Krankenhaus Eisenhüttenstadt: Es sieht nicht unbedingt wie ein heimisches Bauwerk aus, sondern eher wie eine Kurklinik im russischen Sotschi.
Foto: Volkmar Otto

EisenhüttenstadtVon Berlin aus geht es immer geradewegs Richtung Polen, bis kurz vor die Grenze. Dort, ganz am östlichen Ende von Deutschland, geht es rechts rum – und noch mal eine halbe Autostunde nach Süden. Dann steht da ein Ortsschild mit einem ungewöhnlichen Namen: Eisenhüttenstadt.

Die Einfamilienhäuser am Stadtrand sehen aus wie in jeder mittelgroßen Stadt im Brandenburgischen. Doch je weiter es in die Stadt hineingeht, um so mehr weitet sich das Blickfeld: Hier haben die Straßen richtig viel Platz zwischen den Häuserzeilen. Selbst im Zentrum ist nichts eng.

Es ist keine natürliche Stadt. Das wird schnell klar. Es ist kein Ort, der über Jahrhunderte gewachsen ist, der einen alten Stadtkern hat mit verwinkelten Gassen, Fachwerkhäusern und verwitterten Kirchen. Die Stadt wirkt wie ausgedacht. Und sie ist es auch.

Es ist eine sogenannte Planstadt, also ein Ort aus der Retorte, entworfen am Reißbrett und dann auf die grüne Wiese gesetzt. Bekannte Beispiele sind Neu-Delhi oder Brasília oder auch das barocke Mannheim. Im Fall von Eisenhüttenstadt sollte der Ort auch noch ein Vorbild für ein ganzes Land sein – und ein Beweis für die Überlegenheit eines politischen Systems: Die Planer hatten die „erste sozialistische Stadt der Deutschen Demokratischen Republik“ entworfen. Der Kern sind Bauten, die den etwas schlichteren Häusern an der früheren Stalinallee in Berlin gleichen. So schön, so grün, so weitläufig sollten die Werktätigen im Arbeiter-und-Bauern-Staat möglichst überall leben. Ein großer Einklang von Arbeit, Wohnen, Kultur und Wohlfühlen. Eisenhüttenstadt – die ideale Stadt der DDR. Es blieb ein einmaliger Versuch.

Die ideale Stadt der DDR: So sollten die Werktätigen im Arbeiter- und-Bauern-Staat eigentlich wohnen. Es blieb ein Versuch.
Foto: Volkmar Otto

Die DDR ist schon lange untergegangen, aber „Hütte“ – wie die Stadt von den Einheimischen genannt wird – lebt weiter. Mehr noch: Sie macht optisch inzwischen wieder viel her, ist fast durchsaniert und bleibt eine Stadt mit ein paar Superlativen. Beispielsweise feiert sie nun ein großes Jubiläum. „Eisenhüttenstadt ist die jüngste neu gegründete Stadt Deutschlands“, sagt Bürgermeister Frank Balzer. 70 Jahre ist sie alt.

Eine Stadt als Museum

Hier an der Oder setzte am 18. August 1950 der Industrieminister symbolisch die Axt an, um eine Kiefer zu fällen. Es war der offizielle Start zum Bau des Eisenhüttenkombinats Ost (EKO) – und auch die Geburtsstunde der Stadt. „70 Jahre sind für einen Menschen ein ganz ordentliches Alter“, sagt der Bürgermeister, „für eine Stadt ist das fast nichts.“

Der Bürgermeister regiert in einem Museum. Denn die Stadt ist das größte Flächendenkmal der Bundesrepublik, und das ist ausgerechnet der DDR gewidmet. Fast alles hier erzählt von früher. Die Anschrift des Rathauses lautet: „Zentraler Platz 1“ – das klingt wie ausgedacht für einen Film über die DDR.

Im Foyer hängt ein riesiges Wandbild des Künstlers Walter Womacka namens „Unser neues Leben“. Auf sechs mal zwölf Metern zeigt er mit genau 227.593 kleinen Mosaiksteinen die Entwicklung zu einem sozialistischen Paradies voller glücklicher und fleißiger Bürger. Nicht nur das Bild und die Hülle des Gebäudes stehen unter Denkmalschutz, auch einzelne Räume wie der Saal der Stadtverordneten und das Büro des Bürgermeisters.

