Zum Schluss sitzt Wolfgang S.* im Berliner Landgericht allein auf der Anklagebank, zusammengesunken, den Blick in sich gekehrt. Sein Gesicht ist rot. Verzweifelt reibt der 73-jährige Steuerberater seine Hände über die Stirn, so als könne er nicht glauben, dass er jetzt ins Gefängnis gehen soll. Dabei ist er doch derjenige, der beinahe ermordet worden wäre. Er ist das Opfer! Das Opfer seiner Frau Doris.

Es war der 4. Juni 2014, als sein Leben aus den Fugen geriet: Gegen 23 Uhr war er von seiner Lichterfelder Stammkneipe aufgebrochen. Knapp zwei Kilometer fuhr er bis zu seiner Haustür. Sein kleiner Hund saß hinten im Auto.

Wolfgang S. parkte rückwärts ein, stellte den Motor ab, öffnete die Fahrertür und stellte sein linkes Bein auf den Boden. Dann nahm er einen Schatten wahr. Neben ihm stand ein kräftiger Mann mit rundem Gesicht unter einer Kapuze. Es war eine laue Sommernacht. Der Mann trug schwarze Stoffhandschuhe.

Ein lebensgefährlicher Angriff

Wolfgang S. saß in der Falle. Er konnte sich weder ins Auto flüchten, noch aussteigen und weglaufen. Er fuchtelte mit den Armen, trat nach den Beinen des Unbekannten und schrie. 13 Mal traf ihn ein Messer in den Kopf, den Rumpf und den linkem Arm.

Ein Stich verletzte die Lunge, sie kollabierte. Der Täter verschwand in der Dunkelheit. Wolfgang S. schleppte sich noch in die Mitte des Parkplatzes. Auf einem Rasen brach er zusammen. Eine Nachbarin rettete ihm das Leben: Sachkundig drückte sie seine Wunden ab, bis der Notarzt eintraf.

Zehn Tage lang lag Wolfgang S. im Krankenhaus. Dort befragten ihn die Ermittler der Mordkommission. Auf der Windschutzscheibe seines Autos hatten sie ein wuchtiges Armband entdeckt, es hatte sich unter dem Scheibenwischer verklemmt. Wer könnte Wolfgang S. nach dem Leben trachten? Vielleicht, so überlegte er, war es seine Frau Doris.

Ehefrau brachte ihn in Lebensgefahr

Diese Aufrichtigkeit wird ihm große Schwierigkeiten bescheren. Die Ermittler erfahren von seiner gescheiterten Ehe, von dem Millionenerbe, das sich seine Frau erschlichen und von der Rolle, die Wolfgang S. dabei gespielt hat.

Davon, dass ihn die Frau verließ und er sie um jeden Preis zurückgewinnen wollte und deshalb Geld veruntreute und schließlich drohte, die ganze Sache auffliegen zu lassen, was ihn in Lebensgefahr brachte. Am Ende müssen sich fünf Menschen vor Gericht verantworten, und keiner kommt ungeschoren davon. Wolfgang S. verliert alles: seine Gesundheit, seinen Job, sein Geld und seine Freiheit.

Die Sekretärin Doris A. und der Steuerberater Wolfgang S. hatten sich Anfang der 90er-Jahre kennengelernt. Sie arbeitete im Büro eines Tankstellenpächters in Lichterfelde. Bald zog Wolfgang S. zu ihr und ihrem jugendlichen Sohn. Die Wohnung in einer Villa in Zehlendorf hatte Doris vom Geld ihres geschiedenen ersten Mannes gekauft, einem Arzt.

Lügen, Gier und Kalkül

Wolfgang S. bemerkte, dass Doris gerne im Mittelpunkt stand. Sie legte Wert auf Geld und teure Kleidung, Autos, Uhren und Reisen. Regelmäßig ließ sie sich von Udo Walz die Haare frisieren. Sie hatte sich eine Art „Ausgeh-Biografie“ zurechtgelegt, so bezeichnet es Wolfgang S. heute: Doris gab vor, sie sei die Tochter von Gutsbesitzern, deren Hof sich Tür an Tür mit der Familie Oetker befand. Das stimmte zwar, nur besaß die Nachbarsfamilie keinen Konzern. Doris behauptete auch, eine Studienfreundin von Rudi Dutschke gewesen zu sein, dabei hatte sie noch nicht einmal studiert.

