Was für ein Bild: ein strahlend schönes, offenes Gesicht, ein Wesen voller Lebenslust. Sofort begreift man, warum das Sinti-Mädchen Unku die Schriftstellerin Alex Wedding 1929 in ihren Bann schlug. Sie begegneten einander in der Nähe des Lagers, das Unkus Familie für die Wintermonate am Berliner Stadtrand in Reinickendorf aufgeschlagen hatte – dort, wo die Papierstraße in eine Laubenpieperkolonie mündete. Den Ort kann man heute noch finden.

Grete Weiskopf, alias Alex Wedding, gewann das Vertrauen Unkus, die eigentlich Erna Lauenburger hieß, ihrer Cousine Kaula und das der ganzen Familie. Fasziniert schrieb sie Unkus lebhafte Erzählungen auf. Ein Berliner Arbeiterjunge, Unkus bester Schulfreund Ede, ist der Held vieler dieser Geschichten. So entsteht der Roman „Ede und Unku“, erschienen 1931 im Malik Verlag (siehe Infobox). Unku hat von dem Buch nichts erfahren, 1931 standen die Wohnwagen anderswo, in Wedding, nahe dem Schillerpark. Aber der Roman hat Unku unsterblich gemacht.

Taufe für die „kranken Seelen“

Sie selber wurde in Auschwitz ermordet. Ein zweites Buch, soeben erschienen, erzählt, was erzählt werden muss und was alle, die einst Unkus Berliner Abenteuer lasen, erfahren müssen. Ein Verwandter Unkus, der Berliner Musiker Janko Lauenberger, hat gemeinsam mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer recherchiert, das Gefundene aufgeschrieben – und mit Erfundenem „gewürzt“, nämlich Szenen, Gedanken und Gefühlen, die niemand überliefert hat, gut und einfühlsam gemeinte Fantasien, und doch unangemessen. Schade. Aber darauf kommt es nicht an, man lese über diese Passagen tapfer hinweg und wird die „wahre Geschichte“ finden.

1931 in Wedding geriet Unku nach der Kommunistin an eine ganz andere Gadsche, wie Sinti und Roma alle nicht zu ihnen Gehörenden nennen. Diesmal war es eine Missionarin der evangelischen Zigeunermission. Die sprach den Kindern von Geboten und Sünden, anschließend gab es Milch, Schrippen und gelegentlich warme Kleidung. Mit zwölf Jahren ließ sich Unku taufen. Die Missionarin schrieb später über „die kranken Seelen der Zigeunerkinder“ – man schaue noch einmal in Unkus Gesicht! – und wie sie sich retten ließen. Etwa durch Aufsagen des Spruches: „Wir Zigeunerkinder jauchzen froh dir zu: Dank sei dir, Herr Jesus, unser König du!“

Unter Dauerbeobachtung

Alex Weddings Buch „Ede und Unku“ brannte unterdessen auf nationalsozialistischen Scheiterhaufen, und ab 1936 machten die NS-Rasse-Gesetze Unkus Familie zu Artfremden. Im selben Jahr erging vom Reichsführer SS und Chef der Polizei, Heinrich Himmler, der „Runderlass zur Bekämpfung der Zigeunerplage“. Schon länger hatten die deutschen Behörden Unkus Familie keine Wandergewerbescheine mehr ausgestellt. Wenn die Frauen, wie üblich, Spitzenbänder verkauften, war das nun illegal. Immer wieder hatten sie Strafen zu zahlen.

Wenn die Familie sommers über Land zog – vor allem um Dessau – standen sie fortan unter Dauerbeobachtung. Lagern durften sie höchsten an für durchziehende Sinti und Roma eigens vorgesehenen Zigeunerrastplätzen. Überall manifestierte sich nun, von der Propaganda ermuntert und von keinerlei zivilisatorischen Bremsen mehr behindert, der Hass ganz unverhohlen.

Das Ende der Freiheit

Als am 16. Juli 1936, zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele, die Polizei alle neun Berliner Wagenplätze räumte und viele Sinti und Roma aus ihren Wohnungen holte, kamen auch Unkus Vater und Cousine Kaula in das „Zigeunerlager“ Marzahn. Zwangsarbeit erwartete sie: Er verlor in Fabriken zwei Finger und damit die Fähigkeit, auf seiner Geige zu spielen; sie wurde Magd einer Familie, die sie misshandelte.

