Das Verschwinden des Heinz N. : Seine Leiche lag zehn Jahre lang in einer Kühltruhe in der Hosemannstraße

Die Hosemannstraße in Prenzlauer Berg ist keine ruhige Idylle. Autofahrer suchen sich hier den Weg von einer Hauptstraße zur nächsten, ebenso wie der Bus der Linie 156. Dreigeschossige Häuser aus den 1920er-Jahren säumen den Fahrdamm. Sechs Mietparteien wohnen in jedem Aufgang. Das Klingelschild ganz unten an einem der Hauseingänge ist leer. Es gehört zur Wohnung im Hochparterre. Dort sind die Außenjalousien hochgezogen. Es gibt keine Gardinen oder Rollos an den Fenstern. Eine Flasche Spülmittel steht auf der Fensterbank.

Noch vor einer Woche waren die Jalousien halb heruntergelassen, die Fenster dahinter gekippt. Und in dem leeren Feld neben der untersten Klingel stand der Name von Heinz N. Einem alten Mann, der längst tot war. „Die bekommen offenbar die Wohnung nicht vermietet“, erklärt eine ältere Nachbarin. Ein Mann mit Hund, der in dem Hauseingang verschwindet, will nichts mehr sagen. Er regt sich aber auf, als er die Treppen zu seiner Wohnung hochsteigt. Zu lange und zu oft habe er sich über den Gestank im Haus beschwert. „Keinen hat das interessiert, und nichts ist passiert“, ruft er aufgebracht.

Monat für Monat Rente abgehoben

Bis zu jenem 9. Januar dieses Jahres. Da hatte ein Nachbar die Polizei gerufen, weil er den Geruch im Haus für unerträglich hielt. Er hatte Heinz N. schon lange nicht mehr gesehen, und er beharrte darauf, dass die Beamten die Tür zur Wohnung des alten Mannes öffnen. Schließlich, so sein Argument, könne Heinz N. in seiner Wohnung einen Unfall erlitten haben und Hilfe benötigen. Doch für Heinz N. kam jede Hilfe zu spät – viel zu spät. In der Küche der Wohnung machten die Polizisten einen grausigen Fund. Sie entdeckten die Leiche von Heinz N. Sie lag zerstückelt und in rosafarbene Müllsäcke verpackt in einer Tiefkühltruhe. Seit mehr als zehn Jahren.

An diesem Freitag beginnt vor dem Landgericht in Berlin der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des alten Mannes. Josef S. soll den damals 80 Jahre alten Senior bereits Ende 2006/Anfang 2007 mit einem Kopfschuss getötet, die Leiche im Bad zerstückelt und in die Tiefkühltruhe gelegt haben. Die Kühltruhe hatte er offenbar extra zu diesem Zweck angeschafft. Der 56-jährige Angeklagte soll den Witwer aus Habgier, heimtückisch und um eine andere Straftat zu ermöglichen, ermordet haben. Bei einer Verurteilung droht dem Trödelhändler eine lebenslange Haft sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Damit könnte Josef S. nicht nach 15 Jahren Gefängnis auf Bewährung entlassen werden. Das Motiv für die Tat ist Geld. Josef S. soll in all den Jahren, Monat für Monat, die rund 2000 Euro Rente vom Konto des Toten abgehoben und für sich genutzt haben.

Die Tatwaffe ist verschwunden

Der Angeklagte hatte Schulden und offenbar ständig Geldsorgen, er verspielte das wenige, was sein Trödelhandel einbrachte, an Automaten. Josef S. soll zur Finanzierung seiner Spielsucht auch seine damalige Lebensgefährtin bestohlen haben. Bis zu seiner Festnahme spielte er offenbar täglich und gab dafür mehrere Hundert Euro im Monat aus.

