Berlin-Mitte - Was unterscheidet den Palast der Republik vom Humboldt-Forum im Berliner Schloss? Der Erste war nach 32 Monaten Bauzeit fertig, hatte ein klares, an viele Menschen gerichtetes Konzept und erwies sich als äußerst beliebt, wofür die Besucherzahlen sprechen. 15.000 Leute besuchten das Gebäude täglich im Durchschnitt, fünf Millionen pro Jahr. 70 Millionen kamen während der 14 Jahre, die dem Haus des Volkes gegönnt waren. Rein rechnerisch wäre jeder der 18 Millionen DDR-Bürger fast viermal dort gewesen. Eine DDR-Erfolgsgeschichte.

Das Humboldt-Forum ist nach acht Jahren Bauzeit noch nicht fertig, jüngste Berichte von erheblichen Mängeln unter anderem an der Elektrik erinnern an den Flughafen BER. Das Konzept als Universalmuseum richtet sich eher an Gebildete sowie Touristen – und es erodiert inhaltlich mit jeder genaueren Betrachtung eines Ausstellungsstücks kolonialen Ursprungs.

Das Haus rechnet mit drei Millionen Besuchern pro Jahr bei deutlich größerer Nutzfläche als der Palast. Um mit dessen Erfolg gleichzuziehen, müssten es in 14 Jahren etwa 320 Millionen Gäste besucht haben – wenn jeder der 80 Millionen Bundesbürger viermal käme. Das ist extrem unwahrscheinlich.

Beiden Gebäuden gemeinsam ist die historische Aufladung, die schon allein durch den Standort entsteht – am Nabel Berlins, Herrschersitz seit 1443, Nullpunkt der Vermessung aller preußischen Poststraßen, Schauplatz ungezählter Schicksalsereignisse. Und noch eine Gemeinsamkeit: Der jeweiligen Errichtung ging der überwiegend politisch motivierte Abriss des Vorgängerbaus voraus – Akte von Geschichtstilgung der eine wie der andere.

Vor 45 Jahren öffnete der Palast der Republik für das Publikum, am 23. April 1976 nahm das neugierige Volk sein Haus in Besitz. Der Jahrestag ist Anlass genug für eine Ausstellung, die die Bürgerinitiative Freunde des Palastes der Republik derzeit in der Galerie im Kiez im Friedrichshainer Kultur- und Nachbarschaftszentrum RuDi zeigt.

Etwa 50 Tafeln voller Fotos und Texte, Zeitzeugenberichte und anderer Dokumente führen zurück an die vielen Orte, an denen der Palast lebte – Großer Saal, Foyer, Bowlingbahn, Theater, Restaurants erinnern an Konzerte wie Parteitage. Auch an die kreative Zwischennutzung nach Schließung und Asbestbeseitigung wird erinnert.

Die entkernte und graffitibesprühte Ruine lebte auf und führte das dem Gebäude innewohnende Potenzial vor: Etwa 650.000 Besucher kamen zu mehr als 900 Kunst-Events. Die Popularität bewahrte nicht vor dem Abriss, ebenso wenig die über 28 Jahre immer wiederholten „sanften Belagerungen“ und anderen Aktionen als Protest gegen die Vernichtung. Nun gibt es eindrucksvolle Fotos vom Ort der DDR-Demontage.

Viele der Bilder stammen von Rudolf Denner, Sprecher der Freunde des Palastes der Republik. Er wohnte in der Nähe des Gebäudes und dokumentierte als Hobbyfotograf dessen Verschwinden. Die Empörung über den Kulturfrevel hält ihn wie die 150 in der ganzen Bundesrepublik lebenden Mitglieder in hartnäckiger Aktivität: „Der Abriss des Palastes der Republik ist ein prominentes Beispiel der Geschichtsentsorgung und -verfälschung“, sagt er.

Rudolf Denner/Freunde des Palastes der Republik
Funken sprühen beim Abriss: Demontage des Stahlgerüstes.

Diese Dimension sei eigentlich zu groß für den kleinen Freundeskreis – immerhin findet sich darunter einige Prominenz wie Gesine Lötzsch oder Hans Modrow. Man tritt durchaus selbstbewusst auf, nicht nur mit der Ausstellung, die als ständig wachsende Wanderausstellung konzipiert ist und je nach Raumverhältnissen auf bis zu 250 Tafeln erweitert werden kann.

In einem dicken, in der Ausstellung ausliegenden Ordner kann das Publikum den hochrangigen Briefkontakt einsehen. Rudolf Denner hat an die Bundeskanzlerin und den Bundestagspräsidenten geschrieben, der Abriss des Palastes widerspreche dem Einigungsvertrag, in dessen Artikel 35.2 sich folgender Passus findet: „Die kulturelle Substanz in dem in Artikel 3 genannten Gebiet (die DDR, Anm. d. Red.) darf keinen Schaden nehmen.“ Kann man das angesichts der oben genannten Besucherzahlen anders sehen?