Wolfgang S. sah darüber hinweg, er war verliebt. Er war es noch mehr, als Doris bei ihm blieb, obwohl die Ärzte bei ihm Krebs diagnostizierten und er fortan mit einem künstlichen Darmausgang leben musste. In diesem traurigen Moment schlug Doris A. vor, zu heiraten. Hätte Wolfgang S. gewusst, was er heute weiß, hätte er geahnt, dass diese Hochzeit kein Liebesbeweis war, sondern zum Kalkül einer selbstsüchtigen Hochstaplerin und Erbschleicherin gehörte.

Der neue Liebhaber

Ihre Verbindung endete im Jahr 2009. Er habe weiterhin an seiner Frau gehangen, hoffte, dass sich alles wieder einrenke. Doch dann suchte sich die mittlerweile 68-jährige Doris A. einen neuen Freund: Im November 2012 lernte sie Serdar E. kennen, in der Werkstatt, die zur Tankstelle gehörte, in der sie früher gearbeitet hatte. „Blacky“ nannte sie den 26 Jahre jüngeren, verheirateten KfZ-Mechaniker.

Mit ihm fuhr Doris A. in die Türkei, nach Ägypten in den Robinson-Club und zum Formel-1-Rennen nach Dubai. Sie lieh ihm fast 150.000 Euro, damit er Schulden begleichen und sich einen Mercedes, eine Auto-Werkstatt und später noch eine Diskothek kaufen konnte. Das Geld stammte von der verstorbenen, 93 Jahre alt gewordenen Gertrud G. – einer Mandantin von Wolfgang S. Doch es habe Streit um das Millionen-Erbe gegeben, berichtete der frisch operierte Steuerberater der Mordkommission.

Für den Fall, dass sich seine Frau endgültig von ihm trenne, drohte er ihr, der Staatsanwaltschaft mitzuteilen, wie das Erbe zustande gekommen war: Gertrud G. sei nämlich dement und demzufolge nicht mehr geschäftstüchtig gewesen, als sie im März 2008 ihren letzten Willen änderte und Doris A. als alleinige Erbin einsetzte. Ursprünglich hatte die Millionärin ihr gesamtes Vermögen dem Berliner Tierheim vermachen wollen.

Ein mysteriöser Überfall

Im Gespräch mit den Mordermittlern kam auch ans Licht, dass die Messerattacke nicht der erste Anschlag auf das Leben von Wolfgang S. war. Schon ein gutes Jahr zuvor, im April 2013, hatte es einen mysteriösen Überfall gegeben. Doris A. hatte den Verlassenen eines späten Abends mit dem Vorschlag überrascht, gemeinsam eine Runde mit dem Hund durch den Heinrich-Laehr-Park zu drehen. Wolfgang S., der noch immer hoffte, dass seine Frau wieder zu ihm zurückkehren würde, sagte zu.

Doch als sie eine Weile gegangen waren, er vorneweg, Doris mit dem Hund ein Stück hinter ihm, wurde er unversehens mit einer Eisenstange zu Boden geschlagen. Offenbar sollte es wie ein Raubüberfall aussehen, denn Wolfgang S. vernahm die Worte „Wir müssen ihm noch die Uhr abmachen!“ Seine goldene Rolex fand man allerdings später im Park wieder. Doris, die ebenfalls eine Rolex getragen hatte, blieb unbehelligt. Weitere Nachforschungen der Polizei verliefen im Sande.

Verräterische Telefonate mit dem Liebhaber

Nach der Messerattacke rieten die Ermittler Wolfgang S., Berlin zu verlassen. Die Täter hätten ihr Ziel noch nicht erreicht. Möglicherweise planten sie einen weiteren Anschlag. Die Kriminalpolizei hörte nun die Telefonate von Doris A. ab, später auch die ihres Geliebten Serdar E. Monatelang.

