Trübe Aussichten: Jens Strobl hat das Haus zum Jugendhotel umgebaut und 2000 eröffnet.
Foto: Sabine Gudath

Berlin-SchönebergJens Strobl hat wieder angefangen zu rauchen. Er steht im Hof vor seinem Jugendhotel in der Crellestraße 22 in Schöneberg. Eigentlich herrscht hier Rauchverbot. Aber das sei jetzt auch egal, sagt Strobl. Die 160 Betten in dem großen Backsteinhaus stehen seit mehr als zwei Monaten leer. 600.000 Euro hat Strobl seither verloren, überschlägt er. „Ich bin eigentlich schon insolvent“, sagt Strobl, der auch im Präsidium des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) sitzt.

Strobl hatte sich mit dem Berlincity-Hotel auf junge Gruppen spezialisiert. Schüler und Studenten, die für mehr Privatsphäre und Qualität auch mal 70 Euro für ein Zimmer zahlen. Ab dem 18. März untersagte der Senat dem Gastgewerbe, Touristen zu empfangen. „De facto Berufsverbot für mich“, sagt Strobl. Buchungen wurden schon Wochen zuvor in Massen storniert, auch Klassenfahrten in vielen Ländern ganz untersagt. Sie bleiben weiter aus, auch wenn die Hotels ab dem 25. wieder Gäste aufnehmen dürften. Alle Buchungen bis in den Oktober wurden bei Strobl storniert. Das Hotel wird am 25. Mai seine Türen wieder öffnen, aber das wird nicht helfen, sagt er. „Wer soll denn kommen? Es gibt doch keinen internationalen Tourismus mehr.“ Für seinen Betrieb wie ganz Berlin sehe er „schwarz“.

22.000 Euro Miete pro Monat

Doch Strobl ist nicht niedergeschlagen oder resigniert. Er ist wütend, und zwar auf das Land Berlin. Das ist seine Vermieterin – über die „Stadt und Land“, eine der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Strobl hat fast all seine Kosten kürzen können: Die neun Mitarbeiter sind seit März in Kurzarbeit. Zwei Monate habe er mit den Gehaltszahlungen in Vorleistung gehen müssen, seit diesem Monat erhält er die Rückzahlungen.  14.000 Euro Soforthilfe hat er erhalten, einen Mix aus Landes- und Bundesmitteln, schnelles Geld. Jetzt stehen ihm zinsfreie Darlehen offen. Doch einen Posten seiner Ausgaben bekommt er nicht gekürzt: die monatliche Miete von 22.000 Euro.

Fast jeder Unternehmer, der in den letzten Wochen schließen musste, steht vor demselben Problem wie der Hotelier. Wie die in Berlin in vielen Lagen sehr hohen Mieten zahlen, wenn man gar keine Einnahmen erzielen kann?

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) appellierte in einer Regierungserklärung am 26. März im Abgeordnetenhaus eindringlich an die Solidarität der Vermieter in der Stadt: Sie sollten überlegen, ob sie Gewerbetreibenden, die jetzt Läden schließen mussten, mit der Miete längerfristig entgegenkommen können, „ob durch Stundung oder Reduzierung“. Müller versprach: „Unsere landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften gehen hier mit gutem Beispiel voran. Niemand wird seine Wohnung wegen Zahlungsrückständen verlieren.“

Strobl allerdings hat nicht das Gefühl, dass dieses Versprechen für Gewerbe gilt. Die Stadt und Land habe seine Mieten zwar bis einschließlich September gestundet, zurzeit muss er also gar nicht zahlen. Doch Strobl sagt: „Das hilft mir überhaupt nicht.“ Denn er müsse die Mieten ja zurückzahlen, sobald er wieder aufmacht. In voller Höhe, innerhalb von 24 Monaten. Das mache dann nicht nur 22.000 Euro Miete monatlich, sondern 28.500 Euro, rechnet Strobl vor – auf einem Markt, der auch nach der Öffnung nach wie vor kaum Erträge abwerfe.

Schon Anfang März habe er um Reduzierung beziehungsweise Erlass der Miete gebeten. Worauf die Stadt und Land zwei Monate lang prüfte – und die Bitte am Ende ablehnte. Dabei sind die Zahlen doch klar, findet zumindest Strobl: null Einnahmen, hohe Miete.

Mietnachlass bei „sozialen Härten“

Stadt und Land erklärt auf Nachfrage am Freitag, dass sich seit Beginn der Corona-Pandemie rund 120 Wohnungs- und 130 Gewerbemieter „mit der Bitte um Unterstützung“ an sie gewendet hätten. Die Wohnungsbaugesellschaft kündige nicht, ermögliche Stundungen und Ratenzahlungen. „Bei sozialen Härten finden wir im Sinne unserer Mieterinnen und Mieter weitere Lösungen, das kann im Einzelfall auch ein Mietnachlass sein.“ Zu konkreten Einzelfällen könne man aus Datenschutzgründen keine Auskünfte erteilen.

Die Senatsverwaltung für Wohnen teilte mit: Man sehe die Not der Gewerbetreibenden und habe zahlreiche Maßnahmen ergriffen. Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) habe am 25. März die Wohnungsbaugesellschaften in einem Schreiben dazu aufgefordert, unter anderem „bei Mietrückrückständen individuelle und kulante Lösungen“ mit den Mietern zu vereinbaren. Zahlen dazu, wie oft seitdem Stundungen oder Minderungen in Berlin beantragt und gewährt wurden, lägen noch nicht vor. Eine Auswertung sei in Arbeit.  

Das Land müsse sich als „fairer Vermieter und Vorbild zeigen“, sagte auch Svenja Fritz, Sprecherin der Wirtschaftsverwaltung, am Freitag. Einzelfallprüfungen seien jetzt notwendig, die Bereitschaft zu Mietnachlässen sei aber vorhanden.

Hotelier Strobl will weiter auf eine Minderung seiner Miete bestehen, weiter Briefe an Senatoren schreiben. Vorerst aber plant er, am 25. Mai wieder zu öffnen. „Ohne Gäste, mit hohen Kosten“, sagt er. „Aber was bleibt mir sonst schon übrig?“