Freut sich trotz aller Strapazen auf die Eröffnung: Béatrice Posch
Foto: Volkmar Otto

BerlinDer Chef hatte ihn damals extra noch eine Woche Urlaub nehmen lassen. Damit Florian Hensel-Beyer topfit gewesen wäre, kurz vor Startschuss des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg (BER) im Sommer 2012. „Wir wollten danach so richtig ranklotzen“, erinnert sich der damalige Leiter eines Take-away-Ladens. Die Anspannung, die der Mitarbeiter der Wöllhaf-Gruppe gespürt haben muss, entlädt sich noch heute in seiner Gestik, wenn Hensel-Beyer den Moment der Ernüchterung beschreibt. „Das kann doch nicht sein“, dachte, als sein Vorgesetzter ihn am letzten Urlaubstag anrief und sagte, er könne gleich nochmal zwei Wochen dranhängen. Die Eröffnung sei verschoben.

Einen Schock dürften viele der Händler, die sich im Wettbewerb um einen der begehrten Läden am BER durchgesetzt hatten, erlebt haben. Flächen waren gemietet, Mitarbeiter geschult, Möbel eingebaut, Geräte geprüft, Waren bestellt und Kassen programmiert worden. Die nächste Strophe des Lieds ist bekannt: Die Eröffnung platzte. Und so wurden die Waren wieder zurückgegeben, Geräte mit Folie überzogen, Türen verriegelt. Die Enttäuschung war groß, der finanzielle Schaden für einige auch. Man habe damals „in den meisten Fällen Lösungen gefunden“, sagt Engelbert Lütke Daldrup, Chef der Flughafengesellschaft FBB. „Aber wir haben natürlich auch gestritten.“ 

Über acht Jahre blieb ungewiss, wann und unter welchen Bedingungen an Handel und Gastronomie am Flughafen überhaupt wieder zu denken wäre. Mindestens. Denn ausgerechnet in jenem – diesem – Jahr, in dem die ersten Maschinen vom BER starten, trifft die Welt eine Pandemie mit Wucht. Und welcher Wirtschaftszweig knackt am lautesten? Der Flugverkehr. Mit rund 20 Prozent der vor Corona kalkulierten Fluggäste rechnet die FBB in diesem Jahr.

Florian Hensel-Beyer von der Wöllhaf-Gruppe steht in den Startlöchern. 
Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter

Heute steht Hensel-Beyer trotz allem wieder „gespannt wie ein Flitzebogen“ in den Startlöchern. Mindestens dreimal die Woche pendelt er zum Flughafen und trifft die letzten Vorbereitungen. Seit dem Eröffnungsversuch von 2012 ist er bei Wöllhaf, dem familienbetriebenen Unternehmen mit 400 Mitarbeitern und Standorten an fünf Flughäfen, aufgestiegen. 2020 ist der gelernte Verlagskaufmann zuständig für sechs Verkaufsstellen am BER. Darunter „Spreewald & More“ im Terminal 1: Dort sollen Abreisende ihre Mitbringsel für die weite Welt erstehen können – aus dem Spreewald, Brandenburg und dem Berliner Umland. Wenn der großgewachsene Hensel-Beyer über das Sortiment aus Whiskey, Schokolade und natürlich Gurken aus dem Spreewald spricht, leuchten seine Augen.

Ein bisschen müde, aber doch entschlossen wirkt der Blick von Béatrice Posch. Auch sie bereitet sich nicht zum ersten Mal auf die Eröffnung am Skandal-Flughafen vor. Die Inhaberin des Spielzeugladens „Die kleine Gesellschaft“ schläft schlecht, sie fühlt sich von der Flughafengesellschaft allein gelassen. Kopfschmerzen machen ihr vor allem Logistik und Kommunikation. Punkte, die auch vor acht Jahren den Schock noch vergrößerten, erinnert sich Posch. Sie hat damals aus der Presse von der Nicht-Eröffnung erfahren.

