Der Chef des Berlincity-Hotels Jens Strobl (61) steht vor der Insolvenz, weil er wegen der Corona-Krise eine Minderung der Miete bräuchte.
Foto: Sabine Gudath

BerlinAn einem Mittwochnachmittag im Juni sitzt Jens Strobl, 60, auf einer Holzbank in einem Kreuzberger Hinterhof und trinkt ein Glas kühlen Chardonnay. Dann zündet er sich eine Zigarette an. „Eigentlich habe ich vor 20 Jahren aufgehört“, sagt Strobl. „Doch dann kam die Scheiße hier.“

Mit „Scheiße“ meint Strobl das Coronavirus und die damit zusammenhängende Krise. Seit 20 Jahren betreibt er das Hotel Berlincity in der Crellestraße unweit des Park am Gleisdreieck. „Von meinem Job konnten meine Familie und ich gut leben.“ Dann kam die Pandemie. Und seitdem ist Jens Strobl, wie viele andere Hotelbetreiber in Berlin, existenzgefährdet.

Alles begann am 29. Februar. Berlin hatte zu dem Zeitpunkt noch keinen bestätigten Covid-19-Fall. Die Internationale Tourismus-Börse (ITB) sollte in der Woche darauf stattfinden, sie ist ein Besuchermagnet für Strobl und das Berlincity. 160.000 Menschen strömen dann in die Stadt, viele kommen in seinem Hotel unter. So war es letztes Jahr, so sollte es wieder sein. Doch weil sich das Virus in Deutschland und Europa rasant ausbreitet, sagen Bundesgesundheits- und Bundeswirtschaftsministerium die Messe ab.

Eine Woche später, am 6. März, „war klar, dass hier etwas passiert, was nicht mehr kontrollierbar ist“, erinnert sich Strobl, frisch rasierte Glatze und hellblaues Polohemd, als er im Juni vor seinem Hotel sitzt. Am 6. März gibt es 19 Covid-19-Fälle in Berlin. Strobl merkte: Stammgäste blieben weg, Stornierungen purzelten herein, alle Klassen- und Gruppenfahrten wurden abgesagt. 90 Prozent des Geschäftsaufkommens des Berlincity fielen plötzlich weg, einfach so.

„Unsere Gäste von heute sollen auch die Gäste von morgen sein“

Klassen- und Gruppenfahrten bilden dabei das Brot-und-Butter-Geschäft von Strobl. Als er das Berlincity 2001 eröffnete, wollte er mit einem Hotel an der Grenze zwischen Schöneberg und Kreuzberg zu einer der führenden Adressen für Reisegruppen werden. Dafür baut er die Räumlichkeiten des 3000 Quadratmeter großen Fabrikgebäudes auf fünf Etagen um. 50 Zimmer mit 170 Betten kommen rein. Die 3er- und 6er-Zimmer mit Etagenbetten sollen Lehrer und ihre Schüler anziehen. Dazu gibt es Gruppenarbeits- und Entspannungsräume, in denen schwarze Ledercouches und Tische aus Eichenholz stehen. Das Berlincity wirkt sauberer, geräumiger, gehobener als viele Jugendherbergen. Die ganze Idee sei auf die Klientel Teenager und junger Erwachsener abgestimmt worden, sagt Strobl. „Unsere Gäste von heute sollen auch die Gäste von morgen werden.“

Dabei erzählt das Berlincity auch etwas über die Geschichte der Stadt: Der rote Ziegelsteinbau, in dem sich heute das Hotel befindet, wurde 1901 errichtet. Erst siedelte sich eine Eisenschmelzfabrik an, die ihre Arbeiter in kleinen Wohnungen im Vorderhaus beherbergte, sodass sie unweit von den Produktionsstätten eine Unterkunft hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg meldete die Fabrik Konkurs an, es zogen verschiedene Kleingewerbe ein: ein Teekontor, ein Schleifer, ein Hersteller von Mikroskoplinsen.

