Die Kuppel ist endgültig abgerüstet, die preußisch-blaue Inschrift liegt frei, das Kreuz kann kommen. 
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BerlinDer Wind am Freitagabend hat die Inszenierung ein wenig durcheinander gebracht. Die Schaulustigen mussten sich ein paar Stunden gedulden, aber dann war es soweit: Die Kuppel des Humboldt-Forums wurde mit einem goldenen Kreuz gekrönt. Mit der Aufstellung des goldenen Kreuzes auf der Kuppel des Humboldt-Forums und dem ersten Spatenstich für das Einheitsdenkmal auf dem Sockel des einstigen Kaiserdenkmals kommt eine fast genau dreißig Jahre währende Debatte um die Gestaltung des heutigen Schlossplatzes zu einem vorläufigen Ende. Sie war geprägt vor allem vom ästhetisierenden Streit um Formen, nur selten aber spielte die Bedeutung der Formen und noch weniger die Nutzung des gewaltigen Neubaus eine Rolle.

Die Debatte um den Schlossfassadennachbau begann 1990 in den Tagen der endenden DDR. Damals erschien die Idee utopisch. Erst die in der deutschen Architekturgeschichte einzigartige Privatinitiative Wilhelm von Boddiens, der mit einem Förderverein und unermüdlichem Engagement 1993 die „Schlosskulisse“ vor dem leeren Palast aufbauen ließ, brachte breite Fahrt in die Debatte. 2002 beschloss der Bundestag mit riesiger Mehrheit, den von Asbest befreiten Palast der Republik wider alle Ökologie und Ökonomie abreißen zu lassen. Stattdessen sollte ein Humboldt-Forum mit Ausstellungen, Museen, Wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken (beide entfielen dann später) entstehen, umhüllt mit den barocken Außenfassaden des 1950 gesprengten Berliner Schlosses. 2006/07 folgte der Wettbewerb, Sieger war der vollkommen unbekannte italienische Architekt Franco Stella.

Sein Entwurf zeigte nicht nur – wie gefordert – die barocken Fassaden vor einem sehr abstrakt-rationalen Grundriss sowie die in der Ausführung dann erschreckend brutaler Ostfassade zur Spree, sondern auch die spätklassizistische Kuppel Friedrich August Stülers. Die Jury hatte nachträglich beschlossen, einen Kuppelbau zur Bedingung für die Preisvergabe zu machen. Nur acht der insgesamt 27 eingereichten Kuppel-Entwürfe zeigten allerdings ein Kreuz. In Franco Stellas Entwurf war es zwar nicht auf der oft publizierten Längszeichnung und auch nicht auf dem Modell oder der Fassadenansicht zu sehen, wohl aber in einem Fassadenaufriss. Der Berliner Zeitung gegenüber betonte Stella jetzt, für ihn sei ein Kuppelkreuz auch unabdingbar gewesen: Es markiere, dass die Kuppel kein Teil eines Profanbaus gewesen sei. Sein Fehlen hätte also dem „geistigen Wesen der Rekonstruktion des Berliner Schlosses“ widersprochen, so Stella.

Dennoch wurden Kuppel, Kreuz und Inschrift erst 2011 ohne öffentliche Debatte fixierter Teil der Planungen. Der Bundestag nämlich lehnte weiterhin und bis heute eine Finanzierung dieses Symbolzeichens ausdrücklich ab. Das Kreuz wurde deswegen von der Witwe des Versandhausbesitzers Otto finanziert, die Außenarchitektur der Kuppel und die erst jetzt weithin debattierte, fundamentalistisch-christliche Inschrift durch Stifter, deren Namen nur der Stiftung Humboldt-Forum und wohl auch den Steuerbehörden bekannt sind.