Und ihre Geduld wurde belohnt. Fünf Monate nach der Tat belauschten sie ein Gespräch, in dem Doris A. berichtete, dass Wolfgang S. noch immer über das Erbe streite. Serdar E. versprach seiner Mäzenin: „Schätzchen, ich schwöre es dir, ich mach seinen Arsch zwei Teile! Ich finde ihn, wo er ist, und dann ficke ich ihn selber!“

Doris A. beschwerte sich auch über den misslungenen Mordanschlag: „Naja, weißt du, wenn das anders gewesen wäre, dann hätte ich diese Probleme nicht, ne?“

„Ja, weiß ich“, antwortete Serdar. „Da reden wir schon nachher, nicht am Telefon, okay.“

Als Serdar E. mit seiner in der Türkei lebenden Mutter telefonierte, erfuhren die Ermittler seine wahren Zukunftspläne: „Alles, was ich von dieser Alten nehmen kann, ist ein Gewinn für mich. Doris ist kurz vor dem Sterben. Ich werde alles bekommen.“

Doris A. selbst hingegen beteuerte er seine Liebe: „Baby, ich habe für dich Scheiße gebaut. Was ich für dich gemacht habe, das macht niemand, noch nicht mal für ein paar Millionen Euro, verstehst du.“

Haftbefehl gegen den Liebhaber

Ein dreiviertel Jahr nach dem Anschlag erwirkte die Staatsanwaltschaft zwei Haftbefehle: Einer galt Serdar E., der auf Doris A. schimpfte: „Für diese blöde Kuh muss ich das jetzt ausbaden!“ Der zweite war gegen Serdars Bekannten mit dem Spitznamen „Tayfun“ ausgestellt. Ihn fand die Polizei in seinem eigenen Keller. Dort hauste Tayfun, weil er so pleite war, dass er seine vom Sozialamt finanzierte Wohnung vermietet hatte.

In seiner Jugend war der 44-Jährige öfters in Konflikt mit der Polizei geraten. Er war wegen Raubes, Diebstahls und Drogenhandels vorbestraft. Die Kriminalpolizei hatte herausgefunden, dass sein Handy am Tag des Überfalls in drei Funkzellen eingeloggt war, die von Ort und Zeitpunkt zur Tat passten. Tayfun gestand, den Auftrag erhalten zu haben, Wolfgang S. zu töten.

Serdar E. habe gesagt, er suche jemanden, der das für zwei- bis dreitausend Euro macht. Tayfun habe gesagt, für das Zehnfache würde er sich das überlegen. Daraufhin habe sich Serdar E. um ihn bemüht, habe ihn in seine Disko eingeladen und ihm Geld gegeben, für Gartenarbeiten und damit Tayfun seine Stromkosten bezahlen konnte – insgesamt 1700 Euro. Tayfun gefielen diese Aufmerksamkeiten.

Das Blatt wendet sich

Serdar E. habe ihm dann in den schwärzesten Farben von Wolfgang S. berichtet: Er würde Doris schlagen und ihr Geld wegnehmen wollen. Tayfun sollte zehn- bis fünfzehntausend Euro erhalten, wenn er ihn umbringe. Am Abend des 4. Juni 2014 habe Doris A. den Aufenthalt von Wolfgang S. ausgekundschaftet, Serdar E. habe ihm kurz vor dem Anschlag das Messer und die Stoffhandschuhe überreicht und im Auto auf Tayfuns Rückkehr gewartet.

Im Oktober 2015 begann der Prozess wegen versuchten Mordes gegen Serdar E., Tayfun und Doris A.. Ein Wachtmeister ermahnte Doris A., die sich im Publikum umschaute: „Einfach hinsetzen, nicht winken!“ Das weißblonde Haar der 71-jährigen Angeklagten saß perfekt, ihre Lippen waren rot geschminkt. Sie hatte abgenommen, das Essen in der Haftanstalt schmeckte ihr nicht.

Der Vorsitzende Richter verlas die Nachricht, die Doris A. über eine entlassene Mitgefangene an Serdar E. schicken wollte – stattdessen aber bei den Justizbeamten gelandet war: Ihr „Geliebter Blacky“ sollte alles zurücknehmen, was sie belasten würde. „Ich gab dir immer Geld. Ich habe zwei Werkstätten für dich gekauft. Wenn ich raus bin, kann ich alles für dich machen. Ich kann noch zwei Tankstellen für dich kaufen. Ich will nur dich haben. Ich bin froh, dass ich dich liebe!“

Dunkle Details bei der Verhandlung

Im Verhandlungssaal hatte Wolfgang S. gegenüber seiner Ex-Frau Platz genommen – die beiden waren mittlerweile geschieden. Sein Anwalt Sven Peitzner hatte ihn bereits darüber informiert, dass die Staatsanwaltschaft auch wegen des Erbes Anklage gegen ihn und Doris A. erhoben hatte. Doch zunächst hatte Wolfgang S. die Opfer-Rolle inne. Er berichtete von den Alpträumen, die ihn verfolgen, von den Narben, die bei jedem Wetterumschwung jucken. Er könne täglich nur noch wenige Stunden lang arbeiten.

