Berlin - Anfang Januar sollte im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses das Thema „Berlin übernimmt Verantwortung für seine koloniale Vergangenheit“ behandelt werden, das fiel jedoch coronabedingt aus. Nun steht die Frage, ob die Thematik ohne demokratische Aussprache und Diskussionen mit Experten durchgewinkt wird. Dabei ist eine Aussprache gerade zu diesem Thema wichtig – existieren doch bei vielen hierüber mehr Annahmen als Tatsachen.

Selbst im Berliner Parlament wird von einigen Abgeordneten die Behauptung aufgestellt, man müsse sich „endlich“ mit der kolonialen Vergangenheit in Deutschland befassen. Das geht an der Wirklichkeit weit vorbei. Nicht wenige Fachexperten warnen davor, die eigene Unkenntnis als Maßstab für angebliche Realitäten in der Gesellschaft heranzuziehen.

Legende von der kolonialen Amnesie

So wurde in Plenarsitzungen des Abgeordnetenhauses behauptet, dass „Deutschlands koloniale Vergangenheit über viele Jahrzehnte hinweg so gut wie gar keine Rolle im kollektiven Gedächtnis, in der Erinnerungskultur“ gespielt habe. Es wurde sogar die durch nichts zu belegende These aufgestellt, es hätte eine „koloniale Amnesie der Deutschen“ gegeben und in Deutschland sei die koloniale Vergangenheit „aus dem nationalen Gedächtnis weitgehend verdrängt“. Es wäre interessant zu erfahren, woher diese Erkenntnis stammt.

Intensive Beschäftigung mit Kolonialgeschichte

Im Osten Deutschlands begann man seit Ende der 1950er-Jahre, die koloniale Vergangenheit des Deutschen Kaiserreichs, den Kolonialrevisionismus in der Weimarer Republik und im Dritten Reich aufzuarbeiten. Aber auch im Westen, wo man noch lange Zeit in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft wehmütig an den Zeiten der Kolonialherrschaft festhielt, beschäftigte man sich seit etwa 1967 kritisch mit der Kolonialhistorie.

Wer den Weg in die Bibliotheken nicht scheut, kann feststellen, dass dort Hunderte von Büchern und in relevanten Fachzeitschriften Tausende von Artikeln zu finden sind, die sich kritisch mit der kolonialen Vergangenheit vor allem Deutschlands auseinandersetzen.

Kolonialforschung am Katzentisch

In Anbetracht dessen sollte es nicht schwierig sein, die vielen Forschungsergebnisse und die seit Jahren vorliegenden populärwissenschaftlichen Darstellungen zur Kenntnis zu nehmen. Erst dann kann über bestimmte Sachverhalte angemessen diskutiert werden.

Die Wissenschaft ringt seit langem, besonders konzentriert unmittelbar nach der deutschen Einheit, um die Zukunft der Afrika- und Kolonialgeschichtsforschung in Berlin. Leider ist in der späteren Hauptstadt der deutschen Bundesrepublik dann wirklich eingetreten, wovor der Nestor der deutschen Afrika-Politikwissenschaft Franz Ansprenger in der Berliner Zeitung gewarnt hatte, nämlich, dass dieser historischen Wissenschaftsdisziplin lediglich ein Platz am „Katzentisch“ zugewiesen wird.

Historische Unkenntnis in den Schulen

Die Stadt Berlin kann ebenso wenig wie andere Ortschaften Verantwortung für „ihre koloniale Vergangenheit“ übernehmen. Moralische Verantwortung kann nur die heutige nationale Regierung für die Handlungen ihrer Vorgängerregierungen übernehmen, nicht eine Region, eine Stadt oder ein Dorf.

Der Versachlichung der Debatte könnte es helfen, wenn der vor kurzem veröffentlichte Hilferuf des Vorsitzenden des Berliner Landesverbandes der Geschichtslehrer, Peter Stolz, sehr ernst genommen würde, der auf die gefährliche historische Unkenntnis in den Schulen aufmerksam macht und von der Politik fordert, die „Stundenzahl der Fächer Geschichte und Politische Bildung endlich“ wieder zu erhöhen.

Nicht nur bei geschichtswissenschaftlich arbeitenden Fachleuten ist auf Unverständnis gestoßen, dass die umfangreichen Gelder, die der Berliner Senat für die koloniale Auseinandersetzung im Stadtbild bereitgestellt hat, an Initiativen vergeben wurden, denen die historische Fachkompetenz fehlt.

Geschichtsfälschung in Broschüren

Warum wird das Geld nicht genutzt, um eine Bildungs- und Begegnungsstätte ins Leben zu rufen für jene, die sich für die koloniale Geschichte und deren Folgen interessieren, denen jedoch die Fachkompetenz fehlt? Eventuell lässt sich eine solche im Humboldt-Forum integrieren? Das wäre weit sinnvoller, als den Druck von Flugschriften und Broschüren zu finanzieren, in denen die Geschichte auf den Kopf gestellt wird.

In einem solchen, an eine Stiftung oder eine ähnliche Trägerinstitution angebundenen Seminar- und Bildungszentrum wären die für die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte vorgesehenen Gelder nützlicher eingesetzt. Eine Spezialbibliothek zur Kolonial- und Postkolonialgeschichte könnte relevantes Archivmaterial wie Nachlässe von Angehörigen der kolonialisierenden Nation und von ehemals Kolonisierten enthalten.

