Berlin - Den Verbrauch von Ressourcen reduzieren, darum geht es bei Nachhaltigkeit im Wesentlichen. Passend dazu soll noch in diesem Jahr ein Tiny House auf dem Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft gebaut werden. Doch nicht etwa als Studentenwohnung, sondern als Nachhaltigkeitsbüro mit Außenbereich. 

Ein kleiner Raum mit großen Gedanken: Auf studentische Initiative hin entsteht direkt neben dem Gemüsegarten der Hochschule das Haus der Transformation als Ort der Begegnung und Vernetzung. Miteinander statt parallel an Nachhaltigkeitsprojekten arbeiten und dann die Erkenntnisse aus Forschung und Lehre in die Gesellschaft tragen – das soll das neue Haus der Transformation leisten. Die Hochschulleitung schafft im Haus der Transformation zwei Stellen für die studentische Mitarbeit sowie eine für die Koordination. Sie sollen verschiedene Nachhaltigkeitsprojekte für eine transdisziplinäre Forschung zusammenführen und Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft miteinbeziehen, beispielsweise durch Veranstaltungen.

Mit dem Bau eines Tiny Houses geht ein Wertewandel hin zu Multifunktionalität und Reduktion einher. „Eingebaut ist zum Beispiel auch ein Tisch, der an Seilen hängt. Bei Veranstaltungen kann das Buffet dann von der Decke heruntergelassen werden“, beschreibt Sebastian Feucht eine der Lösungen. Er unterrichtet Industrial Design und gehört dem Beirat des Hauses der Transformation an. Das Tiny Office sei zudem flexibel und deshalb zukunftsfähiger als ein konventioneller Bau. Langlebigkeit sei nur dann nachhaltiger, wenn sie auch in Zukunft genutzt werden kann. Die ursprüngliche Planung war auf drei Jahre ausgelegt, die Begeisterung war aber auf allen Seiten groß, sodass vorerst eine dauerhafte Nutzung angedacht ist. Die Umsetzung ist eingegliedert in das Ziel, einen klimaneutralen Campus zu schaffen.

Der Entwurf für das Tiny Office „HUG“ der Studierenden Ulrike Sievert, Erik Schumann und Hanne Wandrey hat sich im Wettbewerb durchgesetzt. Die finale Version umarme die Besucher förmlich, daher der Name HUG, erklärt Ulrike Sievert. In der Planung sind verschiedene Ideen für nachhaltiges Bauen integriert: Neben Holz wird auch Hanfkalk als Material verwendet. Hanf wächst sehr schnell und bindet CO2, das Verbauen reduziert somit den Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre. Als Klimaanlage soll die benachbarte Spree dienen: Eine Wärmepumpe ermöglicht im Sommer wie Winter einen Temperaturaustausch und nutzt die lokalen Gegebenheiten so optimal. Pflanzen im Innenraum und an den Fassaden sorgen zusätzlich für einen Temperaturausgleich und auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage geplant.

„Nachhaltigkeit ist die große Transformation der Zukunft. Es geht darum, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen“, sagt Feucht. Ein radikaler Fortschritt statt bloßer Optimierungsprozesse sei notwendig. „Bisher fahren wir ein bisschen langsamer in dieselbe Richtung. Es geht aber darum, die Richtung zu ändern“, meint Feucht. Das erklärt er am Beispiel der Mobilität: Elektroautos seien nur ein kleiner Fortschritt statt ein grundlegender Wandel: Wenn alle Menschen ein Auto besitzen möchten, reichen die Ressourcen unserer Erde nicht aus.

Auch die Initiatorinnen und Initiatoren des Hauses der Transformation denken den gerechtigkeitskritischen Diskurs mit. „Wir wollten die Hochschule zu einem progressiven Ort machen, der Impulsgeber für einen gesellschaftlichen Wandel ist“, sagt Benedikt Fischer. Die Studierendenorganisation Einleuchtend e. V. setzte im Rahmen des Hauses der Transformation bereits im Wintersemester mit „Transform it“ eine studentisch organisierte Lehre um, bei der auch aktuelle Debatten wie die zu Sexismus und Rassismus einbezogen werden. Es gehe darum, die sozial-ökologische Transformationen voranzutreiben, ergänzt Lisa Weißmann, die sich ebenfalls bei Einleuchtend e. V. engagiert. Innerhalb der Veranstaltungen gebe es je nach Projekt einen Schwerpunkt, auf lange Sicht sollten die ökologische und soziale Komponente aber verknüpft werden. „Für uns ist klar, dass sich das eine ohne das andere nicht entwickeln kann“, so Weißmann.

Einleuchtend e. V. gibt es bereits seit mehr als zehn Jahren. „Der Wunsch nach nachhaltigen Projekten hat die Studi-Gruppe zusammengehalten“, berichtet Svenja Gutt über die Anfänge. Ein Beispiel ist die Solaranlage auf dem Dach der Mensa. Die Idee, ein Nachhaltigkeitsbüro zu schaffen, sei über Jahre gewachsen und ein Projekt von vielen. Die drei studieren inzwischen selbst nicht mehr an der HTW, blieben der Hochschule aber als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten. Sie freuen sich sehr, dass das Haus der Transformation nun von der Hochschule finanziert und eine langfristige Struktur mit festen Arbeitsstellen wird. Die Umsetzung hat zwar gedauert, die Hochschulleitung unterstützte den Vorschlag aber von Anfang an und brachte eigene Ideen mit ein. So ist das Haus nun nicht mehr nur als internes Nachhaltigkeitsbüro geplant, sondern soll auch einem externen Publikum zugänglich sein.

Das Haus ist aus gleichen Einzelteilen aufgebaut, die man in Serie produzieren kann. „Wenn sich ein Modul bewährt und der Platzbedarf wächst, kann man einfach das Tiny Office um die benötigten Module erweitern“, erklärt die Designerin Hanne Wandrey. Feucht wünscht sich eine Umsetzung in drei Bauabschnitten: So könnten Studierende und Forschende die neuesten Ideen zum Thema Nachhaltigkeit am Tiny Office als Reallabor erproben. Ob das umgesetzt werden kann, ist fraglich. „Unser Wirtschaftssystem ist leider noch nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Es wäre wahrscheinlich günstiger, wenn gleich mehrere Module am Stück gebaut werden“, sagt Feucht.

Obwohl Klimawandel und Nachhaltigkeit in den gesellschaftlichen Fokus gerückt sind, funktionieren Abläufe nach den alten festgefahrenen Grundsätzen. „Im Hinblick auf Nachhaltigkeit sind die westlichen Industriestaaten Entwicklungsländer. Wir haben bisher andere Dinge entwickelt, wie Schnelligkeit und kostengünstige Produktion“, erklärt Feucht. Angst, dass er als Industriedesigner arbeitslos wird, wenn sich diese Gesetzmäßigkeiten ändern, hat er nicht. Transformation sei ein Prozess, der nie abgeschlossen sei und einen hohen Bedarf an Forschung und Lehre erzeuge. Zudem benötigten nachhaltige Lösungen vor allem Zeit. Es würden zwar weniger Produkte gefertigt, allerdings entstehe eher mehr als weniger Arbeit für Industriedesigner.