BerlinIm Frühsommer gingen sie mehrfach auf die Straße, machten auf sich und ihre prekäre Situation aufmerksam: die Schausteller der Stadt. Eine Branche, die bei Volks- und Straßenfesten in Berlin für Unterhaltung und gute Laune sorgt, steckt tief in der Krise. Die Karussells stehen still, die Kräfte sind erschöpft. Passiert ist bisher: nichts. 

Für Thilo-Harry Wollenschlaeger ist die momentane Situation „beängstigend“, sagt er. „Man ist so hilflos. Uns allen ist bewusst, dass wir uns in einer Pandemie befinden, dass wir nicht der Nabel der Welt sind. Aber wir haben momentan das Gefühl, dass wir überhaupt keine Daseinsberechtigung haben.“ Wollenschlaeger ist Schausteller, sein Unternehmen eines der größten im Raum Berlin-Brandenburg – und wie viele seiner Kollegen von der Corona-Krise schwer getroffen.

In der Krise scheinen viele Dinge plötzlich wertlos zu sein

Der 54-Jährige steht in einer seiner Lagerhallen bei Oberkrämer. Um ihn herum ein Vergnügungs-Wunderland. Bierwagen, Kulissen, Imbiss-Stände, eine Verlosungs-Bude. Nebenan lagern, fein säuberlich aufgereiht, die Gondeln von Wollenschlaegers „Walzerfahrt“. Eines der ältesten Fahrgeschäfte Berlins. „Ich habe gerade erst einen neuen Auflieger gekauft, außerdem wird die Bahn fit gemacht, damit sie wieder Tüv bekommt“, sagt Wollenschlaeger. „Aber gerade ist sie totes Kapital.“ Die „Walzerfahrt“ stand noch nirgendwo in diesem Jahr – alles scheint plötzlich wertlos.

Berlins und Brandenburgs Schausteller stecken in einer tiefen Krise. Die Pandemie ließ alle Veranstaltungen ausfallen. Anfang des Jahres brachte die Branche bereits mehrere Demonstrationen auf die Straße. Nun hat sich die Interessengemeinschaft der Berlin-Brandenburgischen Schausteller (IBBS) erneut mit einem dramatischen Appell an die Wirtschaftsverwaltung und den Bürgermeister gewandt – denn bisher hat sich nichts getan. „Wir stehen nicht mehr mit dem Rücken an der Wand, wir fühlen bereits, wie sie nachgibt“, heißt es in dem Schreiben.

Unterschrieben hat es Jacqueline Hainlein-Noack vom IBBS-Vorstand. Sie ist selbst Schaustellerin, reist mit dem beliebten Karussell „Breakdance“ durch die Lande. „Die Gesundheit der Menschen steht an oberster Stelle, das muss man ganz deutlich sagen“, sagt sie. „Aber wir können unserer Arbeit momentan nicht nachgehen – und trotz Demonstrationen hat momentan keine echte Hilfe stattgefunden.“ Die Branche stehe nach einem Null-Jahr kurz vor der Winterpause. „Die Weihnachtsmärkte waren für viele die letzte Hoffnung – und die scheinen nun auch auszufallen.“

Wollenschlaeger hat nach eigenen Angaben 9000 Euro Soforthilfe vom Bund bekommen, vom Land – in seinem Fall Brandenburg – nichts. „30.000 Euro habe ich pro Monat an Fixkosten“, sagt er. Die Rechnung geht nicht auf. „Viele von uns haben ihr letztes Geld mit den Weihnachtsmärkten im Jahr 2019 verdient“, sagt er. „Und bald kommt der Winter. Wer weiß, was dann passiert. Wenn wir im Frühjahr arbeiten können, wären wir mit Winterpause rund 15 Monate ohne Einnahmen. Wer hält das aus?“ Die meisten Betriebe in der Branche seien Familienbetriebe – „Leute, die im Wohnwagen von einem Platz zum anderen tingeln, die dabei den Fernsehturm immer im Blick behalten.“ Eine Krise in dem Ausmaß habe es noch nicht gegeben.

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Wollenschlaeger selbst ist seit Jahrzehnten im Geschäft. Er wuchs als Spross einer Schaustellerfamilie auf, verbrachte schon als Kind sein Leben auf dem Rummelplatz. „Mein Vater hatte damals eine große Verlosungs-Bude namens Schlaraffenland, an die ich sehr schöne Erinnerungen habe“, sagt er. Als er volljährig war, stieg er in das elterliche Geschäft ein. 1989 übernahm er die Verlosung, baute das Unternehmen danach immer weiter aus. Heute gehört ihm ein wahres Vergnügungs-Imperium und normalerweise ist der Kalender prall gefüllt. Britzer Baumblüte, Neuköllner Maientage, Internationales Drehorgelfest – die Feste, die sonst einen festen Platz im Berliner Veranstaltungskalender haben, fielen der Pandemie zum Opfer.

Wir wollen gar kein Geld, wir wollen einfach nur unserer Arbeit nachgehen können.

Thilo-Harry Wollenschlaeger, Schausteller

Die Schausteller fordern Hilfen – aber nicht, wie andere Branchen, in finanzieller Hinsicht. Sie kämpfen um freie Flächen in der Stadt, auf denen sie ihre Karussells aufbauen können, um wieder etwas Geld verdienen zu können. „Wir wollen gar kein Geld, wir wollen einfach nur unserer Arbeit nachgehen können“, sagt Wollenschlaeger. Bereits bei einer Demo der Schausteller in Köpenick kam im Mai die Idee auf, freie Flächen im Spreepark zu nutzen. Der Vorschlag wurde abgelehnt – als eine Petition gestartet werden sollte, rollten im Park die Bagger.