Die Ware des Spielzeugladens „Die kleine Gesellschaft"“ wird am BER zum zweiten Mal drapiert werden müssen. Wie hier in der Filiale in der Friedrichstraße.
Foto: Volkmar Otto

Die gebürtige Brandenburgerin steht zwischen liebevoll mit Seifenblasen, Plüschtieren und Plastikautos bestückten Regalen in ihrer Filiale in der Friedrichstraße, einer von vier weiteren, die sie neben der Filiale am BER als alleinige Geschäftsführerin betreibt. Die Existenz der Sorgenkind-Filiale am Hauptstadtflughafen hat sie bis Ende vergangenen Jahres schlichtweg verdrängt. Zu viel hatte sie wegstecken müssen – laufende Kredite weiter abbezahlen, Möbel einlagern, das Spielzeug wieder loswerden. Die meisten ihrer Mitarbeiterinnen konnte sie immerhin woanders einsetzen.

Harte Zeiten für den Einzelhandel 

Vergangenen Dezember wurde Posch dann über die neuen Eröffnungsdaten informiert – diesmal per Rundschreiben. Verlässliche Ansprechpartner sind für sie wichtig, gerade wegen der veränderten Bedingungen. Ihren Willen hat sie nicht verloren. „Wir wollen mit dem Flughafen kooperieren“, sagt Posch mit Blick auf die erwartbar niedrigen Fluggastzahlen. Was etwa die Miete für die 60 Quadratmeter Ladenfläche angeht, sei sie nun im Gespräch mit den Betreibern.

Durch die Corona-Maßnahmen hat der Einzelhandel ohnehin ein hartes Jahr hinter sich. Zu Beginn der Pandemie habe er bis zu 40 Prozent seines Umsatzes eingebüßt, erzählt Roland Türk, Geschäftsführer des Berliner Bio-Curry-Wurst Imbiss Witty’s. Drei Buden betreibt er in der Stadt, eine in Schönefeld, eine weitere versorgt in Zukunft die Reisenden und Angestellten am BER.

Roland Türk betreibt am BER einen Bio-Currywurst-Imbiss. Er sieht die Sache pragmatisch. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Es muss so gewirkt haben, als hätte jemand die Zeit angehalten. Unberührt standen sie da, die Fritteusen und die blitzsauberen Grills, als Türk im Juli zum ersten Mal hinter der Stahlwand nachsah, die er vor acht Jahren vor die Ladenfläche ziehen ließ. „Ich habe mich gewundert, dass alles so schön und fertig aussieht“, sagt der Geschäftsführer. Seine verschränkten Arme, das schwarze Jackett, die randlose Brille – sein Auftreten unterstreicht seinen Pragmatismus. Warum überhaupt noch am BER eröffnen? Türk findet: „Es ist ja alles bezahlt. Einer muss es ja machen.“

Wirtschaftlich denke man bei Witty’s trotzdem maximal bis zum Frühjahr, weiterführende Prognosen – Stichwort: Corona – erlaube man sich nicht. Bis dahin stellt er sich auf magere Einnahmen ein, die städtischen Filialen werden die Umsätze machen müssen. „Ein Minusgeschäft können wir uns nicht lange leisten“, sagt der Geschäftsmann. Langfristig sei der Flughafen nach wie vor ein lukrativer Standort. Und das, obwohl er kein Freund des Pauschaltourismus ist.

Die Erfahrungen und Strategien der rund 100 Geschäftsbetreiber, von denen ein großer Teil zum Image der regionalen Verwurzelung des BER beitragen sollte, sind verschieden. Wöllhaf als Flughafen-Experte, mit der materiellen Sicherheit eines Familienunternehmens im Rücken, hat die Zeit genutzt, um zu expandieren, und erweitert um zwei gastronomische Angebote im Terminal 2. Und Béatrice Posch hilft sich mit einem Team, das mit „Herz und Seele“ dabei sei, über die zähen Zeiten hinweg. Irgendetwas lässt hier alle hoffen. Posch ist sich sicher: „Das wird ein toller Flughafen“.