Ecklokale gibt es in Berlin noch viele.
Foto: Imago/Schöning

BerlinDer Wein im Ecklokal wird auch mit dem zweiten Glas nicht besser, doch darum geht es nicht. Niemand ist hier, um schlürfend und zutschelnd verborgene Aromen vom Grund bauchiger Gläser hervorzulocken. Auch ein angehendes Besäufnis kann ich nirgends entdecken.

Für beides, Weinverkostung und Sich-im-Wein-Verlieren, eignet sich das Ecklokal nicht. Aus allerlei Leuchtkörpern quillt Licht knapp vor dem Übermaß. Dazu passt, dass auch bezüglich der Raumausstattung aus dem Vollen geschöpft wurde. Wie häufig in solchen Lokalen entdeckt das aufmerksame Auge nahezu alles, was die Deko-Abteilung hergibt.

Mir gegenüber stehen drei abgesägte Birkenstämme. Auf der Bar rührt ein schiefes Gingko-Bäumchen. An den Wänden wechseln sich Kunstdrucke mit Fotografien mit Spiegel-Arrangements ab.

Einfach nur sein dürfen

Fensterbänke und Tische ziert saisonaler Nippes: Wo zwischen den Jahren noch kugelige Weihnachtsmänner den Tellern den Platz streitig machen, standen auch schon Gestecke aus bunten Blättern und grienende Osterhasen. Auch dass die Musik nur aushaltbar ist, weil Gespräche und der schöne Sound aufrichtig gut gelaunter Kellner sie weitgehend übertönen. 80er-Jahre, immer, und zwar die schlichteste Kategorie.

Warum ich trotzdem von vergangenen Besuchen berichten kann? Ich mag diese Sorte Lokale. Sie sind das abendliche Pedant zu Bäckerei-Cafés, über die ich an dieser Stelle einmal schrieb, sie seien Orte, an denen die Stadt zu sich kommt. Weil sie nichts darstellen wollen und das abfärbt auf die Gäste. Man muss nichts Bestimmtes sein dort, sondern darf einfach nur sein.

Entsprechend bunt ist auch an diesem Abend das Publikum. Eine Geburtstagsgesellschaft im Alter zwischen 0 und 80 feiert fröhlich, ohne zu grölen. Zwei junge Männer verzehren schweigend zuerst den Salat, dann riesige Schnitzel. Die hat auch ein Paar auf dem Teller, das sich mit Bier zuprostet. Ihr Zickzackhaar passt zu „Brother Luiluilui...“. Wann habe ich zuletzt Modern Talking in einem Restaurant gehört?

Profanität des Normalen

Am Tisch neben mir nehmen Vater und Sohn Platz. Beide sind auffallend schön. Endlose Wimpern in schmalen Gesichtern, ernsthafte glänzende Augen. Das Kind bestellt mit heller Stimme einen Burger, noch bevor es seinen Anorak ausgezogen hat. Der Vater streichelt es mit einem Blick und entscheidet sich für den Thunfischsalat. Von da an sprechen sie nicht mehr. Das Kind spielt auf dem Smartphone, der Vater mit der Serviette und seinem Wasserglas.

Mir wird ein bisschen schwermütig. Ihr Schweigen ist so wenig verbindend wie das der beiden jungen Männer und das seit einiger Zeit eingetretene des Schnitzelpaares. Alle vier haben die Geräte neben den Tellern und diese bekommen zwischen Bissen und Schlucken die Aufmerksamkeit, die sie fordern.

Im Ecklokal, wo die Normalität alle viere von sich strecken darf, zeigt sie sich eben von allen Seiten. Und ganz unabhängig von Traube und Jahrgang: Daran ändert auch das zweite Glas Wein nichts.