Berlin - Der Lockdown geht in die Verlängerung und mit ihm die Monotonie des Alltags. Gleichermaßen nehmen für viele Menschen Belastungen und Stress durch immer neue Vorschriften und deren Umsetzung zu. Lässt sich Geduld trainieren? Und sollten wir nicht auch die Durststrecke, die bereits hinter uns liegt, würdigen? Wie man der Lockdown-Müdigkeit begegnen kann, und warum das gar nicht so einfach ist, erklärt der Berliner Psychologe René Träder im Interview.

Herr Träder, der Lockdown wird verschärft und geht in die Verlängerung. Können Sie nachvollziehen, warum manche Menschen die Lust verlieren, sich an die Regeln zu halten?

Gestatten Sie mir eine Analogie: Wenn Menschen zum Beispiel eine Krebsdiagnose bekommen, ist das zunächst ein Schock für sie. Dann beginnt die Behandlung, sie entwickeln Vertrauen in Therapie und Arzt, fühlen sich besser. Wenn nach einem Jahr die Nachricht kommt, dass der Krebs zurück ist, ist diese Info für die Patienten noch viel schwerer verdaulich als der erste Schock der Diagnose. Sie haben das Gefühl, dass die Bemühungen umsonst waren. Das Gefühl der Vergeblichkeit schleicht sich auch jetzt in der Pandemie langsam ein. Und natürlich empfinden viele Menschen die ständigen Regeländerungen und Verlängerungen als zermürbend und teilweise nicht nachvollziehbar.

Auch der Sehnsuchtspegel steigt: nach Kontakten, Kultur, Kneipen, gemeinsamem Sport. Müssen wird diese Sehnsucht unterdrücken, um weiter zu funktionieren?

Das halte ich für unrealistisch. Wir sind soziale Wesen und können nur gut in der Gruppe funktionieren. Insofern ist die Sehnsucht nach Mitmenschen etwas ganz Natürliches, gegen das wir gar nicht ankämpfen können. Schon Aristoteles definierte den Menschen als „zoon politicon“, als politisches, soziales Wesen. Deswegen haben wir auch Gefühle wie Scham oder Schuld, die im Tierreich – außer bei höher entwickelten Säugetieren – nicht existieren.

Das müssen Sie erklären.

Als Menschen waren wir immer auf Mitmenschen angewiesen. Wurden unsere Steinzeitvorfahren aus der Gruppe ausgestoßen, war das ihr sicheres Todesurteil. Das Gefühl der Einsamkeit ist evolutionspsychologisch ein Warnsignal. Eines, das uns vermittelt, wieder den Anschluss an die Gruppe zu suchen. Hierbei helfen Scham und Schuld, denn durch eine Entschuldigung fällt es der Gruppe leichter, den Ausgestoßenen zu reintegrieren.

Fehlende Verlässlichkeit schwächt den Durchhaltewillen

Umfragen haben gezeigt, dass während der letzten neun Monate depressive Symptome zugenommen haben, aber auch andere psychische Störungsbilder, wie zum Beispiel Essstörungen. Was also tun?

Unser Organismus kann sehr gut mit Stress umgehen, aber nur auf kurze Sicht. Wenn Belastungen länger als ein halbes Jahr andauern, wird es kritisch – man kommt in eine chronische Form von Dauerstress, die sich immer schädlich auswirkt. Außerdem führt Stress zu einem Tunnelblick, der den Raum der Möglichkeiten verkleinert. Deshalb müssen wir uns weiterhin mit Tricks behelfen: Wer sich einsam fühlt, kann sich in einer Meditation emotional und geistig mit Freunden verbinden. Oder verschickt Päckchen, schreibt schöne Briefe. Das ist besser als zu warten, bis die Cafés wieder aufmachen.

Foto: Jessi Geib
Zur Person

René Träder, 41, ist Psychologe, Coach und Journalist. Seine zentralen Themen als Coach sind Achtsamkeit, Resilienz und Kommunikation. Als Journalist steht Träder für verschiedene Radiosender hinter dem Mikrofon, ist auf YouTube aktiv und moderiert Podcastformate zu den Themen Achtsamkeit und Gesundheit. In seinem im September 2020 erschienenen Buch (René Träder:„ Das Leben so NEIN!, ich so DOCH!“, Ullstein) gibt er Tipps für den Umgang mit Stress und Krisen.

Also kann man mit Kreativität der Lockdown-Müdigkeit entgegentreten?