Im denkmalgeschützten Rathaus: Bürgermeister Frank Balzer (56) vor dem großen Mosaikbild im Foyer.
Foto: Volkmar Otto

Balzer ist 56 Jahre alt, ein ernster Mann, der nicht allzu oft lächelt, einer, der lieber in Hemd und Hose unterwegs ist als im kompletten Anzug. Er zeigt sein Büro, das mit recht dunklem Holz getäfelt ist, auch an der Decke. Der Raum wirkt schwer und flößt Ehrfurcht ein. Als Balzer vor zwei Jahren ins Amt gewählt wurde, ließ er den alten denkmalgeschützten Schreibtisch in ein anderes Büro bringen. Der neue ist anthrazitfarben, modern und ergonomisch. „Es sollte schon ein bewusster Bruch sein“, sagt der SPD-Mann.

Er kennt all die Vorurteile gegen das DDR-Museum am Ende der Welt. Für viele Berliner ist Eisenhüttenstadt mehr oder weniger Polen und für viele Westdeutsche irgendein Ort tief im Osten – so fremd wie Sibirien. Und wenn sie dann noch hören, wie die Stadt bis November 1961 hieß - Stalinstadt.

Stalin ist noch immer anwesend

Der Bürgermeister erzählt, dass in seinem Ausweis als Geburtsort Eisenhüttenstadt steht, bei seiner Frau aber Stalinstadt. Diese Vergangenheit wird nicht verleugnet, ist inzwischen sogar Teil eines kulturellen Erfolgs. Stalin, der Diktator, hängt draußen im Gang vor dem Büro. Eine Art Mahnung. Es ist ein zimmerhohes Plakat für den Spielfilm „Und der Zukunft zugewandt“. Der Film zeigt die schweren Langzeitfolgen der kompromisslosen Stalin-Ära. Vorn auf dem Plakat der ernste Blick der  Hauptdarstellerin Alexandra Maria Lara, dahinter ein Stalin-Gemälde. Die Stadt diente für den Film als kongeniale Kulisse.

Die deutsche Kino-Premiere fand natürlich hier statt, und der Bürgermeister überreichte Lara einen Kaffeebecher – natürlich aus Edelstahl und natürlich mit der Aufschrift: „Iron Hut City“. Diese englische Übersetzung des Stadtnamens benutzte der Oscar-Preisträger Tom Hanks, als er 2014 in der bekanntesten Late Night Show der USA über seinen Besuch in Eisenhüttenstadt schwärmte. Hanks recherchierte damals für einen Film. Und so hängt nun im Stadtmuseum mit seiner Ausstellung zur Alltagskultur der DDR gleich am Eingang ein Foto von Hanks vor einem Glasfenster mit sozialistischen Motiven.

Die Stadt ist in ihrer Geschichte gefangen. Doch Balzer hat sich das Ziel gesetzt, nicht so sehr in die Vergangenheit zu schauen, sondern in die Zukunft. Er will die Stadt attraktiver machen für Heimkehrer, wirbt um ältere und junge Leute, die die Stadt verlassen haben, die in den 90er-Jahren vor der Massenarbeitslosigkeit im Osten flohen oder noch immer gehen, um irgendwo zu studieren. Sein erster Traum ist, dass die Bahn die Stadt öfter von Berlin aus anfährt.

Die Stadt war vor dem Mauerfall ein „Sonderversorgungsgebiet“, hier gab es sogar Bananen und auch mal Ananas. Seit 1990 hat die Stadt die Hälfte der Einwohner verloren. Sie war einst eine stolze Industriestadt, nach dem Ende der DDR hätte die Treuhand das EKO-Werk fast abgewickelt. Die Wut war groß, der Frust saß tief. Wie fast überall im Osten. Mitten in der Stadt steht ein tonnenschwerer riesiger Stahlklotz mit der Aufschrift: „Dieser Stahl ist hier gekocht – so wird es bleiben.“ Eine Erinnerung an die Überlebenskämpfe der 90er-Jahre.

