Berlin - Das Licht auf dem kleinen Dachboden ist gedimmt. Unter einer Schräge, die mit Tüchern behangen ist, steht ein Holzbett. Eine junge Frau, Amal, liegt dort halb aufgerichtet in ihrem Nachthemd – sie hustet und ist blass im Gesicht. Mit flüsternder Stimme bittet sie ihren Partner Jakob, der an ihrem Bett sitzt, ihr endlich ihre Medikamente zu geben. Er reicht ihr ein Glas mit einer Flüssigkeit. Amal trinkt. „Okay, danke. Das war schon sehr gut“, sagt Regisseur Baris Aydinli. Er hockt auf dem Dielenboden vor dem Bett – mit Drehbuch in der Hand, FFP2-Maske, Baseballkappe – und gibt den beiden Schauspielern, Naomi Simmonds und Toni Gojanovic, die das Paar Amal und Jakob spielen, noch einige Anweisungen.

Es ist an diesem Märznachmittag einer der letzten Proben vor dem Dreh des Horror-Kurzfilms „I can heal you“, übersetzt: „Ich kann dich heilen“. Im April soll er erscheinen – und ist gleichzeitig der Auftakt einer Reihe von Horror-Kurzfilmen des neuen Berliner Filmkollektivs LOST. Die beiden Gründerinnen und Produzentinnen des Kollektivs, Nabila Bushra und Farah Bouamar, beide Ende 20, wollen mit ihren Filmen das Genre Horror nachhaltig verändern, diverser machen. Bei der Probe stehen die Gründerinnen im Hintergrund, flüstern, um die Schauspieler und den Regisseur nicht zu stören.

Gesellschaftliche Fragen in Horrorfilmen thematisieren

Und worum geht es in ihrem ersten Horrorfilm? „Es ist eine Beziehungstragödie“, erklärt Bushra. Der Protagonist Jakob suche verzweifelt nach einem Heilmittel für seine Partnerin Amal, die unheilbar an Krebs erkrankt ist. Jakob vertiefe sich dabei in obskure Rituale. Es gehe unter anderem um die Frage nach dem eigenen Glauben. „Es sind Momente, die wir aus unserer Umgebung kennen. Es ist sehr realitätsnah. Ich denke, jeder kennt zum Beispiel eine Person, die an Krebs erkrankt ist“, sagt Bushra. „Es geht um den Umgang mit dem Nahtod, um Medizin und Natur – und es wird gruselig, nahezu dämonisch. Ist es Hoffnung, Wahnsinn? Wann muss ein Mensch loslassen können, das sind alles Fragen, die wir in diesem ersten Film stellen“, erklärt die Gründerin. In ihren Horrorfilmen gehe es ihnen nicht nur um die Unterhaltung, sondern vor allem um die Verarbeitung aktueller gesellschaftlicher Debatten.

Um nicht weiter bei der Probe zu stören, setzen sich die Produzentinnen in das Wohnzimmer des verwinkelten Einfamilienhauses in Berlin-Schmargendorf, das sie für die beiden Drehtage über Airbnb gebucht haben. An den Fenstern hängen Spitzengardinen, schwere Holzmöbel stehen im Raum, ein riesiges Bücherregal füllt eine Wand. „Wir haben dieses Haus und diesen alten Dachboden gesehen und gleich gedacht: Das ist der perfekte Ort für unseren Dreh“, sagt Bouamar. Der Dachboden ist auch der einzige Drehort des Films. Insgesamt sind 14 Leute an diesen beiden Drehtagen für den ersten Film vor Ort. Jeder im Team muss an den beiden Drehtagen einen aktuellen negativen Schnelltest vorweisen können, außerdem müssen FFP2-Masken getragen werden.

Foto: Volkmar Otto
Farah Bouamer (links) und Nabila Bushra, die Gründerinnen des Berliner Filmkollektivs LOST, sitzen vor dem Haus in Schmargendorf, in dem ihr erster Horror-Kurzfilm gedreht wird.

Die Idee, Horrorfilme zu drehen, entstand im vergangenen Jahr. Die befreundeten Frauen, die sich vor sechs Jahren auf einem Wissenschaftskongress kennengelernten, haben beide viel auf Podien gesessen, über Frauenrechte, Rassismus oder Intersektionalität referiert. „Das waren immer vorgegebene Themen. Wir wollten eigene Themen setzen und das mit dem Film verbinden“, so Bushra. Beide Frauen forschen derzeit für ihre Promotionen zum Medium Film, Bushra im Fach Soziologie und Bouamar in Literatur und Philosophie. Bisher haben sie nur theoretisch mit dem Film gearbeitet, jetzt endlich auch praktisch.

„Wir haben das Drehbuch geschrieben, das Team zusammengestellt. Es ist alles sehr spannend“, sagt Bouamar. „Aktuelle Diskurse können sehr gut über das Medium Film thematisiert werden. Filme wirken, die Geschichten regen zum Nachdenken an, werfen Fragen auf.“ Für ihr Projekt werden die beiden Frauen von der Interkultur Ruhr, der Sawasya GmbH und der Alhambra Gesellschaft gefördert.