Das wäre auf alle Fälle zielorientierter, als Debatten zu führen und Schriften zu sponsern, mit denen sich Berlin international blamiert. So könnten aktivistisches Engagement und wissenschaftliche Kenntnisse für ein politisches Anliegen gebündelt werden, für die die Vertreter beider Richtungen stehen.

Foto: Wikipedia/Waldemar Franz Hermann Titzenthaler
Im Deutschen Kolonialmuseum am Lehrter Bahnhof zeigten die eifrigen Jäger und Sammler ihre Beutestücke, Aufnahme um 1900.

Von einer schwer glaublichen Ignoranz zeugen Behauptungen, in Berlin lasse sich „kaum eine Spur des Erinnerns“ zum Kolonialismus finden. Es fehle, so wird realitätsfern angenommen, „sowohl eine umfassende wissenschaftliche als auch kulturelle Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit“.

Sind wirklich die vielen Aktivitäten unbekannt geblieben? Bedeutungslos die mannigfältigen Lehrangebote an den Berliner Universitäten? Die wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen, in Berliner Verlagen herausgegebenen Buchreihen zur deutschen Kolonialgeschichte?

– Die vielen Konferenzen, die große internationale Beachtung fanden und in der Berliner Presse ein mannigfaches Echo erfuhren? Die musealen Ausstellungen, angefangen vom Treptower Heimatmuseum bis zu drei Expositionen im Deutschen Historischen Museum? Die Stolpersteine, etwa für Mohamed Husen, der leider nicht mehr existierende, einst höchst wirksame Verein „Brandenburg – Princes Town – Eine Welt“ mit einer eigenen Abteilung „Brandenburgische Kolonialgeschichte“?

– Die Berliner Stadtführungen, die schon in den 90er-Jahren konzipiert wurden, Theater- und Performance-Veranstaltungen mit postkolonialem Anspruch, Dokumentar- und Spielfilme in TV und Kino? Allein sechs Bücher mit insgesamt Tausenden verkauften Exemplaren über die kolonialen Erinnerungsorte Berlins, Artikel in populären und wissenschaftlichen Zeitschriften mit besonderem Berlin-Bezug, eine TV-Dokumentation des RBB über die Kolonialgeschichte Brandenburg-Preußens, die in allen öffentlich-rechtlichen Sendern mehrfach ausgestrahlt wurde, eine weitere TV-Dokumentation über die Verstrickung Brandenburg-Preußens in den transatlantischen Sklavenhandel?

Debatten über die Umbenennung von Straßennamen

– Die öffentliche, jahrelange Debatte um die Umbenennung von Straßennamen wie dem Gröbenufer oder solche zum Afrikanischen Viertel in Wedding. Das Afrika-Haus in Moabit unter Leitung von Oumar Diallo mit seinem vielfältigen Angeboten an Ausstellungen, Diskussionen und Vorträgen.

– Das von einem Berliner Verlag herausgegebene und von der Bundeszentrale und verschiedenen Landeszentralen für Politische Bildung in mehr als 10.000 Exemplaren verkaufte Buch „Die Deutschen und ihre Kolonien. Ein Überblick“ sowie die die mannigfachsten Themen ansprechenden, in der Regel kostenfrei zu bestellenden Publikationen der Bundeszentrale für Politische Bildung? War das alles nichts?

Die auf falschen oder nur halbwahren Fakten beruhenden Argumente für eine Besinnung auf die Verantwortung Deutschlands für seine koloniale Vergangenheit bergen eine nicht zu unterschätzende Gefahr in sich.

Chance im Humboldt-Forum

Aufarbeitung: Eine offensive Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte wurde bei der digitalen Eröffnung des Humboldt-Forums, dem neuen Zentrum für Kultur, Kunst und Wissenschaft in der Berliner Mitte, im Dezember 2020 von den Verantwortlichen in Aussicht gestellt. 

Vorbilder: Die Namensgeber Wilhelm und Alexander von Humboldt sollen, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Vorbilder sein, „mit ihrer Lust, die Welt anzuschauen, über die Grenzen der eigenen Weltanschauung hinweg mit ihrer Neugierde dem Fremden zu begegnen, ohne es abzuwehren oder abzuwerten“.

Denn wer mit verfälschenden Argumenten, trotz Einspruch von vielen Betroffenen und Fachleuten, etwa Straßenumbenennungen fordert, für die es aus wissenschaftlicher und politischer Sicht keine Begründungen gibt, und die eine Minderheit dennoch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen versucht, wird auch historische Denkmäler stürzen. Wer das macht oder gutheißt, wird – so ist zu befürchten – keine Hemmungen haben, an den vandalistischen Taten zur Beschmutzung und Beschädigung kultur- und kunsthistorisch und musealer wertvoller Objekte teilzunehmen, oder daran nichts Verwerfliches finden.

Daraus kann folgen, wie eine Studie des Allensbach Instituts aus dem Jahr 2019 festgestellt hat, dass zunehmend in bestimmten Kreisen gefordert wird, Bücher, die nicht die politische Überzeugung von jenen Menschen widerspiegeln, aus den öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken zu entfernen. Deshalb wehret den Anfängen!

Prof. Dr. mult. Ulrich van der Heyden ist Historiker, Politikwissenschaftler und Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas, tätig an FU, HU und in Südafrika sowie Autor zahlreicher Bücher.