Denkmal: Dieser Stahlklotz erinnert an die Überlebenskämpfe des EKO-Werks in den 90er-Jahren.
Foto: Volkmar Otto

Daneben eine Säule und ganz oben drei Buchstaben: das alte EKO-Logo. Am Tor des Stahlwerks steht der Name des neuen Besitzers: Arcelor Mittal, der weltgrößte Stahlkonzern mit Firmensitz in Luxemburg. Den Namen benutzt hier niemand. Das Werk heißt überall EKO, die Mitarbeiter erzählen, dass selbst die meisten Manager EKO sagen.

Bürgermeister Balzer, der dort 35 Jahre gearbeitet hat und dessen Großeltern das Werk mit aufgebaut haben, schwärmt jetzt von der Natur ringsum, von der Ruhe, von der Oder und davon, dass es genügend Schulen und Kitas und günstigen Wohnraum gibt. „Wir sind eine sehr grüne Stadt“, sagt er. „Das ist ungewöhnlich für einen Standort der Schwerindustrie. Wir sind das grünste Stahlwerk überhaupt.“ 

Die Stadt hat das Glück, am Oder-Neiße-Radweg zu liegen. Touristisch hat sie nicht nur DDR zu bieten, sondern auch die alte Kirche im längst eingemeindeten Nachbarort Fürstenberg. Dort ist auch das „Bollwerk 4“, das vielen Kennern als beste Gaststätte in Ostbrandenburg gilt. Und ein Stück weiter südlich sind in Neuzelle fast alle Besucher beeindruckt von der überbordenden Pracht der Klosterkirche.

Drei Kinder hat der Bürgermeister und drei Enkel, alle leben in Eisenhüttenstadt. Als Jugendliche sei eine Tochter nach Nordrhein-Westfalen gezogen, um eine Lehre zu machen, erzählt er. Sie kam zurück. „Ich sage immer: Wenn jede Familie dafür sorgt, dass ein Weggegangener zurückkommt, dann hätten wir keine Probleme.“

Die Sonne brennt über der Stadt. Die Menschen in den Autos fahren fast alle freiwillig 30. Hektisch ist nur ein Teenager, der immer wieder versucht, so lange wie möglich auf dem Hinterrad seines Fahrrads zu fahren. Der Alltag an einem Sommertag wirkt hier wie in anderen Städten ein Tag im Lockdown.

Das größte Flüchtlingsheim des Landes

Alles gut also in Eisenhüttenstadt? Nicht immer, nicht überall. Die Stadt hat auch das im Brandenburgischen weit verbreitete Problem mit einigen Neonazis, wenn auch weniger als im nahen Frankfurt (Oder). Recht gefestigt ist bei einigen auch die Ablehnung von Ausländern. Die Vorurteile sind hier wohl auch deshalb stärker, weil Fremde präsenter sind als anderswo in der Provinz. Gemeint sind nicht die Touristen, sondern dunkelhäutige Männer mit verschleierten Frauen und ihren Kindern. Am Rand der Stadt steht die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Land Brandenburg, wo teilweise bis zu 3500 Leute lebten.

Eisenhüttenstadt gilt als eine Hochburg der AfD. Als die rechtsnationale Partei 2014 erstmals in den Potsdamer Landtag einzog, holte sie in dieser Gegend ihre landesweit besten Ergebnisse. Heute ist die AfD die zweitstärkste Kraft im Stadtparlament, ganz knapp hinter Balzers SPD.

Wer im Museum Eisenhüttenstadt lebt, erkennt sofort, wenn ein Fremder nach eindrucksvollen Motiven für Fotos sucht. Man hilft gern hier. Vereinzelt gibt es aber auch diese provokante Distanziertheit, wenn Fremde als Fremde erkannt werden. Eine Frau, etwa 30 Jahre alt mit buntem Sommerkleid, kommt aus einem sanierten Stalin-Bau. Sie führt ihren kleinen Kampfhund aus, lässt die Leine bewusst locker, der Hund stürmt voran. In letzter Sekunde stoppt sie ihn mit einem Ruck an der Leine und fragt: „Habt wohl Schiss, oder was?“ Dann lacht sie und geht davon.