Josef S. zog mit seiner Mutter und der Schwester Anfang der 60er-Jahre von Polen in den Spreewald. Nach der deutschen Einheit soll der Mann nach Westdeutschland gegangen sei sein und dort hohe Spielschulden angehäuft haben. Schließlich zog er nach Berlin, wo er zunächst bei seiner Mutter in Prenzlauer Berg lebte. Josef S. lernte sein späteres Opfer im Jahr 2005 kennen, da wohnten beide Männer in den im Hochparterre gelegenen Wohnungen jenes Mietshauses in der Hosemannstraße, in der der Rentner sterben sollte. Später mietete Josef S. in der Langhannsstraße Geschäftsräume und eröffnete dort einen An- und Verkauf, der jedoch nicht florierte. Der Laden in einem eingeschossigen Flachbau diente ihm auch als Wohnung. In dieser Zeit ließ er den Kontakt zu seinem einstigen Nachbarn nicht abbrechen.

Die Polizei veröffentlichte nach der Entdeckung der Leiche von Heinz N. Fotos von dem Angeklagten. Auf einem dieser Bilder ist ein bulliger, aber nicht unsympathisch wirkender Mann mit kurzen Haaren und Bart zu sehen. Josef S. trägt ein Camouflage-T-Shirt und lächelt in die Kamera. Die Ermittler wollten mit Hilfe der Fotos mehr über Josef S. wissen. Sie erfuhren, dass der 56-Jährige als hilfsbereiter Mann galt, der in seinem Kiez bekannt war und seinen Freunden bei Handwerksarbeiten half. Er ging gerne angeln, und er hatte ein Faible für alte Waffen, die er reparierte.

„Dem alten Herrn geht es gut “

Die Ermittler gehen davon aus, dass sich Josef S. das Vertrauen des Seniors erschlich, nachdem die Frau von Heinz N. im März 2006 gestorben war. Laut Anklage starb der alte Herr zwischen dem 30. Dezember 2006 und dem 1. Januar 2007, vermutlich jedoch in der Silvesternacht. Die Fahnder gehen nach der Obduktion der Leiche davon aus, dass beide Männer noch auf das neue Jahr anstießen. Jedenfalls hatte Heinz N. kurz vor seinem Tod noch etwas getrunken. Dann soll Josef S. eine Waffe gezückt und seinem Bekannten in den Kopf geschossen haben. Zwar fanden die Ermittler bei der Hausdurchsuchung Waffen bei dem Angeklagten, die Tatwaffe war jedoch nicht darunter. Sie ist bis heute verschwunden.

Um den Mord zu verschleiern, soll Josef S. regelmäßig den Briefkasten in der Hosemannstraße geleert, die Blumen auf dem Fensterbrett erneuert und eine Zeitschaltuhr im Schlafzimmer des alten Herrn installiert haben, die simulieren sollte, das jemand zu Hause ist. Die Fahnder gehen davon aus, dass er auch Steuererklärungen im Namen des Toten schrieb. Die Unterschrift fälschte er. Josef F. verfasste auch Briefe an Nachbarn, die sich über den Geruch aus der Wohnung beschwerten. Selbst der Hausverwaltung spielte er vor, dass sich ihr Mieter noch bester Gesundheit erfreuen würde. Josef S. soll dafür gesorgt haben, dass die Miete für die Wohnung regelmäßig überwiesen wurde. Glaubt man den Ermittlern, dann kassierte der Angeklagte nicht nur jeden Monat die Rente des Toten, sondern räumte auch die Konten von Heinz N. und dessen verstorbener Ehefrau ab – immerhin waren es offenbar mehrere zehntausend Euro. Zudem soll Josef S. auch das Auto seines mutmaßlichen Opfers für 3000 Euro verkauft haben.

Den Nachbarn, die ab und an nachfragten, tischte Josef S. Lügen über den Verbleib des Rentners auf. „Der Mann, der sich um die Wohnung gekümmert hat, erzählte, dass es dem alten Herrn gut gehen würde“, sagt die ältere Nachbarin. Mal soll Heinz N. am Bodensee gewesen sein, mal bei seinen Verwandten. Niemand vermisste den alten Mann, niemand fragte intensiver nach. Nicht die Nachbarn, nicht die Behörden, nicht der Hausarzt. Zehn lange Jahre.