Tayfun, der Beinahe-Mörder, wiederholte vor den Richtern sein Geständnis, behauptete aber, er habe damals Gewissensbisse bekommen und den Angriff abgebrochen. Das Gegenteil war ihm nicht zu beweisen, die Richter verurteilten ihn lediglich wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis. Serdar E. hingegen, der vom Tod von Wolfgang S. finanziell profitieren wollte und sogar neue Mordpläne schmiedete, wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Eine unglaubliche Diagnose für Doris A.

Und Doris A.? Am neunten Verhandlungstag schied sie unbestraft aus dem Prozess. Eine psychiatrische Gutachterin hatte ihr zuvor eine fortgeschrittene Demenz bescheinigt – Doris A. teilt nun das Schicksal der verstorbenen Gertrud G. Ihre Anwälte brachten Doris A. in einem Heim unter. Gleichwohl nutzte sie ihre dauerhafte Verhandlungsunfähigkeit, so hat Wolfgang S. es erfahren, um jedem zu erzählen: „Ich bin unschuldig!“

Im Dezember 2017 nimmt nun Wolfgang S. auf der Anklagebank Platz. Ihm wird Untreue vorgeworfen: Als Gertrud G. ins Heim kam, hatte sie ihm alle Vollmachten erteilt. Er allein besaß den Zugang zu ihrem Millionenvermögen, dessen konkrete Höhe von der Staatsanwaltschaft nie ermittelt werden konnte.

Vom Konto von Gertrud G. hatte Wolfgang – noch bevor die Millionärin gestorben war – gemeinsam mit Doris fast 200.000 Euro abgeräumt. Auch habe er seiner Frau bei ihrem Betrug geholfen, als er gegenüber dem Nachlassgericht bestätigte, keine Bedenken gegen deren Erbschaft zu haben, so die Anklage.

So wurde Wolfgang S. zum Betrüger

Neben Wolfgang S. sitzt auch Ingo M. Der Notar habe, so heißt es, die Erteilung von Doris’ Erbschein ermöglicht, obwohl Gertrud G. am Tag der Testamentsänderung längst nicht mehr geschäftsfähig gewesen sei. Für diese Beihilfe zum Betrug habe Ingo M. eine Gebühr von 1867,71 Euro erhalten.

Über seinen Anwalt versucht Wolfgang S., dem Gericht zu erklären, wie es dazu gekommen war, dass er, der gelernte Steuerfachangestellte, der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hatte, der dank eines guten Mentors die schwere Prüfung zum Steuerberater geschafft hatte und zum Schluss sogar Prüfungen bei der Steuerberaterkammer abgenommen hatte – dass also er sich solchen Vorwürfen stellen muss.

Seit 1980 hatte er Gertrud G. beraten. Die ehemalige Postangestellte legte Wert darauf, alles zu kontrollieren. Sie lebte sparsam und verwaltete selbst die Häuser, die sie von ihrem Mann geerbt hatte. „Wir haben uns gut verstanden, sie hat mir vertraut“, sagt Wolfgang S. vor Gericht.

2004 empfahl er seiner damals 85-jährigen Mandantin, ein Testament aufzusetzen: Die tierliebende Millionärin hatte keine Erben und wollte das Berliner Tierheim begünstigen. Kurz darauf stürzte sie und brach sich den Oberschenkelhalsknochen. Wolfgang S., ihr Generalbevollmächtigter, sorgte dafür, dass sie gemeinsam mit ihrem Kanarienvogel Jockele in einem der teuersten Pflegeheime Berlins betreut wurde.

So gewann Doris A. das Vertrauen von Gertrud G.