Angela Merkel ließ antworten: „Die Kanzlerin begrüßt es, dass vom Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht wird.“ Weiter: „Gerne dürfen Sie sich als Freundeskreis PdR auch weiterhin mit Ihren Erklärungen an die Öffentlichkeit wenden.“ Sehr großzügig. Zur Sache gibt es nichts.

Wolfgang Schäuble lässt mitteilen, Investitionen in Schlösser, Stadtkerne, Museen und Gedenkstätten hätten zu den großen Erfolgen der deutschen Einheit gehört. Gleichwohl ließe sich aus dem Einigungsvertrag keine „Bestandsgarantie für einzelne Gebäude ableiten“.

Der Abriss des Palastes der Republik ist ein prominentes Beispiel der Geschichtsentsorgung und -verfälschung.

Rudolf Denner

Trotz alledem – Freundinnen und Freunde des Palastes arbeiten 30 Jahre nach dessen Schließung gut gelaunt und unverdrossen an der Pflege der Erinnerung. Sie organisieren Petitionen, sammeln Zeugnisse der Geschichte. Das Fotoarchiv des Palastes, das kurz vor seiner Vernichtung aus einem Container gerettet wurde, harrt im Deutschen Historischen Museum der Aufarbeitung. Viel Arbeit.

Aktuell beobachtet der Freundeskreis, welche Rolle der Palast im Humboldt-Forum spielt. Zwölf „Spuren“, verteilt im Haus, sind vorgesehen, zum Beispiel ein Monitor des Besucher-Kontrollsystems, eine Schmuckwand aus Meißner Porzellan, die einst ein Palastrestaurant zierte, und Wolfgang Mattheuers Gemälde „Guten Tag“.

Denner freut sich über die guten Kontakte mit dem HUF. Zwei neue Ausstellungstafeln berichten von einem Rundgang durch das Haus zu den Palast-Spuren. Aber er kritisiert die Schmalspurabbildung durch die wenigen Objekte: „Wer den Palast kannte, findet ihn nicht wieder; wer ihn nicht kannte, wird nicht verstehen, was er war.“

Rudolf Denner/Freunde des Palastes der Republik
Das Foyer unter der Gläsernen Blume war vielfältig nutzbar: Hier beobachtet das Publikum eine Turniertanz-Veranstaltung.

Man müsse die Komplexität des Palastorganismus deutlich machen und auf jeden Fall die berühmte Gläserne Blume aus dem Foyer wieder aufstellen – am besten im Eingangsbereich. Bisher hört er nur Ausflüchte: Es ginge nicht, die in einem DHM-Depot lagernde Blume sei beschädigt. Denner beharrt: „Es wird so vieles rekonstruiert, sogar ein ganzes Schloss. Da wird man doch ein Glasobjekt nachbauen können.“ Er sagt: „Wir lassen uns nicht irritieren. Von wegen zu teuer! Nur der Wille muss da sein.“ Jetzt ist die Blume als Teil einer Videowand zu sehen – technisch gut gemacht, findet Denner, aber eben nur ein flüchtiger Eindruck.

Außerdem wünscht sich der Freundeskreis ein Modell des Palastes im Maßstab 1:50, also etwa fünf Meter groß. Zwischennutzung und Abriss kommen in der Geschichtserzählung des HUF bisher gar nicht vor, das wäre zu ändern. Und man erhofft sich einen schönen Erinnerungseffekt, wenn es unter den gastronomischen Einrichtungen solche gäbe, die den Kultorten des Palastes entsprächen.

Eine Forderung an das HUF geht über die Erinnerung an das Vernichtete hinaus. Sie lautet: volle Transparenz über alle Vorgänge auf dem Schlossplatz – also Konzepte, Kosten und Konsequenzen.

Offenkundig ging ja schon die Idee, die außereuropäischen Kulturen aus Dahlem in die Mitte der deutschen Hauptstadt zu holen, koloniale Beutekunst in einer Art Reinigungsakt mit dem guten Geist Alexander von Humboldts zu verbinden, von politischer Fehleinschätzung aus.

Rudolf Denner/Freunde des Palastes der Republik
Nach dem Abriss: Ergebnis der Geschichtstilgung. Im Hintergrund Dom und Altes Museum.

Für Rudolf Denner steht jedenfalls fest: „Das Humboldt-Forum muss sich messen lassen an den Möglichkeiten, die der Palast bot.“ Ein Blick in die Berliner Zeitung vom 15. Juni 1976 ergibt, dass in jenen ersten Lebenstagen des Palastes ein kubanisches Tanzensemble im Großen Saal vor mehr als 3000 Menschen Szenen aus der Sklavenhalteraristokratie der Kolonialzeit aufführte. Das passte, mit 45 Jahren Verspätung, besser in den Schlossnachbau als die derzeit zur Schau getragene Irgendwie-Decolonize-Idee.

Ausstellung zum 45. Jahr der Eröffnung des Palastes der Republik, Galerie im Kiez, Kultur- und Nachbarschaftszentrum RuDi, Modersohnstraße 55, Mo–Fr 7 bis 17 Uhr, bis 28. Juni. Bitte anmelden unter Tel.: 29 29 603