Als Strobl, der im Alter von vier Jahren aus Innsbruck nach Berlin kam und in Westend aufwuchs, die Fabriketagen im Jahr 2000 mithilfe von EU-Geldern aufbereitete, war er sich sicher: Hier können Gäste nicht nur übernachten, sondern auch ein Stück der Geschichte Berlins in einem einstigen Industriebau erfahren. Dass der Akazienkiez, der von libanesischem Essen über Altberliner Kneipen bis zu LGTBQ-Clubs alles bietet, vor der Tür liegt, tut sein Übriges zum Charme, so Strobl. Das Berlincity nennt Strobl sein „Lebenswerk“.

Nicht alle trifft es gleichermaßen

Da der 60-Jährige schon vor der Eröffnung des Berlincity im selben Kiez ein Hostel betrieb, lief sein Geschäft von Anfang an gut. Als Hotelier setzte Strobl 2019 etwa eine Million Euro im Jahr um. Und auch wenn mehr als 80 Prozent des Umsatzes für Miete, Renovierung, Instandhaltung und Personal anfallen, habe er davon gut leben können. Im vergangenen März lag die Auslastung der Zimmer bei 60 Prozent, im April bei 80, im Mai bei 85 und im Juni bei 95 Prozent. „Eigentlich sind die Monate zwischen Frühling und Sommer meine stärksten.“

In diesem Jahr hat er im März nur 15 Prozent der Betten verbuchen können, im April waren es 3, im Mai 2 und im Juni weniger als 1 Prozent. „Ich würde schätzen, dass in diesen Monaten 700.000 Euro flöten gegangen sind“, sagt Strobl. Wenn der Jahresumsatz die 200.000 Euro noch erreiche, könne er sich glücklich schätzen. „Das ist meine eigene private Tragödie.“

Mit dieser Tragödie ist Strobl nicht allein. Laut Statistischem Bundesamt brach der reale Umsatz in Restaurants und Hotels im April 2020 um fast 76 Prozent ein. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind gerade für unsere Branche verheerend“, teilte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) mit. Dehoga beziffert die voraussichtlichen Umsatzverluste für die Gesamtbranche im März und April auf fast zehn Milliarden Euro.

Doch nicht alle trifft es gleichermaßen: Strobl ist davon überzeugt, dass die Krise die kleinen Hotels eher träfe als große Luxushotels wie zum Beispiel das Hotel Adlon oder Hotel de Rome. „Auch denen wird es nicht gut gehen“, sagt Strobl, „die werden es aber überleben.“ Anders als im Berlincity hätten diese Hotels einen Namen und Markenkern, der ganz natürlich wieder Gäste anlocken werde, sobald Lockerungsmaßnahmen einsetzen. Ebenso, glaubt Strobl, werden es Hotelketten im Verbund durch die Krise schaffen. Sie hätten nicht selten externe Geldgeber und durch das globale Geschäft finanzielle Rücklagen.

Für Betreiber kleiner, oft familiengeführter Hotels hingegen wird jeder zusätzliche Monat, jede Woche, jeder Tag, in denen keine Touristen in die Stadt kommen, die Frage aufwerfen, wie lange man ein Verlustgeschäft betreiben kann.

Die Stadt auf Tauchstation

In Berlin gibt es 144.000 Betten in Jugendherbergen und Hotels, fast 110.000 Menschen arbeiten im Gastgewerbe. Eine Blitzumfrage der Dehoga vom 9. Juni ergab, dass fast 40 Prozent der Gastronomiebetriebe und fast 80 Prozent der Hotels in Berlin Umsatzeinbußen von über drei Vierteln im Vergleich zum Vorjahr hatten.

Doch die Politik, so Strobl, tue zu wenig, um die Arbeitsplätze dieser Branche zu erhalten. Nachdem er am 7. März Kontakt mit der Stadt aufnahm, habe diese sich zunächst zwei Monate lang gar nicht gemeldet. „Das war besonders vor dem Hintergrund ärgerlich, dass die Stadt in Form der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land der Vermieter meines Hotels ist.“ 25.000 Euro zahlt Strobl dafür monatlich. Als er nach zwei Monaten schließlich eine Antwort erhielt, habe man ihm angeboten, die Mietschulden zu stunden – erlassen werden sie ihm nicht.

