Ein Park in Berlin mit viel Hitze und sogar einer schönen Abkühlung. 
Foto: dpa/Wolfgang Kumm

BerlinDas ist wahre Liebe. Es war der vielleicht letzte heiße Tag des Sommers, wer weiß. Jedenfalls kletterte die dünne rote Linie im Thermometer bis zur magischen Zahl 30.

Wer dran denkt, wechselt an solchen Tagen auf jene Straßenseite, auf die der Schatten der Häuser fällt. Aber auch dort war es warm. Sogar sehr warm. Doch ein verliebtes Pärchen hatte eine schöne Lösung gefunden. Obwohl das Hemd des jungen Mannes unter den Achseln mächtig durchgeschwitzt war, durfte er seinen Arm um ihre Schulter legen, um nicht noch mehr zu schwitzen. Als Gegenleistung hielt er mit der anderen Hand den Zipfel ihres sehr weiten Rocks hoch, sodass etwas Wind drunterwehen konnte. Wahre Liebe eben.

Eine alte Rostlaube fuhr vorbei und aus den vier offenen Fenstern dröhnte russische Volksmusik. Der Mann am Steuer nickte dazu, als wäre es Heavy Metal.

Im Park saßen ein paar Leute mit einem Grill und einem Kasten Bier. Ein Mann nuckelte an seiner Flasche und sagte, dass er nur im Sommer so viel trinkt. „Eigentlich war ich schon längst in meinem alkoholfreien Herbst, aber dann kam wieder dieses verdammte Biergarten-Wetter. Prost.“

Nebenan hängten ein paar Leute ein paar Girlanden zwischen die Bäume und redeten dabei recht Helikopter-Eltern-mäßig auf ihre Kinder ein. Doch sie kamen bei der Vorbereitung des Kindergeburtstages so ins Schwitzen, dass sie nicht mal mehr Lust hatten, mit den Kindern zu meckern, als die Kleinen andere Leute mit Wasser bespritzten.

Die anderen Leute meckerten auch nicht. Sie lächelten nur.

Ein paar Leute spielten irgendein Spiel, bei dem sie auf der Wiese kleine Holzklötze umwerfen mussten. Ein paar Pärchen saßen im vertrockneten Gras und führten diese Sommer-Nachmittags-Gespräche, die immer etwa ernsthafter aussehen, als sie sind, weil meist einer von beiden geblendet wird und die Augen zukneifen muss. Überall war die Stimmung sehr gelöst.

Hat eigentlich mal jemand wissenschaftlich untersucht, ab welcher Temperatur selbst die muffligsten Berliner ihre Lust am Herummaulen verlieren?

Am anderen Ende des Parks saßen ein paar kiezbekannte Jungmänner mit übertrieben großen Muskeln und übertrieben martialischen Tätowierungen. Als der Hund eines Punks sich mit ihrem Hund anlegte, blafften sie den Punk zwar kurz und heftig an, aber dann gaben sie ihm tatsächlich ein Bier.

Ein toller Tag. Genauso toll war es, dass es davor ein paar Tage schon fast herbstlich frisch gewesen war, weil nun alle dieses letzte Aufbäumen des Sommers noch einmal richtig zu schätzen wussten.

Der Abend wurde noch mal lang. Auf der Wiese oder auf dem Balkon. Und dann – zack – am nächsten Morgen war der Herbst da. Temperatursturz. 16 Grad. Aber auch das sorgte für Erheiterung oder Schadenfreude, denn einige traten in kurzer Hose aus dem Haus, weil sie gedanklich noch im Sommer waren.