Das RAW-Gelände in Friedrichshain.
Foto: dpa/Paul Zinken

Berlin-FriedrichshainAuf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks in Friedrichshain, dem RAW-Gelände, manifestiert sich wie an nur wenigen anderen Orten in der Innenstadt der Konflikt zwischen Kultur und Kommerz. Aus einer über drei Jahrzehnte wild gewucherten und baulich teils ruinenartigen und oft provisorischen Mischung aus Clubs, Bars und Konzerthallen, aus Galerien, Werkstätten und allerlei sonstigen soziokulturellen Einrichtungen soll mit privatem Geld ein neues Stadtquartier werden.

Unter dem Motto „Stadt essen Kultur auf“ versuchte sich ein mit Partymachern, Stadtplanern, Architekten, Publizisten und Politikern hochkarätig besetzter Workshop unter Anleitung von Berlins früherem Kulturstaatssekretär Tim Renner zwei Tage lang an der vermeintlichen Quadratur des Kreises. Wie kann ein Quartier geschaffen werden, das Kultur und Kommerz nicht nur verbindet, sondern diese beiden sich so oft ausschließenden Welten miteinander vereint, vielleicht sogar versöhnt?

Wie wichtig eine solche Versöhnung ist, lässt sich an einer Zahl festmachen, einer Kennziffer, die gleichzeitig ein Markenzeichen der Stadt Berlin ist: 17. 17 Prozent betrug im Jahr 2016 nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) der Anteil der Kreativ- und Digitalwirtschaft am Gesamtumsatz aller Berliner Unternehmen. Neuere Daten gibt es derzeit nicht, doch es gilt als sicher, dass der Anteil dieser Branchen am Berliner Gesamtkuchen in den vergangenen Jahren bis heute eher gewachsen als gesunken ist.

Grenzüberschreitung als Kapital

Musikwirtschaft, Designwirtschaft oder auch Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) sind Wachstumstreiber. Berlin wird immer attraktiver für Menschen von überall. Damit das so bleibt, muss Berlin „weiter eine Abenteuerlandschaft bieten“, sagt Tim Renner und meint Museen, Theater, Opern, Galerien, aber eben auch Bars, Konzerthallen und Clubs.   „Das Grenzüberschreitende ist das Kapital Berlins“, sagt Lutz Henke, Kulturbeauftragter der halböffentlichen Tourismusgesellschaft Visit Berlin.

Doch gerade weil Berlin immer attraktiver wird, wird immer neuer Wohnraum gebraucht. Vor allem die Innenstadt wird deswegen immer stärker verdichtet. Und sofort stellt sich die Frage, wie diese   Entwicklungen stadtverträglich zusammenpassen können. Wie kann es gelingen, den Freiraum zu lassen, den diese Kreativbranche braucht und gleichzeitig verbraucht?

Für das RAW-Gelände ist Lauritz Kurth eine der wichtigsten Personen. Seiner Familie gehört der westliche Teil des Geländes, der von der stark frequentierten Warschauer auf der einen und den Kneipen, Bars, Restaurants und Imbissen an der Revaler Straße auf der anderen Seite eingeschlossen wird: 52.000 Quadratmeter gehören der Kurth-Gruppe, die restlichen 19.000 Quadratmeter teilen sich zwei weitere Immobilienfirmen.

Für Kurth ist das RAW-Gelände in erster Linie ein Musterbeispiel für „ein Grundstück, das Stadtreparatur braucht“. Wer einmal nachts im Slalom um Dealer und Obdachlose herum den Weg zur Partymeile gefunden hat und dort über das schlecht beleuchtete Pflaster stolpert, wird ihm recht geben.

Was man dabei aber auch immer Kopf behalten muss: Kurth will und muss mit dem Gelände irgendwann Geld verdienen. Der Kaufpreis im Jahr 2015 soll 25 Millionen Euro betragen haben.

Einer von Lauritz Kurths wichtigsten Gesprächspartnern zum RAW-Gelände ist Florian Schmidt, Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg. Der Grünen-Politiker nennt sich selbst „Aktivist“ und gilt als Robin Hood der Berliner Mieter.

Im Fall des RAW ist der oft als Investorenschreck gebrandmarkte Schmidt sehr für Entwicklung, freilich unbedingt unter Erhalt der Subkultur. „Außer den soziokulturellen Einrichtungen gibt es auf dem Gelände wenig Erhaltenswertes“, sagt der Politiker.

Investor gegen Kulturschutz

Vorigen Sommer beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg einen Bebauungsplan, der Schmidts Handschrift trägt: Zehn Prozent der Nutzfläche werden für soziokulturelle Nutzungen gesichert.

Bei dem Workshop hob Stadtrat Schmidt noch einmal hervor, worum es ihm beim RAW-Gelände gehe: Das Gesamtquartier werde viele Arbeitsplätze schaffen und solle gleichzeitig ein offener Ort für alle sein, selbst wenn es ein privates Quartier ist.

Investor Kurth erinnert noch einmal daran, dass all dies nur möglich sei, wenn man die Flächen und ihre Nutzer neu sortiert. „In Berlin ist lange mit dem Platz geaast worden“, sagt er, auch auf dem RAW-Gelände. Jetzt gehe es darum, zusammenzurücken. Im Zweifel auch nach oben.

Für die Kurth-Gruppe springt nach dem Bebauungsplan Baurecht für ein Hochhaus an der Warschauer Straße sowie Fläche für Einzelhandel und Büros heraus. Nur so sei es möglich, auch diejenigen Nutzer auf dem Gelände zu halten, die wenig Miete bezahlen können. Wie groß das Hochhaus konkret werden soll, steht indes noch nicht fest. Stadtrat Schmidt könnte sich nach eigenen Worten ein Haus von 80 bis 100 Meter vorstellen. Unabhängig davon haben mehrere Gastronomen ihre Bereitschaft erklärt, auf dem Gelände zu bleiben, aber umzuziehen.

Das wiederum ist ganz im Sinne von Lauritz Kurth. Es sei falsch, etwa einen Kulturschutz für zum Beispiel Clubkultur auszurufen, sagt er. Schließlich änderten sich Zeitgeist und Bedürfnisse. Was man jetzt unbedingt erhalten wolle, könne schon in 15 Jahren überholt sein, sagt er.

Es wird also immer wieder Veränderungsprozesse auf dem RAW-Gelände geben. Prozesse, die moderiert werden müssen. Um das zu können, müssen die Beteiligten miteinander reden. Ein Anfang ist nun definitiv gemacht.