Anfang August demonstrierten Berlins Schausteller in Köpenick.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Wollenschlaeger und seine Kollegen fragten inzwischen bei mehreren Behörden an. Eine Idee: Sie wollten mehrere Plätze in der Stadt nutzen, um dort jeweils zwei, drei Fahrgeschäfte und Buden aufzustellen. So wurde es auch in München gemacht, als das Oktoberfest ausfallen musste. „Auf dem Weihnachtsmarkt am Neptunbrunnen steht jedes Jahr ein Riesenrad – warum kann man nicht auch im Sommer eins aufstellen?“, fragt Wollenschlaeger. Die Idee wurde abgelehnt: Unter anderem sei an Brandenburger Tor, Pariser Platz, Bebelplatz, Unter den Linden und Gendarmenmarkt der Aufbau von Schaustellergeschäften ausgeschlossen.

In anderen Städten gab es Popup-Freizeitparks

Gleiches Spiel auf dem Tempelhofer Feld. „Wir bräuchten nur eine winzige Ecke und die Ansage: Baut auf, dort könnt ihr ein halbes Jahr stehen bleiben“, sagt er. „Aber wir hören immer nur die Dinge, die nicht gehen. Niemand sagt, was wir tun können, um unsere Branche zu retten.“ Immer werde gesagt, Berlins Schausteller hätten doch den Zentralen Festplatz. „Aber das ist nicht das Allheilmittel – auch hier sind die Kapazitäten begrenzt.“ In anderen Städten habe man sich mit Pop-up-Freizeitparks über Wasser gehalten, sagt Hainlein-Noack. „Das könnte man in Berlin auch organisieren – aber dafür brauchen wir einfach geeignete Flächen.“

Hainlein-Noack (l.) auf der Schausteller-Demo in Köpenick.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Auf Nachfrage bei der Senatsverwaltung für Wirtschaft heißt es, man stehe mit den Schaustellern in Verbindung, habe auf den Hilferuf reagiert. Verwiesen wird auf Corona-Soforthilfen und zinslose Darlehen. Zum Flächen-Problem teilt Sprecherin Svenja Fritz mit: „In der Tat ist das Thema Flächen für große Veranstaltungen in Berlin nicht einfach. Viele der großen Flächen sind als geschützte Grünflächen gesichert, also nicht geeignet oder gar nicht zulässig für eine gewerbliche Nutzung. Sicher würden die Bezirke den Schaustellern gern helfen, jedoch sind ihnen durch gesetzliche Vorgaben die Hände gebunden.“ Hainlein-Noack versteht das nicht., „Die Gesetze wurden doch von Menschen gemacht.“ Bald solle es aber zumindest neue Gespräche geben, heißt es.

Wollenschlaeger hat die Zeit in diesem Jahr genutzt, um Dinge auszusortieren, zu verkaufen, zu verschenken. Er hat sich die Zeit vertrieben, hat gebaut, die großen Leuchtbuchstaben seiner riesigen Verlosungs-Bude neu lackiert und mit LEDs bestückt, einen Bierwagen gekauft und ausgebaut. Sich mit Arbeit betäubt – aber die Situation nagt am Ego. „Man ist traditionsbewusst, hält ein Familienunternehmen am Laufen – und bekommt eigentlich signalisiert: Wir brauchen euch nicht.“

Wir sind doch das Antidepressivum des Volkes. Auf dem Rummelplatz können die Leute für günstiges Geld abschalten zwischen all den schlechten Nachrichten, Verordnungen und Beherbergungsverboten.

Thilo-Harry Wollenschlaeger, Schausteller

Doch das sieht der Schausteller anders. „Wir sind doch das Antidepressivum des Volkes. Auf dem Rummelplatz können die Leute für günstiges Geld abschalten zwischen all den schlechten Nachrichten, Verordnungen und Beherbergungsverboten.“ Zudem bestehe die Gefahr, dass sich immer mehr Schausteller von ihrem Beruf abwenden, sich einen neuen Job suchen, um überleben zu können. Dass Familienunternehmen, die bisher Jahrhunderte überdauerten, zerstört werden. „Eine meiner Töchter studiert Eventmanagement und hilft im Unternehmen, wo sie kann. Aber man fragt sich inzwischen schon, ob man seinen Kindern das überhaupt antun möchte.“

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Auch für Hainlein-Noack ist die Lage „bedrohlich“, sagt sie. „Das, was wir in der Branche momentan erleben, gab es vorher noch nie.“ Gerade stand sie mit ihrem Karussell in Hannover, einer von wenigen Aufträgen in diesem Jahr. Nun der neue Lockdown, der plötzliche Abbau. „Nun darf ich wieder wochenlang meinem Job nicht nachgehen, dann fallen vielleicht noch die Weihnachtsmärkte aus, dann kommt die Winterpause.“ Man kann gar nicht beschreiben, was das psychologisch mit einem macht.“ Die Schausteller hoffen, dass sich zumindest für das Frühjahr eine Lösung findet, dass es dann Flächen gibt. Denn Corona werde bleiben. „Und wir wollen schließlich keinen Drogenhandel betreiben“, sagt Wollenschlaeger. „Wir wollen einfach nur unser Leben zurück.“