Sanierte Innenstadt: Klassische Stalin-Bauten im Stadtzentrum. Dazu Kunst im Bassin.
Foto: Volkmar Otto

Herbert Thiel läuft durch die alte Feuerwache, die er vor Jahrzehnten mit gebaut hat. Er ist 83 Jahre alt, nicht allzu groß, ein agiler Mann mit wachen Augen. Uniform trägt er schon lange nicht mehr, aber die Feuerwehr lässt ihn nicht los. Thiel ist schon lange raus, aber in einem Büro stehen seine Leitz-Ordner in drei Regalreihen. „Das ist die Feuerwehr-Chronik, um die ich mich kümmere“, sagt er.

Thiel ist ein typischer Vertreter der Aufbaugeneration. Geboren im heutigen Polen, flüchtete die Mutter vor dem Kriegsende mit vier Kindern bis Bayern. Als der Vater aus dem Krieg zurückkam, fand er die Familie mithilfe des Roten Kreuzes und holte sie ins Brandenburgische. „Wir sind vier Wochen lang gelaufen, bis wir endlich beim Onkel auf dem Dorf ankamen“, erzählt er. 1953 zog die Familie nach Stalinstadt. „Ich war 17. Es war das Beste, was meine Eltern machen konnten.“ 

Durchschnittsalter 25 Jahre

Die Stadt gab es noch gar nicht richtig, sie war die größte Baustelle des Landes und eine riesige Barackensiedlung. Sie wuchs langsamer als das Werk, aber sie wuchs. „Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen“, sagt Thiel. „Ich habe nur gestaunt, was hier passiert: Überall wurde gebaut. Gebaut, gebaut, gebaut. Alles war neu und aufregend. Wir waren jung, und wir haben angepackt.“ Das Durchschnittsalter der Einwohner habe bei 25 Jahren gelegen.

Auch Thiel erhielt die DDR-typischen Aufstiegschancen für junge Leute, die sich nicht gegen das System stellten. Er hatte nur auf dem Bauernhof gelernt, durfte dann aber einen Schulabschluss nachholen, um Ingenieur zu werden. Irgendwann leitete er einen Betrieb und war mit 22 der erste Chef der Feuerwehr. Seine Nachfolger schwärmen davon, wie gut er den Nachwuchs förderte und dass er dafür sorgte, dass es hier eine Berufsfeuerwehr gibt. „Mich konnte keiner stoppen, wenn es um eine gute Sache ging.“ Nach seiner aktiven Zeit ernannten sie Thiel zum Ehrenwehrführer.

Fast von Anfang an in der Stadt: Ehrenwehrführer Herbert Thiel ist 83 Jahre alt.
Foto: Volkmar Otto

Thiel geht hinter die Feuerwache, die er mit aufgebaut hat, schaut auf die neuen glänzenden Löschzüge und hoch zum Turm, in dem früher die Schläuche zum Trocknen aufgehängt wurden. „Die Wache wird bald abgerissen, es wird eine neue gebaut“, erzählt er und klingt gar nicht wehmütig, obwohl doch sein Lebenswerk verschwindet. „Ich freue mich wirklich hundertprozentig“, sagt er. „Für die neue Wache haben sie an alles gedacht.“ Dann geht Thiel nach Hause, er will noch ein wenig an seiner Feuerwehr-Chronik arbeiten.

Das Werk ist das Herz der Stadt

Das Stahlwerk ist die Stadt. Besser gesagt: ihr Herz. Ohne diesen Großbetrieb wäre die Stadt so gut wie nichts. Das Werk hat heute 2500 Arbeitsplätze und die Stadt 24.400 Einwohner, zu Bestzeiten waren es 16.000 Mitarbeiter und 53.000 Einwohner. Der Wohlstand der Stadt hängt ganz klar vom Wohlbefinden des Werks ab. Als die Leute nach 1990 weggingen, wurden zuerst die typischen DDR-Plattenbauten abgerissen, nur die vornehmeren Bauten aus der Stalinstadt wurden saniert.

Stahl wird noch immer überall gebraucht: im Autobau, bei der Herstellung von Küchengeräten, in der Industrie oder im Handwerk. Trotzdem ist die heimische Stahlbranche ein Wirtschaftszweig im Sinkflug, genau wie der Kohlebergbau. Stahl und Kohle – das klingt nach 19. Jahrhundert.