In Tatortnähe festgenommen

Psychologe Peter Walschburger führt dieses Desinteresse am Nachbarn auf die zunehmende Anonymität in der Großstadt zurück. „Auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt, ist die soziale Kontrolle viel größer als in einer Stadt wie Berlin. In einem kleinen Ort ist das Risiko wesentlich geringer, dass so etwas geschieht“, sagt der Professor der Freien Universität. Immer mehr Menschen zögen in die Städte, nutzten dort die materiellen und beruflichen Vorteile. Dort aber begegneten ihnen wesentlich mehr unbekannte Menschen, und zwar in einem beschleunigten Lebensrhythmus. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe in größerer Anonymität begünstigten zwar ein toleranteres Klima, aber auch eine erhöhte soziale Isoliertheit. Man achte mehr auf Vorteile und Vorhaben als auf Mitmenschen. „Wenn wir wieder mehr aufeinander achten, verbessern wir damit auch unsere subjektive Lebenszuversicht und Sicherheitserfahrung“, sagt Walschburger.

Den mutmaßlichen Mörder von Heinz N. hält er nicht unbedingt für empathielos. Die Einfühlungsvermögen sei kein Widerspruch zu der Tat. Auch Menschen in helfenden Berufen hätten schon andere Menschen umgebracht. Man dürfe auch situative Verführungsmomente nicht übersehen. Ein solches Moment könnte im Fall von Josef S. das Geld des Opfers gewesen sein. In der Hosemannstraße wurden die Nachbarn durchaus misstrauisch. Der unangenehme Geruch im Treppenhaus fiel ihnen mehrfach auf. Sie sollen am Briefkasten und dem Türschloss zur Wohnung von Heinz N. manipuliert haben. Doch offenbar konnte Josef S. die Spuren beseitigen und die Zweifel immer wieder ausräumen. Bis zu jenem Januartag.

Nach dem Fund der Leiche von Heinz N. kam die Polizei dem mutmaßlichen Täter durch Bilder aus der Überwachungskamera einer Bank auf die Spur. Auf den Fotos war der Mann zu sehen, der noch am 5. Januar dieses Jahres die Rente des Toten abgehoben hatte. Einen Tag nach dem grausigen Fund soll sich Josef S. in der abendlichen Dunkelheit wieder in die Hosemannstraße geschlichen haben. Er wollte offenbar nicht gesehen werden, als er sich, ohne Licht im Treppenhaus zu machen, in das Haus begab und den Briefkasten leerte. Doch diesmal waren ihm die Beamten eines Spezialeinsatzkommandos auf der Spur. Josef S. wurde nach dem Verlassen des Hauses in Tatortnähe festgenommen. In seiner Wohnung und in der Garage sollen die Mordermittler Personaldokumente und Geldkarten von Heinz N. und seiner Frau sowie ein Rentenbescheid gefunden haben.

Wo ist Irma K.?

Und eine Kreditkarte von Irma K. Die 91-jährige Frau ist seit 17 Jahren verschwunden. Die alte Dame lebte in der Naugarder Straße. Sie war eine Nachbarin der Mutter des Angeklagten. Im Jahr 2000 verschwand die Seniorin spurlos. Sie wurde nie als vermisst gemeldet, jedoch von Amts wegen im Jahr 2002 an der Adresse abgemeldet. Es gibt Hinweise darauf, dass Josef S. jahrelang auch die Rente von Irma K. in Höhe von 900 Euro kassierte. Die Ermittler gehen davon aus, dass die 91-Jährige von Josef S. getötet wurde. Von der Leiche der Frau fehlt jedoch jede Spur. Trotzdem hat die Staatsanwaltschaft gegen Josef S. ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen Mordes eingeleitet, das jedoch nicht Gegenstand des nun beginnenden Prozesses ist. Zu all den Vorwürfen hat sich Josef S. bisher noch nicht geäußert.

Vor einer Woche noch hingen an den Eingangstüren des Hauses in der Hosemannstraße Zettel, von denen man sich eine Telefonnummer abreißen konnte. Die Zettel sind jetzt weg. Jemand hatte Bella gesucht, eine fünf Monate alte Katze. Sie war von ihrem Besitzer seit dem 15. September vermisst und offenbar durch die Zettelaktion wiedergefunden worden. Heinz N. hatte niemanden mehr. Er wurde nicht vermisst – zehn Jahre lang.