Gertrud G. war Fremden gegenüber tendenziell misstrauisch. Doris A. gelang es dennoch, ihr Vertrauen zu gewinnen. Fast täglich besuchte sie Gertrud G., die im März 2005 ins Heim gekommen war. Regelmäßig sprach Doris A. mit der Pflegedienstleitung über die Millionärin und deren Gesundheitszustand.

Zuweilen kam Doris A. auch in Begleitung ihres Sohnes. Anschließend gingen die Besucher zum Shoppen ins KaDeWe, das dem Heim gegenüberlag. Heute denkt Wolfgang S., dass Doris damals ganz gezielt versuchte, sich die Zuneigung von Gertrud zu erwerben.

Im August 2007 war es so weit: Gertrud G. schenkte Doris A. 350.000 Euro. Mehr noch: Die alte Dame schien Doris A. so ins Herz geschlossen zu haben, dass sie ihr zugunsten auch ihr Testament ändern wollte. Wolfgang S. hatte nichts dagegen: Im März 2008 hielt der Notar Ingo M. den letzten Willen von Gertrud G. fest.

Mittlerweile schwankte das Befinden der Erblasserin stark. Wollte Doris A. sie besuchen, konnte es sein, dass sie vom Pflegepersonal erfuhr: „Frau G. ist heute nicht ansprechbar.“ Kurz nach der Testamentsänderung stellte Doris A. die Besuche bei ihrer Gönnerin ein.

Die verhängnisvolle Trennung

Eigentlich wäre die Geschichte hier zu Ende gewesen: Doris A. und Wolfgang S. hätte das Erbe einer greisen, demenzkranken Millionärin gewunken, und sie hätten sich für den Rest ihrer Tage keine Sorgen mehr machen müssen. 2009 aber trennte sich Doris A. von Wolfgang S. Der hatte offenbar seine Schuldigkeit getan und war in ihrer weiteren Lebensplanung nicht mehr relevant. Ihr Pech war, dass er das nicht einsah.

Bei seinem Auszug will Wolfgang S. einen Stapel Papiere entdeckt haben, so erzählt er es auf dem Gerichtsflur. In diesem Stapel befand sich das Attest einer Psychiaterin. Sie bescheinigte Gertrud am 21. September 2005 eine Demenz vom Alzheimer-Typ.

Aus der Liebe zur Frau

Wolfgang S. beteuert, seine Frau hätte ihm dieses Attest nie gezeigt. Er habe damals sofort den Notar angerufen. Der hätte ihn beruhigt: Am Tag der Testamentsänderung habe er den Eindruck gewonnen, dass Gertrud G. wusste, was sie unterschreibt. Wolfgang S. sagt, auf diese Aussage hätte er sich verlassen. Letztlich sei es ihm egal gewesen, ob das Geld ans Tierheim oder an Doris fließt.

Er gibt zu, Doris A. eine Vollmacht zum Konto von Gertrud G. gegeben zu haben – noch vor deren Tod. Er tat es, sagt er, um die Zuneigung seiner Frau wiederzugewinnen und weil diese argumentiert habe: „Ich bin doch Erbin. Ich krieg’s doch sowieso!“

Darüberhinaus nutzte er selbst das Geld von Gertrud G., um Doris A. noch nach der Trennung zweimal nach Dubai einzuladen, auch um finanzielle Engpässe seiner Firma zu überbrücken und um sich „ein finanziell sorgenfreies Leben zu ermöglichen“.

Das Gutachten des Psychiaters

Doch ab welchem Zeitpunkt war Gertrud G. dement? Das Gericht hört Zeugen, die die alte Dame im Heim behandelt, gepflegt oder getroffen hatten. Anschließend bestätigt ein psychiatrischer Gutachter das Attest vom September 2005: Danach sei die Erblasserin am Tag der Testamentsänderung nicht mehr geschäftsfähig gewesen: Sie erkannte weder Räumlichkeiten noch Personen, sie konnte sich nichts merken, geschweige denn ihr Handeln oder neue Informationen beurteilen.

Kristin Hartmann und Michael Nitschke, die Anwälte von Ingo, zerpflücken das Gutachten des Psychiaters: Er habe die Aussagen der Ärzte und Pfleger von Gertrud G. einseitig zu Lasten der Angeklagten interpretiert und darüber hinaus unkritisch alte Diagnosen übernommen, ohne die vorhandenen Krankenakten zu studieren und sich über das konkrete Verhalten der Erblasserin zu informieren.