Gesellschaftskritische Themen ausgerechnet in einem Horrorfilm zu behandeln, scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich und geradezu skurril zu sein. Mit Horrorfilmen verbindet man in erster Linie blutige, grausame Filme, wie die berühmte Horror-Filmreihe „Saw“ mit Splatter-Elementen oder Werke wie „The Ring“, „Psycho“ und „Chucky – Die Mörderpuppe“. „Horror ist einer der ältesten und populärsten Filmgenres. Man spielt mit Ängsten, den tiefen menschlichen Abgründen. Das ist wahnsinnig faszinierend“, sagt Bouamar. Horrorfilme haben aber auch großes Potenzial, um gesellschaftskritische Themen zu verarbeiten, wie Körperdiskurse oder Rassismus. Doch diese Themen werden in den meisten Horrorfilmen nicht beachtet. „Der US-amerikanische Horrorfilm ‚Get Out‘ von Jordan Peele aus dem Jahr 2017 ist ein schönes positives Beispiel. Er thematisiert Rassismus in seinem Film und beleuchtet das Thema historisch, trotzdem ist es gruselig und macht Angst. Daran sieht man, wie viel man mit Horror machen kann“, sagt Bouamar. „Wir wollen mit der Spannung und der Angst spielen und verzichten dabei auf Splatter oder Monster – gleichzeitig wollen wir gendersensibel und rassismuskritisch arbeiten. Auch das wird in der Filmbranche oft noch nicht gemacht.“

Diskriminierung in der Filmbranche

Diskriminierung durchzieht die Filmbranche weltweit, auch in Deutschland, das zeigt die von Citizens for Europe erstellte Studie „Vielfalt im Film“. Die Ergebnisse zeigen, dass es in der Filmbranche eine strukturelle Diskriminierung von Frauen, People of Color, queeren oder trans Menschen und Personen mit Beeinträchtigungen gibt. Über 1600 der 5455 Befragten gaben an, selber Diskriminierung in der Filmbranche erlebt zu haben wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität, dem Alter oder ihrer Herkunft. Auch sexuelle Belästigung komme sehr häufig vor. Mehr als drei Viertel der Befragten finden zudem, dass etwa arabische, muslimische und Schwarze Menschen überwiegend stereotypisch dargestellt werden, oft Rollen von Verbrechern, Attentätern oder Opfern einnehmen sollen.

„Wir wollen Zugänge erleichtern, um die Filme und so die Branche vielfältiger zu machen. Bisher ist sie vor allem eines: weiß“, sagt Bouamar. „Im Film müssen unterschiedliche Perspektiven einbezogen und nicht immer die gleichen stigmatisierten Rollen vergeben werden. Wir wollen mit unserem Projekt Leute sichtbar machen, die es vorher nicht waren.“ Bei jedem Kurzfilm wollen sie außerdem ein neues Team zusammenstellen – mit verschiedener Herkunft und sozialen und kulturellen Hintergründen. Für dieses Jahr haben sie noch drei weitere Filme geplant. „Wir können uns vorstellen, dass es in Zukunft auch andere Produzentinnen geben wird, die das Kollektiv weiter ausbauen und wieder neue Sichtweisen einbringen“, so Bushra.

Foto: Volkmar Otto
Der erste Drehtag des ersten Horrorfilms „I can heal you“.

Die beiden einzigen Schauspieler in ihrem ersten Film sind Naomi Simmonds und Toni Gojanovic. „Beide sind absolute Profis“, sagt Bushra. Simmonds, die die erkrankte Amal in „I can heal you“ spielt, arbeitet derzeit als eine der Hauptdarstellerinnen in dem Musical „Wüstenblume“ in der Schweiz. Und der kroatische Schauspieler Toni Gojanovic wird noch in diesem Jahr in einem Kinofilm zu sehen sein. Bushra und Bouamar haben bei den Schauspielern vor Wochen angefragt, ihnen das Drehbuch zugeschickt und intensive Vorgespräche geführt. Regisseur Baris Aydinli führte bereits bei diversen Kurzfilmen und Musikvideos Regie. „Wir kannten seine Arbeit und wollten ihn gerne dabei haben“, sagt Bushra. Hinter der Kamera steht an den beiden Drehtagen Khoi Chau, auch er sei ein Profi.

Der erste Dreh des ersten Horrorfilms

Der Dreh soll beginnen – zuerst nur mit Schauspieler Gojanovic. Naomi Simmonds muss derweil für drei Stunden in die Maske. Die befindet sich in der Küche des Hauses. Bushra und Bouamar gehen die knarrende Holztreppe hoch zum Dachboden. An einer Steinwand hängen Fotos des Paares Jakob und Amal, aber auch Skizzen und gruselige Zeichnungen mit Blut, die im Film thematisiert werden. Auf dem Boden stehen antike Leuchter und ein Tisch mit einem Teeservice aus Silber. Mehr als zwölf Stunden hat die Setdesignerin Christina Heurig den Dachboden so dekoriert, damit er so aussieht, als wäre man irgendwo in Istanbul, der Ort, an den das Filmpaar Amal und Jakob gereist ist.

Die Szene 12 wird als allererstes gedreht. Im Mittelpunkt ist dabei der Schreibtisch, an dem Gojanovic als Jakob sitzen soll. Ihm wurden tiefe Augenringe geschminkt, er sieht übernächtigt, erschöpft aus. „Okay Leute, erster Shot“, sagt Regisseur Aydinli. Die Regieklappe wird mit einem lauten Knall zusammengeklappt. Es ist eng und warm auf dem Dachboden, es muss immer wieder gelüftet werden – eine Sicherheitsmaßnahme. Die ständigen Unterbrechungen führen dazu, dass die Dreharbeiten bis vier Uhr nachts andauern werden, erzählt Bouamar einige Tage später. Die Szene mit Jakob wird noch einmal gedreht. Bushra und Bouamar stehen hinter Kameramann Khoi Chau, sehen gebannt auf diese erste Szene ihres ersten eigenen Horrorfilms.