Genau! So paradox es klingen mag, gerade jetzt ist die Zeit für Neuentdeckungen. Und sei es nur, die Wohnung umzudekorieren, Backexperte zu werden oder sich neue Computer-Skills anzueignen. Es hilft alles, was Freude macht. Für die psychische Gesundheit ist es immer gut, sich zu fragen, wie man auch in kleinen Handlungsspielräumen sein Leben positiv gestalten kann. Wer sich als selbstwirksam erlebt, ist glücklicher. Das hilft auch gegen das ständige Jammern. Das Negative ist oft offensichtlich. In Gesprächen wird das schnell zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Damit ziehen wir uns gegenseitig runter. Besser ist es, ins Gestalten zu kommen und sich mit anderen darüber austauschen.

Lässt sich auch in einem übergeordneten Sinne für jeden etwas lernen?

Ja, nämlich, dass es sich lohnt, im Hier und Jetzt zu leben. Wir sind ja immer furchtbar zukunftsbezogen und warten auf den nächsten Urlaub, das nächste Kulturevent, den nächsten Ausflug. Nun gilt es, jeden Moment wertzuschätzen und den positiven Blick zu trainieren. Eine dahin gehende Empfehlung wäre, sich am Ende jeden Tages zu fragen: Was war schön, was hat mir Freude bereitet? Man sollte sich immer neu vergegenwärtigen, dass auch jeder Tag im Lockdown ein Teil des eigenen Lebens ist.

Zumal die Zukunft durch die neuen Mutationen weiterhin ungewiss ist …

… was auch aus psychologischer Sicht ein Problem ist. Denn damit Frustrationstoleranz entsteht, braucht es klare Ziele – und der Aufwand darf nicht übertrieben hoch sein. Das ist eine Erkenntnis aus der Entwicklungsforschung: Je verlässlicher die Versprechen der Eltern sind, desto geduldiger sind später die Kinder. Wenn aber Versprechen ständig gebrochen werden, entweder indem Belohnungen zu früh gegeben werden oder ganz ausfallen, dann entwickelt auch das Kind keine Geduld.

Übertragen auf unsere Situation heißt das nun: Die Verlängerung des Lockdowns schwächt den Durchhaltewillen, den wir gerade so sehr bräuchten?

So ist es. Geduld und Verlässlichkeit sind Zwillinge. Geduld funktioniert, wenn es eine Ziellinie gibt – die wir aber momentan nicht sehen. Deshalb plädiere ich dafür, nicht auf Öffnungen zu warten, sondern die eigenen Bedürfnisse genauer zu ergründen. Wenn ich zum Beispiel die regelmäßigen Theatervorstellungen vermisse, sollte ich mich fragen: Was vermisse ich an ihnen? Die Auseinandersetzung mit neuen Themen, das Überraschtwerden? Wenn das Bild klarer wird, kann man kreativ werden und Ersatz suchen.

Das bereits Erreichte zelebrieren

Welche Rolle spielt Hoffnung und lässt sie sich kultivieren?

Hoffnung kann dazu beitragen, optimistischer in die Zukunft zu blicken und weniger Ängste zu haben, ebenso wie bewusst positives Denken. Dennoch ist Hoffnung ein ursprünglich eher religiöses Konzept, bei dem man Gestaltungsraum abgibt und auf etwas Höheres vertraut. Wenn Hoffnung passiv macht, ist Vorsicht geboten. Man sollte sich als Arbeitssuchender beispielsweise nicht fragen: Kann ich hoffen, dass ich einen neuen Job bekomme? Sondern eher: Was kann ich dazu beitragen, damit sich die Wahrscheinlichkeit für ein neues Jobangebot erhöht?

Vielleicht hilft es auch, die bereits zurückgelegte Durststrecke im Privaten zu würdigen – wenn ja: Wie geht das?

Auf jeden Fall! Wenn man Dinge, die man erlebt, mit Sinn versieht, wirkt das unterstützend. Das passiert ganz automatisch, wenn man sich Fragen stellt wie: Was habe ich gelernt? Was kann ich noch lernen? Wer eine Bilanz zieht und dabei nicht vergisst, auch im Negativen das Positive zu sehen, wird weniger schnell in eine Depression abgleiten.

Was haben Sie denn gelernt?

Sehr viel. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Bücher zu lesen und mein Wissen zu erweitern. Und ich beobachte, dass auch die Gesellschaft lernt. Das Tabu, auf keinen Fall psychisch schwach zu erscheinen, wird gerade gebrochen. Es wird akzeptierter, zu sagen: Heute geht es mir nicht so gut. Das ist ein Fortschritt, denn die Gesellschaft wird dadurch ehrlicher und empathischer.