Das Verfahren gegen Ingo M. wird eingestellt

Auf diese Weise könne der Psychiater gar nicht das im September 2005 überaus schlampig erstellte Attest bestätigen. Es könne nämlich sein, dass Gertrud G. damals an einer Erkrankung gelitten habe, die zwar einer Alzheimer-Demenz ähnelte, deren Folgen jedoch heilbar gewesen seien und möglicherweise bei der Testamentsänderung im März 2008 keine Rolle mehr gespielt hätten.

Die Argumente sind fundiert. Will das Gericht nicht riskieren, dass das Urteil später aufgehoben wird, muss es ihnen folgen. Ein neuer Gutachter müsste beauftragt werden, der Prozess von vorne beginnen. In dieser Zeit sind die Vorwürfe verjährt.

So einigen sich die Richter, Verteidiger und der Staatsanwalt darauf, dass das Strafverfahren gegen den Notar Ingo M. eingestellt wird, wenn er 25.000 Euro an die Justizkasse und die Deutsche Kinderkrebshilfe zahlt. Ingo schluckt, willigt aber ein und darf mit seinen beiden Anwälten den Gerichtssaal verlassen.

95-mal am Konto bedient

Das ist der Moment, in dem Wolfgang S. ganz allein zurückbleibt. Er wirkt jetzt noch kleiner neben seinem Anwalt. Dabei ist die Lage nicht hoffnungslos: Weil ungeklärt blieb, ob das letzte Testament von Gertrud G. unrechtmäßig zustande gekommen ist, verzichtet das Gericht auf den Vorwurf, Wolfgang S. habe seine Frau Doris A. beim Betrug unterstützt.

Übrig bleibt die Tatsache, dass er und Doris sich noch vor dem Tod der Millionärin 95-mal an deren Konto bedienten. „Die Rolle des Angeklagten war untergeordneter Natur, die treibende Kraft war seine Frau“, meint der Staatsanwalt. Er fordert zwei Jahre Haft zur Bewährung und die Rückzahlung des Geldes.

Seine Zulassung als Steuerberater wird Wolfgang S. bereits verlieren, wenn er zu einem Jahr Haft verurteilt wird. Sein Anwalt beschreibt noch einmal das Verhältnis der Eheleute, insbesondere 1996, als sein Mandant erfuhr, dass er fortan mit einem künstlichen Darmausgang leben muss, und Doris A. ihm vorschlug, zu heiraten. „Er ist gerührt. Die Frau, die er liebt, hält in seiner schwersten Stunde zu ihm. Diese Geste wird ihn gegen jedes Misstrauen immunisiert haben“, argumentiert Sven Peitzner.

Ein gebrochener Mann

Er appelliert an die Richter, nicht zu vergessen, dass die Untreue ohne die offenen Worte gegenüber den Ermittlern niemals entdeckt worden wäre. „Der versuchte Mord wäre nicht aufgeklärt worden – und der Angeklagte säße jetzt nicht hier.“ Bei diesen Worten treten Wolfgang S. die Tränen in die Augen. Traurig schüttelt er mit dem Kopf, als ihn der Vorsitzende Richter fragt, ob er vor der Urteilsberatung noch etwas sagen möchte.

Möglich, dass Wolfgang S. eine Vorahnung hat, denn das Urteil, das am 4. Mai dieses Jahres ergeht, ist hart: Wegen gewerbsmäßiger Untreue muss er drei Jahre ins Gefängnis. Außerdem soll er rund 130.000 Euro zurückzahlen. Ob ans Tierheim oder gar an Doris A. muss nun das Nachlassgericht Schöneberg entscheiden.

„Vielleicht ist die Vollstreckung der Haftstrafe angesichts Ihres Gesundheitszustandes durch ein Gnadenverfahren abzuwenden“, rät der Vorsitzende Richter Jochen Käbisch. Es klingt, als entschuldige er sich für sein Urteil.

Auf dem Gerichtsflur hatte Wolfgang S. noch von dem Angriff gesprochen, der ihn vor vier Jahren fast das Leben gekostet hatte. Einer der Stiche hätte ihn fast ins Herz getroffen. Wolfgang S. sagte: „Ich wünschte, es wäre so gewesen.“

* Name von der Redaktion geändert