„Hab ja ABS“, denkt der Fahrer bei extremen Geschwindigkeiten und wähnt sich noch immer als Herr des Verfahrens.
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BerlinDas Rasen auf deutschen Autobahnen ist ein internationaler Mythos. Für Touristen ist das die Spitze der Unvernunft, aber verführerisch. Für den deutschen Autofahrer markiert das volle Ausfahren des Motors noch immer technologische Überlegenheit, also eigentlich das Ultra der Vernunft. Kaum ist das Thema des Tempolimits aufgekommen, wird es von höchster Stelle wieder abgeräumt, beschlossen, bevor etwas besprochen ist, ausgeklammert von der Liste aller möglichen politischen Kompromisse.

Liberal gesehen sollte man in der Tat keine Gesetze machen, wenn sie nicht nötig sind. So dachte zum Beispiel die Stadt Köln nach dem Krieg, eine Geschwindigkeitsbegrenzung brauche es nicht. Also gab es keine. Bis das irgendwann doch auffiel mit den vielen Toten und Verletzten. Dann gab es eine. Längst wäre eine Revision der Autobahnregelung ebenfalls fällig gewesen. Das Superschnellfahren ist schlichtweg ein Akt der Drohung; es wird zu Ungunsten anderer erzwungen. Da braucht es weder die Lichthupe noch das enge Auffahren: Wer ein Geschoss im Rückspiegel sieht, nimmt immer Reißaus. Das heißt, der Druck der Autobahn verlagert sich in die mittlere Spur. Wer maßvoll reisen möchte, wird eingequetscht.

Die deutsche Sonderbahn gilt als Mythos, sie ist aber auch ein Tabu. Schnell sind Stimmungsmehrheiten organisiert, wenn es zu sagen gilt, dass wir das dänische Gekrieche, das Schweizer Abkassieren, das französische 130 auf leeren, bestens gepflasterten Provinzautobahnen nicht wollen. Aber wer hat das eigentlich in die Welt gesetzt, dass eine Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen direkt von jenseits der Grenze kopiert werden muss? Die Wahl ist doch frei.

Gutes Verkehrsverhalten durch niedriges Tempolimit?

Drei Margen sind denkbar, die völlig unterschiedliche Modelle abgeben würden. Nummer eins: Man könnte eine Grenze im obersten Bereich einziehen, gewissermaßen nur den Irrsinn kappen. Dann wäre das Tempolimit bei 220 km/h. Nummer zwei, von der anderen Seite begonnen: Dem deutschen Fahrer würde ein solides Maß aufgezwungen, ohne die Fahrt zu einer Bummelei zu machen. Dann wäre 150 okay. Die dritte Möglichkeit läge dazwischen. Die Höchstgeschwindigkeit würde besagen, dass die Kraft und Windschnittigkeit eines Automobils zur Logik der Streckenbewältigung genutzt werden dürfen. Dann wäre Tempo 180 noch vermittelbar.

Niedrige Höchstgeschwindigkeiten erzeugen nicht automatisch gutes Verkehrsverhalten. Alle wollen mit „mehr“ nicht erwischt werden, aber die Grenze ausfahren. So ergeben sich ängstliche Autocluster, unfreiwillige Fahrgemeinschaften über viele Dutzend Kilometer, ein sich Heran- und Vorbeischleichen, immer irgendeiner im toten Winkel. Die Holländer beherrschen das großartig, die Franzosen unterlaufen das artige Reglement durch anarchische Manöver.

Ginge man in Deutschland auf 150, wäre die Grundsituation so viel anders nicht, weil fast alle Pkws so schnell fahren können. Besser wäre vielleicht, die Autofahrer nicht wie Marionetten am Faden zu führen, sondern ihren Temperamenten bis zu einem gewissen Grad nachzugeben. Dann würden die Schnellen eben von hinten kommen und nach vorn wieder verschwinden, und niemand würde sie vermissen. Im Gegenteil, die Mittelgruppe wäre entlastet. Dennoch würde der Unterschied zwischen den Geschwindigkeiten überschaubar. Jemand, der mit 140 in die dritte Spur eiert, wäre noch keine Gefahr.

Umkehrung der Perspektive

Dass das Maximum überschritten werden wird, ist wahrscheinlich. Wenn 180 gelten würde, riskierte man mit Tempo 200 nicht allzu viel, mit einem Kilometer mehr hätte man einen Punkt in Flensburg. Entscheidend für das flüchtige Miteinander auf der Straße aber ist, was erlaubt ist. Das Problem mit dem deutschen Mythos ist doch, dass er zu einer Umkehrung der Perspektive geführt hat, was Mensch und Technik betrifft.

Während die extreme Geschwindigkeit die Libido des Fahrers vor sich hertreibt, wähnt er sich als Herr des Verfahrens, lullt sich ein in technoider Bruchteil-von-Sekunden-Kontrolle. „Hab ja ABS.“ Unsere großen Limousinen spiegeln das als Leistung und Anspruch in den Fahrgastraum zurück. Während der „Partner“ im Straßenverkehr beim Vorbeischnellen zu einem vagen Punkt in der Landschaft verwischt, mimt das Fahrwerk eines Sechszylinders trügerische Objektivität, eine unbezwingbare Kapsel im Raum.

Zu viele Raser

Es mag ja sein, dass es einmal leere Autobahnen gegeben hat, sehr viel weniger Lkws gewiss. Aber es gab auch sehr wenige Autos, die schneller fuhren als 210, und es gab so etwas wie die preußische Seele des deutschen Autofahrers. Davon kann keine Rede mehr sein. Selbst in den Städten wird mit getunten Autos gerast, Spurwechsel hin und her, ohne auch nur einmal zu blinken. Auf Autobahnen erst recht.

Die Abwesenheit einer Höchstgeschwindigkeit bedeutete lange eine Gentleman-Regelung entlang der Achse der Vernunft. Inzwischen sieht man mit Schrecken, dass die Fahrer jenseits der 200 ihre Logik direkt von der Formel 1 abgeguckt haben, wo der Vordermann die Regeln des Überholens bestimmt und außer dem Umstand, vorneweg zu rasen, zu keiner weiteren Auskunft verpflichtet ist. Der Grad der Entsolidarisierung ist frappierend.

Es ist fast so, als spürten die Fahrer sehr schneller Autos, dass ihre Ära zu Ende gehe. Sie zelebrieren ihre Fahrt als finalen Akt, als letzte souveräne Handlung eines Gottes, an den so richtig keiner mehr glaubt. Deshalb ist der Vorschlag zur Güte, Tempo 180, hier keinesfalls satirisch gemeint. Der Deckel muss drauf, das Gesetz der Gesetzlosen hat ausgedient.  


Ulf Erdmann Ziegler ist Schriftsteller und lebt
in Frankfurt am Main.