Das Haus der Statistik am Alexanderplatz.
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BerlinEin Gebäude wird wiederbelebt. Das Haus der Statistik am Alexanderplatz wird von Pionieren besiedelt, einer bunten Truppe von Initiativen als Avantgarde der künftigen Nutzer aus Kunst, Kultur, Klimaschutz, Ernährung, Sozialem und Nachbarschaftshilfe. Während Bauleute den 1970 gebauten und seit 2008 leer stehenden Komplex sanieren, formiert sich im Erdgeschoss, was später Teil der Gesamtnutzung  wird: ein Zusammenwirken von Menschen, die in verschiedener Form dem Zusammenleben in der Stadt dienen wollen.

Am handgreiflichsten zu fassen ist das „Haus der Materialisierung“. Hier wollen Gruppen, die bislang über die Stadt verstreut tätig sind, an Vermeidung von Müll und Wiederverwertung von noch nutzbarem Material arbeiten. Lars Gerdes von der Stadtmission zum Beispiel: „Wir sammeln Altkleider, die  an Bedürftige ausgegeben werden. 80 Prozent der Spenden sind Frauensachen, aber nur 20 Prozent unserer Abnehmer sind weiblich.“

Altkleider werden im Haus der Statistik wiederverwertet.
Foto:  Bernd Friedel

Also könne man aus kurzärmligen Blusen, die keinem Obdachlosen nutzen, Unterwäsche schneidern. Die wird nämlich eher selten gespendet. Noch bis zum 29. November läuft im Haus der Statistik das Kunst- und Mitmachprojekt „Zack – der Umbaumarkt“. In einem Sandhaufen, Abraum der archäologischen Ausgrabung am Molkenmarkt, kann man nach Fundstücken graben und sie reinigen, anschließend werden die Gegenstände ausgestellt.

Zusammen mit Stücken aus dem Stadtmuseum wird so beleuchtet, was früher alles wiederverwendet wurde. So sieht man unter anderem zwei Stahlhelme – einer verrostet, ein zweiter zu einem Kochtopf umgebaut. Genussbetonter geht es an einem kleinen Innenhof zu: Dort steht ein Lehmbackofen, im Haus ist eine Küche eingerichtet.

Fast Kunst: eine von Archäologen geborgene Schreibtischmaschine. 
Foto: Bernd Friedel

Dort gibt es immer dienstags Koch-Workshops des Vereins „Restlos glücklich“, wo krumme Möhren oder andere, im Handel nicht verkaufte oder aussortierte Bio-Lebensmittel unter dem Motto „Zusammen isst man besser“ zubereitet und verzehrt werden.  

Bis Ende 2025 sollen alle Arbeiten im neuen Stadtquartier abgeschlossen sein. Sie umfassen zunächst die Herrichtung der 46.000 Quadratmeter des Bestandsgebäudes für ein Finanzamt, die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM und im Erdgeschoss die verschiedensten Initiativen.

Recycling, damals: eine Briefwaage aus Gasmasken-Teilen.
Foto: Bernd Friedel

Daneben entstehen Neubauten mit 66.000 Quadratmetern Fläche. In der Planung sind ein 16-geschossiges Rathaus für Mitte und zwei Wohnhäuser mit zwölf beziehungsweise 15 Geschossen, in denen die Wohnungsbaugesellschaft Mitte 300 Wohnungen errichten wird.  

Ermöglicht wurde das, weil die Genossenschaft „Zusammenkunft Berlin“ 2015 die Zukunft des einstigen Sitzes der DDR-Zentralverwaltung für Statistik künstlerisch  kaperte. Sie hängte bei einem scheinbar offiziellen Akt ein Bauschild an die Fassade, das „Räume für Kunst, Kultur und Soziales“ versprach, realisiert von Berlin. Dem mochte sich niemand entgegenstellen, 2018 wurde von Senat, BIM und Genossenschaft eine entsprechende Vereinbarung getroffen.

Wer sich einen Eindruck von der neuen Nutzung verschaffen will: Am Sonnabend gibt es von 14 bis 20 Uhr einen Tag der offenen Tür.