Berlin - Ich habe gelesen, dass ich ganz allein die Welt verändern kann. Ich kann auch Corona beenden, wenn ich will. Fachleute nennen es das soziale Ende der Pandemie. Es geht dabei nicht allein darum, wie dramatisch die Lage aus Sicht der Virologen und Notfallmediziner ist oder wie hart der dritte Lockdown wird oder wann die meisten geimpft sein werden. Das soziale Ende der Pandemie beginnt langsam, wenn die Leute nicht mehr nur Angst haben, sondern auch anfangen, Wege zu finden, um mit der Krankheit zu leben. Meist beginnt es mit der Rückkehr zu alten Gewohnheiten.

Ich hab’s probiert mit der Abkehr vom Rumgesitze und bin mit dem Rad zu einem Termin gefahren. Auf dem Rad habe ich auch viel mehr Abstand als beim Über-den-Bürgersteig-Laufen oder beim In-der-U-Bahn-sitzen.

Zuerst inspizierte ich vom Fenster aus den Himmel: blau mit Wolken. Vergnügt rannte ich die Treppe runter. Unten merkte ich, dass ich keinen Helm bei mir hatte. Wie schnell man doch vergisst, was früher normal war. Als Vater und potenzielles Vorbild rannte ich wieder die Treppe hoch. Als ich wieder im Hof stand, hörte ich das Trommeln von Regentropfen.

Also wieder hoch, Regencape holen. Als ich wieder unten stand, wurde mir klar, dass die Welt in unserem Hof eine andere ist als die vor dem Haus. Denn das Dach über den Mülltonnen ist aus Kunststoff – und da klingt jedes Regentröpfelchen wie ein halber Wolkenbruch. Was man nicht alles vergisst.

Draußen vor dem Haus war es bestenfalls nieselig. Die eine Wolke hatte sich in unserem Hof leergeregnet. Es war ein Tag, der so einiges zu bieten hatte: Sonne fürs Herz und Regen für die Bäume. Ich radelte los.

Ach, war das schön. Auf dem Rad wirkt Berlin gleich ganz anders. Nicht mehr eine eingeschlafene Corona-Stadt, in der die Leute durch die Straßen schlurfen, weil sie sowieso nicht viel zu erledigen haben. Ohne den Termindruck verliert selbst eine Großstadt ihre Hektik.

Auf dem Rad pfeift nicht nur der Fahrtwind, da jaulen auch die Bremsen der Autos, da tröten ihre Hupen, da bremsen die Autos mit Provinznummernschild auch mal bei Grün, und die Berliner Macho-Karren geben bei Rot erst richtig Gas. Ach, war das schön. Das, was früher nerviger Alltag war, wurde nun ein Fest.

Weil die ersten zehn Kilometer so schön waren, fuhr ich nachmittags zu einem anderen Termin gleich wieder per Rad. Als ich abends nach Hause kam, war die Pandemie natürlich nicht vorbei. Meine Frau zeigte mir stolz die frisch erworbenen Schnelltests. Aber ich persönlich hatte einen ersten Schritt getan. Ich hatte den Fahrtwind erlebt und damit eine Vorahnung von der alten neuen Freiheit.

Ich wusste, dass ich am nächsten Tag Muskelkater haben würde und freute mich. In einer nicht allzu fernen Zukunft fahren wir wieder jeden Tag zur Arbeit. Jedenfalls die, die noch Arbeit haben.