Das wahre Berlin: Die Autos werden immer mehr und immer schneller

Trotz persönlicher Bekundungen, realer Notwendigkeiten und zahlreicher Anti-Auto-Initiativen nimmt der Pkw-Bestand in Berlin stetig zu. Eine Datenanalyse

Die A100 in Berlin
Die A100 in Berlinimago/Jochen Eckel

Das Verhältnis der Berliner zum Automobil manifestiert sich minütlich auf den Straßen dieser Stadt. Da verzweifelt der eine bei der Parkplatzsuche, während sich nur ein paar Meter weiter Vier- und Zweiradlenker Revierkämpfe liefern oder andere im Stau erleben, wie das eigene Mobil zur Immobilie degeneriert. Großstadtalltag.

Dass sich gerade im Umgang mit dem Automobil etwas ändern muss, ist hinlänglich bekannt. Mit Karossen, die millionenfach Benzin und Diesel fossilen Ursprungs in ihren Zylindern verbrennen, um in Berlin von A nach B zu kommen, ist die klimaneutrale Stadt nicht zu machen. Umdenken lautet das Gebot der Zeit. Seit einigen Tagen erscheinen dazu in dieser Zeitung Interviews mit prominenten Leuten. „11 Klima-Fragen“ heißt die neue Serie. Es geht um die ganz persönlichen Positionen zum Klimaschutz.

Die Fragen fünf und sechs drehen sich dabei um des Deutschen liebstes Kind. „Können Sie sich Berlin ganz ohne Autos vorstellen?“ und „Haben Sie vor, Ihr Auto abzuschaffen?“ wird da gefragt. Die Schriftstellerin Julia Franck ließ wissen, dass sie ein autofreies Berlin „sehr schön“ fände. Tatsächlich hat sie ihr eigenes Auto bereits vor 15 Jahren abgeschafft. Berlins Kultursenator Klaus Lederer besitzt ebenfalls kein Auto, nutzt aber Dienstwagen, vorzugsweise elektrische. Peter Baumann von den Beatsteaks nimmt sich vor, sein Auto weniger zu nutzen. Ein Berlin ganz ohne Autos kann er sich aber nicht vorstellen.

Mehr als 50.000 Berlinerinnen und Berlin können das aber durchaus. Sie wollen es sogar. Im vergangenen Jahr haben sie sich mit ihrer Unterschrift der Initiative „Berlin autofrei“ angeschlossen. Erklärtes Ziel war, nahezu alle Straßen innerhalb des S-Bahn-Rings zu autoreduzierten Bereichen zu machen.

Auch Stadtentwicklungsforscher sind weitgehend einig, dass der Autoverkehr in den Städten abnehmen muss und wird. „Je städtischer die Wohnregion, desto weniger Haushalte werden einen eigenen Pkw besitzen und umso häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen“, hieß es etwa in einer Studie des für Autohass unverdächtigen Shell-Konzerns.

Es gibt 14,7 Prozent mehr Kraftfahrzeuge in Berlin als 2010

Im echten Berlin geht die Entwicklung allerdings in eine andere Richtung. Denn tatsächlich gibt es in dieser Stadt nicht weniger, sondern immer mehr Autos. „Der Bestand an Kraftfahrzeugen in Berlin ist seit 2010 kontinuierlich gestiegen“, konstatierte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg vor wenigen Tagen.

Demnach waren im vergangenen Jahr in Berlin 1,5 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen. Das waren 14,7 Prozent mehr als 2010. Der Statistik zufolge stieg vor allem die Zahl der gewerblich genutzten Fahrzeuge etwa im Dienstleistungsbereich und im produzierenden Gewerbe. Eine Folge der wachsenden Stadt.

Damit wurde bislang auch der Zuwachs im Pkw-Bestand begründet. Wer nach Berlin kam, brachte sein Auto mit, nicht selten auch zwei. Der langfristige Vergleich zeigt nun aber, dass die Zahl der in Berlin zugelassenen Autos in den vergangenen zwölf Jahren schneller stieg als die der Einwohner.

Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts in Flensburg, wo jedes in Deutschland angemeldete Kraftfahrzeug registriert ist, gab es am 1. Januar dieses Jahres in Berlin exakt 1.241.793 Pkw. Das waren etwa 140.000 Autos mehr als Anfang 2010. Ein Plus von 12,3 Prozent. Die Zahl der hier lebenden Menschen wuchs in diesem Zeitraum aber nur um 9,6 Prozent auf knapp 3,8 Millionen Einwohner.

In Berlin sind aktuell 608 Ferraris zugelassen

Wenngleich die Pkw-Dichte in Berlin mit 337 Autos pro 1000 Einwohner dennoch die geringste im Land ist, im Schnitt nämlich 580 Autos auf 1000 Bundesbürger kommen, so beschränkt sich der Berliner keineswegs nur auf großstadttaugliche Kleinwagen als Notfall-Ersatz für ÖPNV- und Lastenrad-Nutzung.

Dass etwa 13.800 Autos mit B-Kennzeichen Motoren mit Hubräumen von wenigstens vier Litern und acht, zehn oder zwölf Zylindern unter der Haube haben, belegt, dass der Fuhrpark der Hauptstädter nicht nur nach Zweckmäßigkeit bestückt ist. Zwar ist Volkswagen der Hersteller etwa jedes vierten Pkw in Berlin; es gibt in der Stadt aber auch etwa 11.000 Fahrzeuge der Marken Aston Martin, Bentley, Maserati, Lamborghini und Porsche. Allein die Zahl der hier zugelassenen Ferraris hat sich in den vergangenen zwölf Jahren auf aktuell 608 mehr als verdoppelt.

Die Zahlen der Flensburger Behörde belegen aber vor allem, dass die Hauptstadt-Automobilisten generell zunehmend schnelle Karossen bevorzugen. Waren zwischen Schmöckwitz und Spandau schon 2010 insgesamt 237.275 Pkw unterwegs, die in der Lage waren, schneller als 200 km/h zu fahren, so sind es heute 410.566. Das ist jedes dritte Auto in Berlin und ein Zuwachs um 73 Prozent.

Die Zahl der Fahrzeuge, die sich darüber hinaus auch die 250-km/h-Grenze passieren können, hat sich in dieser Zeit von 4000 auf knapp 13.000 sogar mehr als verdreifacht. Berlin hat damit eine Bestandsdichte in der 250-Plus-Liga, die über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Elektroautos brachten es den Angaben zufolge in Berlin bislang übrigens nur auf 16.678 Zulassungen. Cabrios gibt es derweil fast dreimal so viele. In der immer zuverlässiger regenfreien Stadt lohnt sich die Anschaffung inzwischen ja auch. Tendenz steigend.