Die zentrale Begründung für Kuppel, Kreuz und Inschrift ist immer wieder, dass sie zu einem korrekten Nachbau gehörten. Doch wenn man sich die Details des Fassadennachbaus ansieht, ist er eben gerade keine pingelige Kopie des 1950 zerstörten Originals, sondern eine zwar historisch begründbare, handwerklich oft herausragend gut gemachte, in vielem aber recht freimütige Nachschöpfung aus heutigem Geist und heutigen Interessen heraus. So ist die Inschrift keineswegs eine Kopie jener Inschrift, die 1950 zerstört wurde. Es handelt sich dagegen, wie die Schlossbaustiftung bestätigte, um eine Wiederholung jenes Inschrifttextes, der für 1848 überliefert ist, aber schon 1884 bei einer Renovierung ersetzt worden war. Der Text stammt nun wieder aus 1848 – ergänzt um einige Buchstaben, worauf der Historiker Werner Kohl mittels einer Detailanalyse hinwies, die den Text im heutigen Sinn flüssiger lesbar machen. Die Buchstabenform dagegen orientieren sich an der Fassung der Inschrift von 1884, und die Bautechnik ist gänzlich modern. Ein Epochen-Potpourri also, das durchaus die Frage stellen lässt: Warum musste man diese Inschrift überhaupt rekonstruieren, wenn man sich nicht einmal für eine Zeitebene entscheiden konnte?

Die aus der Renaissance stammenden Fassaden wurden vollständig weggelassen, das erst unter Wilhelm II. wieder angefügte große Kartuschenfeld über dem Westportal dagegen nachgebaut. Kostbare barocke Originalskulpturen wurden, wider alle denkmalpflegerische Sorgfaltspflicht, in die Nachbau-Fassade integriert, aber die originalen wilhelminischen Küchenkeller abgeräumt. Über der Nordwestecke verschandelt ein viel zu hoher Caféaufbau die lange Linie der Lustgartenfassade – und die Fassadenfarben sind weitgehend eine moderne Erfindung: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war das Schloss steingrau, später wurde es dank der dreckigen Berliner Luft geradezu militärgrau. Vor uns steht aber ein Bau in strahlenden Ocker- und Gelbtönen, so, wie wir unsere Preußen-Schlösser lieben. So etwa könnte der Generaleindruck um 1830 gewesen sein – doch für die spezielle Aufteilung der zwischen Braun und Weiß changierenden Farben gibt es, wie die Stiftung Humboldt-Forum der Berliner Zeitung bestätigte, gar kein historisches Vorbild, nur Analogieschlüsse etwa aus den Restaurierungen von Schloss Charlottenburg.

Noch schärfer bricht die Aufstellung des Einheitsdenkmals genau in der Hauptachse des Humboldt-Forums mit der Tradition des Schlosses. Einst stand hier die dichte Reihe von Wohnbauten an der Schlossfreiheit, ein überaus reizvoller Kontrast zwischen Staat und Bürgertum. Statt ihn wiederherzustellen, schließt sich das von der Bundesrepublik errichtete Einheitsdenkmal an jene gewalttätige Monumentalanlage an, die Kaiser Wilhelm II. zu Ehren seines Großvaters Wilhelm des I. 1898 einweihte. Nicht nur diese Tradition ist ein Problem, auch die Form der Wippe: Sie wird mit ihrem goldenen, horizontal breit gelagerten Bogen das Gegenstück zur aufstrebenden Kuppel, der goldglänzenden Inschrift und dem goldenen Kreuz.

Was breite Interpretationsmöglichkeiten öffnet: Segnet nun das Kreuz die Einheit, stellt sich diese unter Kreuz und christliche Inschrift? Werden sich Juden, Muslime oder die gerade in Ostdeutschland weit verbreiteten Agnostiker durch das über den Aufstellungsort, die Farbe und das Material eng mit der christlich-monarchisch intendierten Propaganda des Schlosses verbundene Einheitsdenkmal repräsentiert sehen? Kurz: Wir werden noch viel debattieren über dieses „Schloss“, auch wenn es jetzt fertig zu sein scheint.