auf Suche nach Objekten für ihre städtischen Sammlungen befinden sie sich gleichwohl immer. Heike-Katrin Remus ist für die mehr als 70.000 Objekte (plus Fotos) umfassende Textiliensammlung zuständig. Sie spricht von kriminalistischem Gespür beim Auffinden der Geschichten hinter den Stücken: „Man muss den Faden finden, den man spinnen kann.“ Und sie spricht vom Gänsehautmoment, wenn eine Entdeckung geglückt ist.

Fund aus dem Schutt: Figur aus einem Bordell in der Schönhauser.
Foto: Christian Schulz

Das Glück, die Sammlung zu bereichern, bemisst sich allerdings nicht am materiellen Wert: Zeitgeschichtlich wertvoll ist etwa das Kostüm eines Jungen aus türkischer Familie, das er am Tag seiner Beschneidung trug: billig, teils aus Papier, nutzlos nach dem einen großen Tag.

Auch solche Stücke gehören zu Berlin. Wie das Wäscherollbrett aus dem Haushalt der Bismarcks. Oder eine kleine Handarbeit der Königin Luise, die sie einer ihrer Kammerzofen überließ. Oder der um das Jahr 1970 selbstgenähte Bananenrock einer Ost-Berlinerin. Wenn es um das Geschichte-Erzählen geht, stehen solche Dinge im Rang neben einem Gemälde des Norwegers Malers Edvard Munch, der in Berlin als Wegbereiter des Expressionismus seinen Durchbruch feierte und dessen Gemälde im Wert in Millionen Euro bemessenen wird.

Solche Solitäre und die Vielfalt des scheinbar Banalen – wie die weltgrößte Sammlung elektrischer Zigarettenanzünder – gehören in einem Stadtmuseum zusammen. Leider hat das Märkische Museum über die Jahrzehnte seinen anfänglichen Charakter als Bürgerinitiative eingebüßt.

Peter Matuschek, Leiter der Sammlung Alltagskultur.
Foto: Christian Schulz

Als es 1874 durch eine Initiative der Berliner Bürgerschaft gegründet wurde, legten Bürgerinnen und Bürger den Grundstock der Sammlungen an und bereicherten diese fortwährend. Sie wollten die Geschichtszeugnisse des alten Berlins sammeln, bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Auch wenn die Bindung gegenwärtig loser ist – die Spendenfreude blieb. Heute setzt regelmäßig ein Schenkungsfluss im Zusammenhang mit Ausstellungen ein. Zurzeit kommen vor allem Objekte aus den 1980ern, oft von Frauen, die ihr Haus aufräumen oder fürchten, die Kinder würden Dinge nicht wertschätzen und wegwerfen.

Kürzlich meldete sich ein Sammler von PVC-Objekten – ins Museumsdepot schaffte es unter anderem eine Schürze. Steuermittel für Neuaufkäufe, zum Beispiel bei Auktionen, stehen zwar zur Verfügung, müssen aber überlegt eingesetzt werden, zum Beispiel zum Schließen von Sammlungslücken.

Klimawandel fürs Depot

Über den Vergleich mit Eichhörnchen, die eifrig an der Maximierung ihrer geheimen Depots arbeiten, können die Museologen nur milde lächeln. Erstens, weil Eichhörnchen gelegentlich vergessen, wo sie etwas abgelegt haben. Zweitens, weil ein Museum nichts verbergen will. Immer wieder müssen Stücke ans Licht der Öffentlichkeit – immerhin hat das Stadtmuseum fünf Ausstellungsorte, und ab 2020 kommt noch eine im neuen Humboldt-Forum hinzu, der sich dem Austausch zwischen Berlin und der Welt widmen wird.

Der allerneueste Zugang stammt aus einer noch längst nicht historisierten Geschichte. Er trägt vielmehr die Zukunft in sich: ein Plakat, das acht Jahre alte Mädchen der dritten Klasse einer Berliner Grundschule selbst gefertigt haben und mit dem sie dann zu einer „Fridays-for-Future“-Demonstration gezogen sind. Besonderes Detail: die Unterschrift des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller. Das Plakat geht ein in die Sammlung von Transparenten solcher historischer Demos – wie der am Ende der DDR am 4. November 1998 auf dem Alexanderplatz.

Aus den Sammlungen zeigt das Stadtmuseum regelmäßig das Objekt des Monats. Für November: www.stadtmuseum.de/objekt-des-monats/eisenstuhl-karl-friedrich-schinkel