Unku und andere Familienmitglieder waren in jener Zeit unterwegs bei Dessau. In Roßlau lernte sie ihre erste Liebe, Mucki, kennen. In jenen Monaten tauchte immer wieder der Journalist Hanns Weltzel bei ihnen auf, fragte viel und fotografierte. Anders als die meisten brachte er – trotz aller Stereotype – auch Verständnis auf für die Lage der Leute.

Anfang 1938 wurden sie schließlich in ein Zigeunerlager bei Magdeburg gezwungen. Unku war schwanger. Die Zeit der Freiheit, so beschwerlich sie gewesen sein mag, war zu Ende. Das Leiden sollte sich bald ins Unfassbare steigern.

Unku brachte eine Tochter zur Welt

Im Lager bekamen es die Sinti und Roma mit Forschern der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichgesundheitsamts in Berlin-Dahlem zu tun. Zwei Frauen maßen, fragten und fotografierten mit dem Ziel „kriminelle Sippschaften“ zu bestimmen. Die Rassentheorie offenbarte sich in diesen Forschungen in absurdester Form: Rassen-unreine Mischlinge sollten besonders aggressiv sein, während man in reinrassigen, aus Indien zugewanderten Ur-Zigeunern eine Art höher stehendes Ariertum vermutete.

Unku brachte am 25. August 1938 ihre Tochter Marie zur Welt. Das Lager durfte sie nicht verlassen, außer um zu ihrem Zwangsarbeitsplatz zu gehen. Unku hatte Uniformen zu nähen. Im Mai 1941 beschwerte sich die Firma bei der Behörde über Erna Lauenburger, die „frech aufgetreten“ sei. Sie wurde streng verwarnt. Das Rassegutachten stufte sie als „Mischling“ ein; somit galt sie als „hochgradig unausgeglichen, charakterlos, unberechenbar, unzuverlässig, träge, reizbar, arbeitsscheu“.

Das letzte Kapitel

Am 1. März 1943 – Unku hatte inzwischen ihre zweite Tochter, Bärbel, geboren – endete auch das Leben in Schmutz, Hunger und Demütigung im Magdeburger Lager. Um vier Uhr morgens trieben Polizisten mit Hunden die Menschen auf Lastwagen, die sie zu am Bahnhof wartenden Viehwagen brachten. Nach drei Tagen endet die Fahrt in Auschwitz. Das dortige „Zigeunerlager“ war, so beschrieben es Überlebende und Wissenschaftler, die Hölle.

Die beiden Autoren schieben Unku auch hier wieder Gedanken und Gefühle unter, so als hätten sie die junge Frau in jenen Momenten beobachtet. „Unku hat so etwas noch nie gesehen. Ihr Herz rast“, so steht da tatsächlich, und weiter: „Sie will ihre Kinder beruhigen. Immer wieder streicht sie mit der freien Hand Maries Haare hinter die Ohren.“ Fast nimmt der Ärger über solche Plumpheit angesichts des höchsten Elends überhand. Das hat Unku nicht verdient.

Ihre letzten Schreckenstage brachen an. Sie und ihre Töchter hießen jetzt Z633, Z634, Z635. Bärbel starb am 7. Mai 1943. Marie später in Joseph Mengeles Krankenblock. Als Unku von Maries Tod erfuhr, tanzte sie, so berichteten es beim Zählappell Anwesende, ein letztes Mal. Männer führten sie weg. Die Umstände ihres Todes sind nicht bekannt. Sie starb irgendwann zwischen dem 23. März und dem 14. April 1944.

Wie stark ist die Skepsis in einem selber?

Doch die Leidensgeschichte ihres Volkes ist nicht zu Ende. Eindrücklich erzählt der 1976 geborene Verwandte Unkus, Janko Lauenberger, über seine guten und bösen Tage – erst in der DDR, er wuchs in Berlin-Lichtenberg auf, dann im vereinten Deutschland. Er tut das sehr persönlich, sehr differenziert, frei von Bitterkeit. Man lernt mit jeder Zeile und merkt, wie wenig man weiß von diesen Nachbarn, ihrer über Generationen gepflegten Liebe zur Musik, und warum sie Dinge tun, die der Mehrheitsgesellschaft fremd erscheinen.

Dann schaut man in den Spiegel, sich selbst befragend. Wie stark ist die Skepsis in einem selber? Ja, ich bin einmal im Leben richtig beklaut worden, auf offener Straße. Von drei Roma-Frauen, die so taten, als wollten sie mir eine Rose schenken. Doch was heißt das für die anderen, für die vielen, die ohne jede Schuld stigmatisiert werden? Nichts, und ich ahne: Auch ich habe Grund zur Scham. Danke für das Buch. Trotz seiner Schwächen.