Für ihn fühlt sich das ungerecht an: Er habe Verständnis, dass die Stadt entsprechende Reise- und Ausgehbeschränkung durchgesetzt hat, wenngleich dies für ihn bedeutete, sein Hotel schließen zu müssen. Er habe hingegen kein Verständnis, warum sie – obwohl er minutiös dargelegt hatte, wie er auf fast alle Einnahmen verzichten muss – auf die Miete pocht. „Und das, obwohl die Senatorin für Stadtentwicklung und Bau, Katrin Lompscher, selbst gesagt hat, die städtischen Gesellschaften sollten als Vermieter mit gutem Beispiel vorangehen.“

Fehlende Hotellobby?

„Es gab etwa die Idee, dass ein Drittel der Mietkosten vom Mieter getragen werden“, so Strobl, „und die anderen zwei Drittel von Vermieter und Bund.“ Auch das hätte ihn vor ernsthafte Probleme gestellt, aber es wäre zumindest im Sinne von kleinen Hotels wie dem Berlincity gewesen. Wenn im September aber die Stundung der Mietkosten ausgesetzt wird und Strobl mit den Rückzahlungen beginnen muss, weiß er nicht, ob es sein Hotel noch geben wird. Es hänge davon ab, ob er entsprechende Überbrückungsgelder bewilligt bekommen wird, so der Hotelier.

Dass er sich in einer dermaßen prekären Situation befindet, liegt womöglich auch daran, dass Hoteliers wie Strobl, trotz der Interessenvertretung Dehoga, kein Gehör vonseiten der Politik geschenkt wird. Egal ob Clubbetreiber, Soloselbstständige oder Autoindustrie: Die Corona-Krise zeigte anhand einiger Branchen exemplarisch, wie resolut und lautstark Vertreter und Vertreterinnen auftreten können, wenn der Schuh drückt. „Obwohl wir mehr Beschäftigte haben, werden wir anders als die Autoindustrie oder Lufthansa behandelt“, so Strobl.

Clubs hätten Spendenaufrufe und das Solidaritätsprojekt im Internet #unitedwestream organisiert, so Strobl. Selbstständige hätten auf schnellem Wege Online-Petitionen und eine unbürokratische Hilfe durchgesetzt und die Autoindustrie habe Hilfspakete zugesichert bekommen. Von der Hotelbranche hingegen nehme man kaum etwas wahr, obwohl die Industrie doch so essenziell für die Außendarstellung Berlins und Deutschlands mit Gästen aus aller Welt sei – und obwohl die Stadt Berlin durch die City Tax jährlich Millionen einnimmt. Warum nicht?

„Die Stadt wird nicht mehr wiederzuerkennen sein“

Aktuell seien die Preise der Zimmer des Berlincity um die Hälfte gemindert. „Wirtschaftlich ist das auf Dauer nicht“, sagt Strobl, „und trotz der Preissenkungen kommen keine Gäste – weil es eben keine Touristen gibt.“ Seine neun Mitarbeiter und er seien allesamt in Kurzarbeit. Jeden zweiten Tag erhalte er Anrufe von Beschäftigten, wann sie denn wieder arbeiten dürften.

„Wenn es morgen heißt, die Stadt öffnet, und wieder Touristen ankommen – dann sind wir bereit, von heute auf morgen aufzumachen“, sagt Strobl. „Aber natürlich will ich auch nicht, dass Menschenleben durch eine verfrühte Lockerung gefährdet werden.“ Strobls Beispiel illustriert, wie schwer es ist, zwischen wirtschaftlichem Nutzen und gesundheitlichen Risiken abzuwägen. „In der Haut der politischen Entscheider möchte ich nicht stecken.“ Trotzdem würde er sich eine stringentere Politik, „weniger Rumgeeiere“, wünschen.

Bis er wieder öffnen kann, wird noch Zeit vergehen. Strobl will sich über den Sommer retten. Wenn die heißen Monate kommen, in denen für gewöhnlich die meisten Touristen in die Stadt strömen, wird er weiterhin vor seinem Hotel sitzen, in der Hoffnung, dass er wieder Hotelier sein kann. Bis zum Herbst, so Strobl, wolle er wieder mit dem Rauchen aufhören.