Deutschlands Stahlindustrie ist zwar noch immer die Nummer eins in Europa, die großen Namen sind die Salzgitter AG, Thyssenkrupp und eben Arcelor Mittal. Doch innerhalb von 35 Jahren sind 70 Prozent der Jobs weggefallen, die deutschen Stahlkocher produzieren nicht mal drei Prozent des Weltmarktes. Und die Konkurrenz aus China und Indien überschwemmt den Markt mit billigem Stahl.

„Uns geht es noch immer gut“, sagt Frank Müller, „Stahlwerker ist ein stolzer Beruf. Aber wer weiß, was in fünf, sechs Jahren ist.“ Müller – 44 Jahre alt, schmale Statur, offenes Lächeln – ist gelernter Industriemechaniker und arbeitet als Meister für Instandhaltung im Werk. Er teilt die Leute ein, die ausschwärmen müssen, wenn etwas kaputt ist. Da gibt es nur eine Devise: Alles muss so schnell wie möglich wieder funktionieren, der Stahl muss fließen.

Die Sonne sorgt dafür, dass an diesem Tag die Luft flirrt. Es ist so warm, dass sich niemand gern bewegt. Müller geht wie stets in dicken Schuhen, dicker Hose und Jacke und Helm durchs Werk, schaut, ob etwas zu reparieren ist. Er ist im Betriebsrat, kennt die Sorgen der Leute. Derzeit sind nur noch drei Tage Kurzarbeit im Monat angesagt, zu Zeiten des Corona-Lockdown waren es bis zu 15 Tage. „Natürlich gibt es Zukunftsangst“, sagt er. „Niemand weiß, wie es nach Corona weitergeht.“

Die Gluthitze schlägt zu wie ein Hammer

Und dann sind da noch die Umweltauflagen der EU. Müller erzählt, dass sie gerade eine neue Filteranlage gebaut haben, damit nur noch zehn Milligramm Feinstaub ausgestoßen werden. Er schaut Richtung Oder, wo nach einigen Hundert Metern das Nachbarland beginnt. „Polen ist auch in der EU, aber dort ist doppelt so viel Feinstaub erlaubt. Das ist doch Wettbewerbsverzerrung“, sagt er. „Und über die Konkurrenz in Russland und China brauchen wir gar nicht zu reden. Dort sind die Grenzwerte noch mal deutlich höher.“

Dick angezogen in der Gluthitze: Frank Müller (44) im Warmwalzwerk.
Foto: Volkmar Otto

Müller ist nun im Warmwalzwerk. Der Name klingt für Laien wie ein Witz, denn in dieser 370 Meter langen Halle ist es brütend heiß. Innerhalb kürzester Zeit fließt der Schweiß in Strömen. Im Schnitt sind es etwa 40 Grad, doch dann öffnet sich ein gigantischer Ofen, in dem bei 1600 Grad ein 20 Meter langer und 30 Tonnen schwerer Block aus Rohstahl erhitzt wird. Rotglühend läuft er nun über ein Band mit unzähligen Rollen und wird so lange gewalzt, bis das Ganze ein dünnes Blech ist. Hier drin ist es laut, heiß und ungemütlich. Aber die Sache läuft vollautomatisch und der Leitstand oben in der Halle ist voll klimatisiert.

Müller hat seinen Kontrollgang beendet. Was gefällt ihm an seiner Stadt? „Ganz klar: der Zusammenhalt.“ Die meisten hätten die großen Umbrüche nach dem Ende der DDR erlebt. „Das schweißt zusammen.“ Obwohl „Hütte“ eine halbwegs große Stadt sei, herrsche hier ein Umgang wie auf einem Dorf, in dem sich jeder kennt. „Wir sind eine Gemeinschaft. Hier wird nicht nur aufs Geld geschaut, hier helfen sich die Nachbarn beim Umzug.“

Stahl kochen ist eine globale Angelegenheit mit globalen Folgen. Das Erz kommt derzeit aus Kanada, dort wird kurz vor Alaska das weltweit beste eisenhaltige Gestein aus dem Boden geholt. Das EKO-Werk will gegen die Billigkonkurrenz mit Qualität punkten. Das Erz kommt per Schiff nach Hamburg, dann per Zug an die Oder. Hier im Hochofen wird mit Koks aus Polen das Eisen aus dem Gestein gekocht. Der Rohstahl ist noch zu brüchig zum Verarbeiten, also wird er im Stahlwerk erhitzt und der Kohlenstoffanteil gesenkt, dann wird er erst warm und dann kalt gewalzt, um perfekte Bleche zu erzeugen. Zum Beispiel für die Autoindustrie.

