Sie haben auch in der Pandemie dafür gesorgt, dass die medizinische Versorgung stabil blieb: die Hausärzte.
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BerlinNeben den Pflegekräften sind sie jene Berufsgruppe, die in der Krise fast rund um die Uhr im Einsatz und Außergewöhnliches geleistet haben: die Hausärzte. Und sie wissen das auch. Am Donnerstag sind sie zusammengekommen, um das letze halbe Jahr im Ausnahmezustand der Corona-Krise Revue passieren zu lassen; das Hauptthema des 41. Deutschen Hausärztetages in Berlin. „Die hausärztliche Versorgung ist nicht nur unverzichtbar“, sondern habe in der Krise auch gezeigt, dass sich die Praxen „sehr anpassungsfähig gezeigt haben“, sagt Ulrich Weigeldt. Zum Auftakt des 41. Deutschen Hausärztetages in den Tagungsräumen des Hotel Titanic berichtet der Vorsitzende des Bundesverbandes von den Leiden der Hausärzte während der Krisenmonate und formuliert Forderungen an die Politik.

Viel Lob spricht Weigeldt für die Ärztinnen und Ärzte aus, die seit Ausbruch der Pandemie dafür gesorgt haben, dass die Kranken weiter versorgt wurden. Daneben hätten sich die Mediziner gemeinsam organisiert, um „ältere und gefährdetere Kolleginnen und Kollegen zu schützen“. Auch Videosprechstunden und telefonische Krankschreibungen hätten gut funktioniert. Nach wie vor sei der Kontakt zwischen Ärzten und Patienten jedoch am besten dann, wenn er „analog“ stattfinden kann. 

Es gebe Fälle, wo die Behandlung so eindeutig sei, dass eine telefonische Sprechstunde ausreiche – selbstverständlich so, dass der Patient im Falle einer Verschlechterung doch einen persönlichen Besuch vereinbaren kann.

Und der Herbst? Viele Patienten blicken jetzt natürlich mit Sorge auf die kühlere Jahreszeit und damit auf die Grippe- und Erkältungswellen. Um Schnupfennasen in den kommenden Monaten gut behandeln zu können, und gleichzeitig das Praxispersonal zu entlasten, müssten jetzt auch Patienten mithelfen. Die Herausforderung: „die Pandemie hat die Patienten sehr verunsichert“, weiß auch Wolfgang Kreischer aus eigener Erfahrung. Der Vorsitzende des Landesverbandes Berlin-Brandenburg hat selbst eine Praxis in Zehlendorf. Er beobachtet zwei Kategorien von Patienten: Die einen seien so verängstigt, dass sie seit drei Monaten das Haus nicht mehr verlassen haben. Andere leugneten das Infektionsrisiko und weigerten sich etwa, im Wartezimmer einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Das belastet auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Dazu kommt, dass sich die Hausärzte von Politik und Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt. Sie seien „bisher das Rückgrat der Versorgung“ gewesen, findet Kreischer. Er hat in den ersten Monaten der Krise auch Arbeit der Fachpraxen übernommen - die waren schließlich geschlossen. Auch durch den Fokus des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) auf die Krankenhäuser fühlen sich viele Hausärzte übersehen. Das habe man sowohl zu Beginn der Pandemie so empfunden, als es an Schutzkleidung und -masken gefehlt habe, als auch heute, nach Wochen der Überstunden und Zusatzleistungen.

Besonders wichtig war und bleibt den Hausärzten, „Infektionen aus den Praxen rauszuhalten“, so Kreischer. Daher seien etwa die zusätzlichen „Abstrichsprechstunden“ und eigens eingerichteten „Covid-Praxen“, wie er sie nennt, notwendig, zu denen sich auch die Berliner Hausärzte untereinander organisiert hatten. So habe man die Patienten – etwa bei Fragen zu einem positiven Testergebnis – bisher gut versorgen können. Eine Sorge des Landes-, wie des Bundesverbandes sind außerdem Patienten, die spontan vorbeikommen. Man habe die Hoffnung, dass alle „Infektionspatienten“, also alle mit typischen Erkältungssymptomen, sich immer zuerst telefonisch in der Praxis melden.

Der Verband will außerdem möglichst viele Menschen noch vor dem Herbst gegen Grippe impfen. Allein die „sogenannten Risikopersonen“ zu impfen, reiche dabei nicht aus, so Weigeldt. Dafür sei es sinnvoll, eine möglichst breite Immunität der „Umgebung“ von Risikopersonen durch die Impfung zu erreichen. Kreischer bemerkt allerdings, dass die zur Zeit bundesweit 25 Millionen verfügbaren Dosen nicht ausreichen werden, um das flächendeckend zu schaffen. Daher sollten am besten nur Hausärzten spritzen, nicht etwa Fachärzte. Jenen fehle der gesellschaftliche Blick, die Impfungen fänden „planlos“ statt. Hausärzte dagegen können abwägen, wie die Dosen sinnvoll verteilt werden können – Betriebe, die ihr gesamtes Personal impfen lassen, hält er für „rücksichtslos“. „Das soll doch nicht so laufen wie mit dem Klopapier“, sagt Kreischer.