Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs legte die Rote Armee in Berlin vier sowjetische Ehrenmale an. Sie erinnern an die etwa 80.000 bei der Befreiung der deutschen Hauptstadt gefallenen Rotarmisten. Ein Großteil der toten Soldaten wurde an diesen Orten begraben. Die Ehrenmale sind also nicht nur Denkmale an den Sieg über Deutschland, sondern auch Friedhöfe. Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine sind sie ins Zentrum erinnerungspolitischer Debatten geraten.

1990 sicherte die Bundesrepublik im deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsabkommen und im Zwei-plus-vier-Vertrag Pflege und Erhalt der Denkmäler zu: „Die auf deutschem Boden errichteten Denkmäler, die den sowjetischen Opfern des Krieges und der Gewaltherrschaft gewidmet sind“, sowie die Kriegsgräber würden geachtet und unter dem Schutz deutscher Gesetze stehen, heißt es da.

Das zentrale Ehrenmal ist die Anlage im Treptower Park. Daneben entstanden das Ehrenmal in der Schönholzer Heide in Pankow, das Ehrenmal im Tiergarten und ein kleineres in Berlin-Buch.

Jedes trägt einen anderen Charakter, in jedem zeigt sich eine andere Form des Gedenkens. Wir stellen sie vor. Teil 1: das Ehrenmal im Treptower Park.

Monumentale Inszenierung des Triumphs

In Berlin-Treptow steht kein Mahnmal für die Opfer, sondern ein Denkmal der Sieger des Zweiten Weltkrieges. Bereits 1945, weit vor der Planung eines Ehrenmals, wurden gefallene Soldaten von verschiedenen Orten der Stadt auf das Parkgelände umgebettet. Sie waren zunächst provisorisch in Grünanlagen, an Straßenecken und in Häuserruinen, auf Friedhöfen, Feldern und Wiesen namenlos begraben worden. Die Soldaten der Roten Armee trugen keine Kennmarken, die meisten blieben in den Gemeinschaftsgräbern namenlos.

Als im Juni 1946 die Errichtung des Ehrenmals begann, waren bereits etwa 4800 Gefallene in den seitlichen Hainen bestattet – ohne Grabsteine oder Hinweisschilder. Auf den wie Grabfelder angelegten Flächen der zentralen Achse der Anlage wurden keine sterblichen Überreste bestattet. Insgesamt fanden im Treptower Park 7000 Menschen ihre letzte Ruhestätte.

Nirgendwo wird der Besucher eine ethnische Kennzeichnung oder gar Hervorhebung finden. Die allermeisten der hier Beerdigten kämpften in der I. Ukrainischen Front, jener militärischen Formation der Roten Armee, die Berlin befreite. Anders als der Name suggerieren mag, bestand sie nicht überwiegend aus Ukrainern, sondern aus Angehörigen aller Völker der Sowjetunion, vor allem Russen, Ukrainern, Tataren, Georgiern usw. Der Anteil von Ukrainern in der I. Ukrainischen Front war nicht überproportional hoch.

Die Toten ruhen am Rand

Die Toten ruhen abseits der rituellen Gedenkräume. Der Ritus jedoch erfährt im Treptower Park eine große Inszenierung. Schon die beiden als Triumphbögen gestalteten Eingangstore verkünden: Hier wird ein Sieg gefeiert.

Den zentralen Raum der Gedenkstätte begrenzen auf der einen Seite die Skulptur der trauernden Mutter, auf der anderen der siegreiche Sohn und Befreier als zwölf Meter hohe Bronzefigur. In diesem Spannungsbogen triumphiert das Leben über den Tod. Zwei vor gesenkten steinernen Fahnen in Trauer knieende Soldaten, Helm und Waffe niedergelegt, symbolisieren verschiedene Generationen von Gefallenen: die Älteren, die schon an der Oktoberrevolution beteiligt waren, und die Jüngeren, die an der Seite ihrer Väter die Nationalsozialisten aus der Heimat vertrieben hatten.

Stellvertretend für die Tausenden anonymen Toten wurden vier Einzelgräber angelegt – jeweils für einen Soldaten, einen Unteroffizier, einen Offizier und einen General. Die Kolossalfigur des Befreiers mit dem Kind erhebt sich über einem Grabhügel, der einen Kurgan nachbildet – ein Hünengrab, wie es asiatische Steppenvölker im Altertum errichteten. Hier sind 200 Gefallene bestattet. In der im Hügel angelegten Krypta liegt auf einem schwarzen Steinblock das Ehrenbuch, in das die ermittelten Namen Aufnahme fanden.

Gespaltene Erinnerung 2022

Zum Treptower Ehrenmal kamen in den vergangenen Jahren am 9. Mai viele Tausend Menschen, meist Nachkommen aus Familien der Gefallenen, um der Toten zu gedenken, die Erinnerung an sie in den Kindern wachzuhalten. Es hatte sich die Tradition eines Volksfestes mit Tanz, Gesang und Picknick herausgebildet. Freude über den Sieg überlagerte die Trauer über die Verluste. In diesem Jahr wird sich die Erinnerung teilen: Ukrainer wollen schon am 8. Mai feiern.