Und bei aller Sorge um die Zukunft der Schwerindustrie gibt es auch große Hoffnungen. Tesla, der größte Elektroautobauer der Welt, will in Brandenburg bald jedes Jahr mindestens eine halbe Million E-Autos bauen. Bei Grünheide baut der US-Konzern gerade seine erste europäische „Gigafactory“. E-Autos gelten vielen als Zukunft, und Tesla ist an der Börse inzwischen dreimal mehr wert als VW. „Wir verhandeln mit Tesla, damit wir Zulieferer werden können“, sagt Herbert Nicolaus, der EKO-Werksprecher. Da die Tesla-Autos auch ökologisch sein sollen, sei es doch von Vorteil, wenn der Stahl ganz aus der Nähe komme. „Wir haben bereits Proben unseres Stahls geliefert, und wenn wir die geforderte Qualität und Menge liefern können, sind wir guter Dinge.“

Der Heimkehrer trägt Basecap

Florian Homm – 24 Jahre alt, mit markanter Brille und leichtem Bart – ist eigentlich einer, der im Büro sitzt. Seit einer Woche ist er nun Jungfacharbeiter – Industriekaufmann. „Doch im Moment stehe ich am Band“, erzählt er. Coronabedingt sei in der Verwaltung nicht so viel zu tun, deshalb hilft er im Werk. Ganz am Ende der Produktion, wenn das gewünschte Blech die richtige Dicke, Härte und Biegsamkeit hat, wird es meist noch verzinkt, damit es nicht rostet. „Ich stehe an der Zinkwanne und schöpfe dort Verunreinigungen ab“, erzählt er. „Dort ist es furchtbar warm, und es ist körperlich anstrengend. Nächste Woche sitze ich im klimatisierten Leitstand.“

Homm ist ein Jugendlicher, wie ihn sich die meisten ostdeutschen Städte wünschen würden. Einer, der zwar den Traum von der großen weiten Welt hatte und seine Stadt verließ, um zu studieren, dann aber zurückkam. Davon gibt es nur recht wenige, aber in sie setzen ganze Landstriche im Osten ihre Hoffnung.

Gleich geht’s zur Schicht: Florian Homm (24) ist seit einer Woche Jungfacharbeiter.
Foto: Volkmar Otto

„Bei mir war es tatsächlich so etwas wie Heimatliebe“, erzählt er, bevor er zur Schicht muss. Er hatte ein Duales Studium in Betriebswirtschaft angefangen – die Theorie in Berlin, die Praxis in Kiel. „Doch in Kiel wollte ich einfach nicht bleiben. Ich wolle nach Hütte zurück. Ich habe meine Freunde vermisst und auch die Stadt.“ Also brach er sein Studium ab und suchte einen wirtschaftlichen Ausbildungsberuf. Doch alle Firmen, die infrage kamen, waren EKO-Zulieferer. „Also bin ich zum Original gegangen.“ Genau wie sein Vater.

Er ist auch Volleyballtrainer, war beim Jugendtag 2018 dabei, bei dem junge Leute den Politikern ihre Wünsche erklären sollten. „Wir wollen die Politik so lange nerven, bis sich etwas ändert.“ Seit Monaten setzen sie sich dafür ein, dass die Busse öfter fahren, dass die „Insel“ – eine riesige Brache am Wasser – zu einem Treffpunkt für Jugendliche wird. Und sie mischten mit bei der Vorbereitung des großen Festes zum 70. Geburtstag der Stadt. „Wir wollten, dass da nicht nur Rentnerbands auftreten, sondern auch coole Acts.“ Das Jubelfest ist wegen Corona abgesagt, Homm hofft, dass es nächstes Jahr nachgeholt wird.

Er ist ein ruhiger junger Mann, kein bisschen hibbelig. Aber auf die Frage „Haben Sie die Rückkehr je bereut?“ antwortet er sofort: „Nein, überhaupt nicht.“ Dann geht er von der brütenden Hitze im Schatten des Walzwerks hinein in die wahre Gluthitze von Eisenhüttenstadt. Zur Arbeit.