1957, das Hansaviertel entsteht als zentrales Ausstellungsobjekt der Interbau-Messe, entworfen von internationalen Architekten. Für die Messe wurde auch eine Sesselbahn errichtet.
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Berlin-MitteOst oder West? Wer sich nicht auskennt in den Architekturscharmützeln in Zeiten des Kalten Krieges zwischen Ost-Berlin und West-Berlin, wird es immerhin mithilfe der Automarken   sagen können. Hier haben wir es nicht mit den Wohnscheiben der Karl-Marx-Allee zwischen Alex und Straßberger Platz zu tun, sondern mit dem Hansaviertel in der Nachbarschaft vom Tiergarten. Als es in den 1950er-Jahren entstand, galt es als visionär, als Demonstration moderner Stadtplanung und Architektur.

Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1957 stellten 36 Architekten vor, wie sie sich das Wohnen der Zukunft dachten. Es entstanden 42 Gebäude, 39 davon am Rande des Großen Tiergartens zwischen den S-Bahnhöfen Tiergarten und Bellevue.

Die Baumeister der Nachkriegsmoderen lösten die traditionelle Straße auf, stellten Punkthochhäuser und Wohnscheiben zwischen Wiesen, Wege und Grünanlagen. Die Grundgedanken: Erstens, bloß nicht an die alte europäische Stadt erinnern. Man wollte ja neu sein und das zwischen 1933 und 1945 Erlebte vergessen. Zweitens, rationalisieren, typisieren und auf diesem Wege zum bezahlbaren Wohnungsbau für die Massen kommen. Drittens: Sonne, Luft  und Licht

Zuvor hatten in der gehobenen innerstädtischen Wohnlage gutbürgerliche Wohnhäuser gestanden, doch das Viertel war durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört worden.

Die Luftaufnahme von 1960 vermittelt einen Eindruck von der lockeren Verteilung der Bauten.
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In der Entwurfs- und Bauzeit reagierte die westliche Baupolitik mit dem Hansaviertel auf die im Osten als Repräsentationsstraße errichtete Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee). Ihr Stil kombinierte  sozialistischen Klassizismus und preußischen Schinkel. In einer zweiten Phase enstand dann zwischen Alexanderplatz und Strausbergerplatz das Ensemble mit dem Kino International, das dem Hansaviertel sehr ähnlich ist. 

Seit 2012 gibt es Bestrebungen, beide aufeinander bezogene Viertel als herausragende Beispiele für den Städtebau in West und Ost zur Zeit des Kalten Krieges zum Unesco-Weltkulturerbe erheben zu lassen.

Anfang 2020 ließ Ephraim Gothe, SPD, Baustadtrat des Bezirkes Mitte, das Hansaviertel zum "Gestaltungsgebiet" erklären. Diesen Status erhalten Gebiete, "deren Ortsbild und Stadtgestalt von besonderer städtebaulicher, geschichtlicher und künstlerischer Bedeutung sind", wie es in einer Pressemitteilung hieß.

1957, das Hansaviertel wird errichtet mit Häusern im Stil der Neuen Sachlichkeit, dazwischen als Flachbauten Kultur- und Sozialeinrichtungen.
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Ziel ist es demnach, die städtebauliche Struktur des Hansaviertels "mit den typischen gestalterischen Elementen und dem prägenden Erscheinungsbild dieses Stadtraumes" zu erhalten. 

Offenbar sieht der Bezirk "die städtebauliche Gestalt des Gebietes durch bauliche Maßnahmen beeinträchtigt", stellt es entsprechend unter Schutz und definiert Kriterien für den Umgang mit der Bausubstanz bei anstehenden Maßnahmen, also Neubau, Rückbau, Änderung oder Nutzungsänderung.

Die "Stadt von Morgen" steht heute unter Denkmalschutz. Manche einst gefeierte Orte waren nicht so attraktiv wie von den Schöpfern erwünscht. Es geht also auch um die Revitalisierung von Orten. Gerade wurde die  Hansabibliothek saniert. Anwohner schätzen vor allem das Dörfliche inmitten der Großstadt.