Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs legte die Rote Armee in Berlin vier sowjetische Ehrenmale an. Sie erinnern an die etwa 80.000 bei der Befreiung der deutschen Hauptstadt gefallenen Rotarmisten. Ein Großteil der toten Soldaten wurde an diesen Orten begraben. Die Ehrenmale sind also nicht nur Denkmale an den Sieg über Deutschland, sondern auch Friedhöfe. Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine sind sie ins Zentrum erinnerungspolitischer Debatten geraten.

1990 sicherte die Bundesrepublik im deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsabkommen und im Zwei-plus-vier-Vertrag Pflege und Erhalt der Denkmäler zu: „Die auf deutschem Boden errichteten Denkmäler, die den sowjetischen Opfern des Krieges und der Gewaltherrschaft gewidmet sind“, sowie die Kriegsgräber würden geachtet und unter dem Schutz deutscher Gesetze stehen, heißt es da.

Das zentrale Ehrenmal ist die Anlage im Treptower Park. Daneben entstanden das Ehrenmal in der Schönholzer Heide (Pankow), das Ehrenmal im Tiergarten  und ein kleineres in Berlin-Buch. Jedes trägt einen anderen Charakter, in jedem zeigt sich eine andere Form des Gedenkens. Wir stellen sie vor. Teil 3:

Statement am Ort der letzten Schlacht

Hitler saß Ende April 1945 noch in seinem Führerbunker, als T-34-Panzer der Roten Armee schon durch Berlin rollten. Zwei von ihnen flankieren bis heute das Sowjetische Ehrenmal im Großen Tiergarten. Sie waren an der Schlacht um das Machtzentrum des Nationalsozialismus in der Nähe des Brandenburger Tors beteiligt. Dass es sich um die beiden Panzer handelt, die als Erste die Berliner Stadtgrenze überrollten, gehört ins Reich der Mythen, genau wie jene Erzählung, die hinter den Panzern platzierten Haubitzen hätten die Siegessalven abgefeuert.

Die Errichtung dieses Ehrenmals im Berliner Stadtzentrum stand noch vollständig unter dem Eindruck der gewaltigen Schlachten, die zur Befreiung der Stadt geschlagen werden mussten und der ungeheuren menschlichen Opfer, die die Rote Armee erbracht hatte: Die sowjetische Führung ließ die Anlage unmittelbar nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8./9. Mai errichten. Schon am 11. November 1945 wurde sie eingeweiht.

Das Martialische der Waffen provoziert

Es ist das martialischste der sowjetischen Ehrenmäler in Berlin. Bis heute provoziert es am stärksten politische Bekundungen, Proteste wie andererseits auch demonstrativen Stolz der Nachfahren der Sieger von 1945. Da hilft es nicht, dass der acht Meter hohe bronzene Soldat sein Gewehr geschultert hat zum Zeichen, dass der Kampf beendet sei. Auch dass dieses Ehrenmal ein großer Friedhof ist, mildert nicht die Animositäten. Im hinteren Teil der Anlage liegen die Gräber von 2000 bis 2500 Soldaten, genau weiß man es nicht.

Es handelt sich überwiegend um die Gefallenen der letzten, heftigen Schlachten um das deutsche Machtzentrum, das von besonders hartgesottenen SS-Gruppierungen verteidigt wurde. Weder Grabsteine noch Tafeln geben den Gefallenen Namen, nur auf den Säulen des Ehrenmals sind einige zu lesen, dazu Texte, die auf die unterschiedlichen Waffengattungen der Gefallenen verweisen. Zwei Sarkophage nennen exemplarisch die Namen toter Offiziere.

Die Gedenkstätte westlich des Brandenburger Tors lag nach dem Krieg im britischen Sektor, wurde jedoch von sowjetischen Posten bewacht. Bei den Westberlinern war sie nicht beliebt, immer wieder wurde sie attackiert oder deren Beseitigung gefordert. Gerade jetzt wieder verlangte eine CDU-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus die Entfernung von Panzern und Geschützen, weil sie wegen des Ukraine-Kriegs auch für die aggressive Politik des Putin-Regimes stünden. Kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine verhüllten Unbekannte die schweren Waffen mit blau-gelben ukrainischen Fahnen, die die Polizei bald entfernte.

So einfach lässt sich die deutsche Geschichte auch bei diesem kriegerischen Anlass nicht entsorgen. Die zuständige Senatorin, Bettina Jarasch (Grüne), stellte klar, Deutschland sei durch den Zwei-plus-vier-Vertrag zum Schutz auch dieses Ehrenmals verpflichtet. Schon 2015, nach der russischen Krim-Annexion, hatten Bürger versucht, über eine Bundestagspetition die beiden „Russen-Panzer im Sowjetischen Ehrenhain“ zu entfernen. Der Petitionsausschuss lehnte ab.

Die Nachfahren gedenken stolz der Vorfahren

In den vergangenen Jahren verwandelten sich die Panzer und Kanonen regelmäßig zu Klettergerüsten für Kinder, die am 9. Mai mit ihren Eltern zum Ehrenmal gekommen waren, um ihrer Großeltern zu gedenken. Sie kamen mit Bergen von Blumen: Gruppen von Freunden, ältere und junge Paare, Rocker und Biker. Menschen mit Wurzeln in allen Teilen der früheren Sowjetunion fanden zusammen und sagten auf Befragen, sie kämen aus Freude darüber, dass der Große Vaterländische Krieg die Versklavung ihrer jeweiligen Heimat als deutsche Kolonie verhindern konnte. Dass sie stolz seien auf die Kämpfer und deren Familien in der blutenden Heimat. Zwei junge Männer, die am 9. Mai 2020 mit einer Kinderschar am Ehrenmal im Tiergarten Blumen niederlegten, sagten, man müsse der nächsten Generation die Geschichte weiterreichen, und zeigten auf dem Mobiltelefon Fotos von der ukrainischen Urgroßmutter am Reichstag.