Christiane Felscherinow, die Ende der 70er-Jahre als Junkie-Mädchen Christiane F. weltberühmt wurde, hat mit der Journalistin Sonja Vukovic ein zweites Buch über ihre Erlebnisse geschrieben. „Mein zweites Leben“ erscheint an diesem Donnerstag. Es ist zum Teil eine Beichte der eigenen Verfehlungen, zum Teil eine Abrechnung mit ehemaligen Vertrauten und Journalisten.

Und an manchen Stellen ist es einfach eine Promibiografie, in der sie erzählt, wie sie hier mit Loriot und Dürrenmatt, dort mit AC/DC und David Bowie abhängt. Dann aber wieder verbringt sie Wochen in einem Obdachlosenheim oder lebt mit anderen Junkies im Park. Scheinbar mühelos pendelt sie zwischen Jetset und Asyl, lacht sich falsche und echte Freunde an und kommt im Grunde mit nur einer Person nicht klar – mit sich selbst.

Im Gefängnis wurde sie frei

„Meine Güte, ich bin und bleibe ein Promi-Junkie. Eine Attraktion. Ein seltenes Tier.“ Sie hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Ruhm. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Die Leute tuscheln immer noch, wenn sie sie sehen. Manche Fans wollen gar Fotos mit der ganzen Familie und ihr, der todkranken Drogenabhängigen. Sie durfte nicht erwachsen werden, schreibt sie. Für die Öffentlichkeit bleibe sie „das Heroinmädchen vom Kinderstrich“.

Um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, sie hätte dieses Buch nur für das zu erwartende Geld geschrieben, betont sie gleich mehrmals, sie lebe immer noch von den Tantiemen des ersten Buchs und könne im Übrigen gut mit Geld umgehen – Bausparvertrag und Lebensversicherung inklusive.

Der verantwortungsvolle Umgang mit Geld erlaubt ihr den Luxus, ein relativ ungezwungenes Leben zu führen. Sie wohnt in einer Hamburger Musiker-WG, verbringt mehrere Jahre in Griechenland, ist mehrmals in der Schweiz und hat ansonsten nicht den Drang, sich fest an einen Ort zu binden. Nur einmal, Mitte der Achtziger, landet sie wegen Drogenbesitzes für zehn Monate im Knast.

Das Leben dort ist hart, aber Felscherinow findet dort, was sie draußen verzweifelt sucht: Ruhe. „Es gibt darin keine Steuer, um die du dich kümmern musst, keine versoffenen, falschen Freunde, keine Kritik, keine Beobachtung und keine Bewertung durch andere. Ich habe mich im Gefängnis freier gefühlt, als ich es in Freiheit je war.“

Geburt des Sohnes als Wendepunkt

Ein Wendepunkt in ihrem Leben ist die Geburt ihres Sohnes, um den sie sich aufopfernd kümmert. Im Buch heißt er Philipp, in früheren Interviews und Fernsehauftritten hieß er schon anders. Katastrophal ist für sie der Tag, an dem er ihr weggenommen wird, weil man ihr nicht zutraut, für das Kind zu sorgen. Seit etwa sieben Jahren wohnt er in einer Pflegefamilie. So vernünftig diese Entscheidung aus der Sicht des Jugendamtes gewesen sein mag, so sehr hat sie Christiane F.s Leben endgültig zerstört.

„Er hat es nie angesprochen, aber ich weiß, dass er sich bis heute fragt, warum ich ihm das angetan habe. Er hat auch alles Recht der Welt, mich anzuklagen. Ich war schuld, dass er nun bei fremden Menschen leben, in einer neuen Schule klarkommen und neue Freunde finden musste. Das werde ich mir nie verzeihen. Und er auch nicht.“ Ob sie ihrem Sohn einen Gefallen tut, seinem aktuellen Leben ein ganzes Kapitel zu widmen, darf aber dann doch bezweifelt werden. Wenn sie ihm noch etwas bieten könnte, dann den Luxus der Privatsphäre.

Dürfte das erste Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ für Jugendliche kaum als Abschreckung gewirkt haben – es war schließlich voll von Drogen, Sex, Abenteuer und Rock ’n’ Roll – zeigt dieses Werk nun viel schmerzhafter die Effekte, die jahrzehntelanger Drogenkonsum auf den Körper und vor allem auf die Psyche haben.

In sehr plastischen Worten beschreibt sie die Leiden ihrer Hepatitis-C-Erkrankung. Ständiges Schwitzen, rote Punkte auf der Haut, pelzige Zunge, Verstopfung, Übelkeit und ein Bauch, der sich immer weiter aufbläht.

Dazu kommt das Gefühl, ständig beschattet zu werden und dass ihr Sohn einer der wenigen sei, die ihr glaubten, dass diese Männer in dunklen Anzügen, das ständige Bohren in Nachbarwohnungen wirklich existierten. „Und das ist das Schlimmste: Dass ich nun dieses Stigma trage – nicht nur das des Promi-Junkies, sondern jetzt auch noch das der Verrückten. Manchmal weine ich und kann tagelang nicht aufhören, weil es so wehtut.“

Christiane F. ist eine schwer kranke Frau, die am meisten unter sich selbst leidet. Immer wieder dringt durch die Zeilen durch, dass sie sich am liebsten abkapseln würde. Zu einem Interview war sie nicht bereit. Ihre Ruhe zu haben, ist ihr größter Wunsch. „Ich weiß, dass wenig von dem, was ich erlebe, für normale Menschen normal ist. Ich wünsche mir selbst oft, es wäre anders. Aber wer leidet schon darunter außer mir?“

Warum interessiert ihr euch so für mich, scheint sie zu fragen. Aber das in einem Buch, in dem sie freiwillig intimste Details aus ihrem Leben preisgibt. Denn offenbar braucht sie auch diese Öffentlichkeit. Ihre Lebensgeschichte ist ihr Kapital. Dieser Widerspruch ist wohl das größte Drama im Leben der Christiane Felscherinow.

Christiane V. Felscherinow und Sonja Vukovic: „Christiane F.– Mein zweites Leben“. Deutscher Levante-Verlag. 336 Seiten, 17,90 Euro.