Von wegen staubig und still: Das ganze Leben tobt in einem Buchladen. 
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Ich arbeite seit einiger Zeit nicht nur als Journalistin, sondern auch in einer kleinen Buchhandlung. Es versetzt mich jede Woche in helles Erstaunen, wie das ganze knallpralle Leben sich auf diesen paar Quadratmetern abspielt. Dabei erzählen gar nicht alle Kunden viel. Doch wie beredt sind ihre Bewegungen, ihre Mimik, Gestik – und erst ihre Auswahl und ihre Fragen.

Im Beratungsgespräch zwischen Buchtiteln und Lektüreerfahrungen wird mir von Todesfällen, Scheidungen und Geburten berichtet. Ich erlange Kenntnis von Männern, die kochen lernen wollen, und ganzen Familien, die vegan werden. Ich erfahre, dass es angeblich Dreijährige gibt, die schon lesen können, und Siebenjährige, die daran scheitern. Ich bekomme bestätigt, dass die Herren der Schöpfung, jedenfalls vor dem  Rentenalter, eher zu dunklen Covern greifen und Frauen zu helleren, fröhlichen Motiven. Kinder müssen auf Hochzeiten mit Ausmalbüchern beschäftigt werden und manchmal Geschwister zwischen drei und acht sich ein Buch teilen. Für mehr reicht das Geld nicht. Für mehr reicht das Geld nicht. Da ist guter Rat teuer, kosten tut er nix. Wenn wir gar nicht weiterkommen, verweise ich an die Bücherei gegenüber.

Im Sommer gingen Schmöker gut, denn Deutschland blieb ja zu Hause, jetzt im Herbst lockt die Lyrik. Manch ein Teenager wagt sich erst nach der Mittleren Reife an einen Wälzer, andere haben ihr erstes eigenes Buch zur Taufe bekommen. Egal, wie nachdrücklich ich insistiere, dass das Baby egal welches Buch ja doch nur einspeicheln, annagen und abschlabbern wird, ein wegweisendes Werk zum Lebensstart muss sein. Der Gedanke ist ja auch schön. Allein: Er führt nicht zwingend zu späterem Lektüre-Enthusiasmus

Am meisten erzählen die Senioren. Von Gebrechen und Sorgen, von gestern und morgen, von Dankbarkeit und Unbill. Sie erzählen, wohin sie das Buch mitnehmen, was sie vorher gelesen haben – häufig im Lesekreis – und wem sie es leihen, wenn sie es durchgelesen haben. Sie erklären mit dünner Stimme, warum eine Bestellung nicht in Frage kommt – der Ischias, die müden Beine – und warum es auf jeden Fall das Geschenkpapier mit den Blumen sein muss: „Sie liebt Lilien. Schon seit sie ein kleines Mädchen ist.“

Zwei Freundinnen mit wilden Frisuren und krachbunten Masken beraten tuschelnd, ob einer dritten eher ein Roman oder Kurzgeschichten über den Liebeskummer hinweghelfen und landen beim Gedicht. Ich stimme ihnen stumm zu. Wer könnte besser Tränen trocknen als Rilke, Kästner oder Kalecko? Ein sportiver junger Mann hopst förmlich in den Laden und sucht erwartungsgemäß nach einer Radwanderkarte. Es geht ins Brandenburgische. Eine rucksacktaugliche Sammlung von Picknickrezepten dazu? Für Canapées unterm Sternenhimmel? Warum nicht.

Die Bände in den Regalen beobachten das Treiben gelassen Seit' an Seit'. Amüsieren sich über Eltern-Kind-Debatten und neigen mitfühlend die Rücken über Gebrechlichkeit und Hektik. Die Geduld des Papiers mag irgendwann zu Ende sein, die der Bücher überdauert all diese Leben.