Viele Karstadt-Kaufhäuser machen jetzt dicht, das Geschäft läuft nicht mehr - anders als im guten alten Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz.
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BerlinVor ein paar Tagen flog ich mit der Lufthansa vom Flughafen Tegel nach München. Der Flughafen war leer, die Lufthansa-Maschine war leer, es war ein seltsames Gefühl, so, als würde ich mich von einer Zeit verabschieden, die nicht wiederkommt. Good old Tegel macht bald dicht. Und die Lufthansa, deutscher Mythos, steht vor der Pleite und muss vom Staat gerettet werden.

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Leben mit der Lufthansa geflogen bin, vor allem beruflich. Graue Ledersitze, der typische Lufthansa-Geruch, eine Mischung aus Neuwagen-Aroma und Filterkaffee-Dunst, die Flugbegleiterinnen mit ihrer Attitüde einer strengen, aber gutmeinenden Mutti und natürlich die Umsonst-Zeitungen, die ich mir auch gerne vom Lufthansa-Gate klaute, wenn ich nicht Lufthansa flog. Vor allem aber war da dieses, vermutlich unbegründete, Gefühl von Sicherheit: Die Lufthansa stürzt ja nicht ab. Da sitzt ein bereits ergrauter Pilot vorne drin mit acht Millionen Flugstunden, und die Maschine wird vor dem Start kontrolliert vom TÜV persönlich.

Einige Male war ich als Journalist in Krisengebieten unterwegs. Stieg ich dann auf den Rückflug in eine Lufthansa-Maschine und aß den üblichen Lufthansa-Economy-Fraß, also Chicken oder Pasta, dazu Aufbackbrötchen, hatte ich trotz Blähungen das Gefühl: Ich bin mit einem Bein wieder in der Zivilisation. Quasi: gerettet und zu Hause.

Natürlich ist mein Lufthansa-Gefühl gesättigt von Nostalgie. Genauso wie mein Karstadt-Gefühl. Viele Karstadt-Kaufhäuser machen jetzt dicht, das Geschäft läuft nicht mehr. Ach, Karstadt.

Als 15-Jähriger, es war das Jahr 1987, arbeitete ich in den Sommerferien mal im Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof. Herrenabteilung. Ich legte Pullover und Hosen zusammen, die kurz darauf wieder von Kunden auseinandergenommen wurden. Dann legte ich sie wieder zusammen. So lief das wochenlang. Karstadt-Verkäufer machen das jahrzehntelang. Und werden nicht verrückt. Davor habe ich echt Respekt. Manchmal war ich aber auch beratend tätig. Zog ein Kunde eine „Wisent“-Jeans an oder einen Anzug und schaute dann unsicher-fragend zu mir, dann sagte ich, weil ich ja auch keine Ahnung hatte: „Das steht Ihnen ausgezeichnet!“ Ein echter Kaufhaus-Satz. Noch heute hört man ihn gelegentlich bei Karstadt oder Kaufhof, und jedes Mal bin ich ganz gerührt, vor allem aber: misstrauisch.

Das Schönste an einem Karstadt-Kaufhaus ist aber, dass einem hier niemand auf den Sack geht. Die Verkäuferinnen fragen selten: Kann ich Ihnen helfen? Herrlich. Karstadt-Verkäuferinnen sehen auch nicht aus wie Models, wie in den hippen Berlin-Mitte-Läden, wo einen die einschüchternd attraktiven Verkaufsmäuse gelangweilt betrachten und man sich als Kunde sofort hässlich, unwürdig und modisch zurückgeblieben fühlt.

Vor ein paar Tagen las ich dann, dass das Kino „Colosseum“ in Prenzlauer Berg dichtmacht. Es soll zu einem Büro- und Kongressgebäude umgebaut werden. Spontan dachte ich: Berlin wird leider immer öder. Seit meiner Kindheit gehe ich in dieses Kino. Ich sah dort die „Olsenbande“, „Titanic“ und verliebte mich in Christiane Paul in „Das Leben ist eine Baustelle“.

Im „Colosseum“ habe ich ungelenk und mit viel Spucke rumgeknutscht und die Nachos mit der kotzgelben Käsesoße in mich reingestopft, was beglückender war, als es nun klingt. Es gibt eine Petition zum Erhalt des Kinos, ich habe sie unterschrieben und fühlte mich dabei wie der letzte Mohikaner.

„Veränderung ist Leben. Alles andere wäre langweilig“, hieß es vor einer Woche im Editorial der Berliner Zeitung. Ja, das stimmt natürlich. Und meistens merkt man sowieso erst, was man an den Dingen hatte, wenn sie weg sind. Aber wenn ich jetzt so die Lufthansa betrachte, die sterbenden Kaufhäuser, die Kinos, dann denke ich: Bisschen Langeweile ist manchmal auch ganz schön.