Gedenkgottesdienst anlässlich der Rückgabe von Schädeln und Gebeinen aus dem heutigen Namibia im August 2018 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. 
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BerlinWie dekolonisiert man sich? Als Kind habe ich "Mohrenköpfe" gegessen, das Lied von den "Zehn kleinen Negerlein" gesungen, "Wer hat Angst vorm schwarzem Mann?" gespielt, über "afrikanische Kinder" gewusst, dass sie mich um meinen Spinat beneiden, und bei den Großeltern standen afrikanische Holzbüsten in der Schrankwand. Meine Urgroßeltern hatten einen Kolonialwarenladen am Dresdner Hauptbahnhof. Wie dekolonisiert man sich? 

Ohne Hilfe vermutlich gar nicht. Deswegen setzt die aktuell doppelte Dekolonisierungsoffensive in Berlin auch auf die enge Zusammenarbeit mit der berufenen und interessierten Zivilgesellschaft. Durchaus zum Ärger der bisherigen Wissenschaft. "Jedoch kochen inzwischen zu viele unausgebildete Köche den Brei", kritisiert etwa der Kolonialhistoriker Ulrich van der Heyden. Aber erstens sind die Ausgebildeten ja nicht ausgeschlossen und zweitens dürften die Intelligenz des Schwarms und die Sichtweise der Nachfahren von Kolonisierten gegen Selbstzufriedenheit, Fehler und blinde Flecken bei der Bearbeitung des Themas durchaus imprägnieren. Überdies sind auch unter den zivilgesellschaftlichen Akteuren Wissenschaftler, die mit einer systematischen und kritischen Arbeitsweise vertraut sind.   

Zwei verschwisterte Projekte  

Zurück zur Doppeloffensive: Zum einen hat gerade neulich die „Entwicklung eines gesamtstädtischen Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzepts zur Geschichte und zu den Folgen des Kolonialismus“ begonnen, zum anderen startet jetzt eine auf die Dauer von fünf Jahren angelegte "Initiative für postkoloniales Erinnern in der Stadt". Das erste, so kann man die verschwisterten Projekte, in die auch noch teilweise die gleichen Gruppen und Personen involviert sind, vielleicht auseinanderhalten, befasst sich mehr mit Strukturen, beim zweiten entsteht etwas, das stadtweit sichtbar sein soll.

Es wird Ausstellungen, Veranstaltungen und Festivals geben, Kunst im Stadtraum sowie eine Web-Kartierung von am Ende tausend ehemals kolonialer Orte in Berlin, Deutschland und natürlich den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika selbst:  Namibia, Kamerun, Togo, Ruanda, Burundi, Tansania. Für das erste Vorhaben, das vom zivilgesellschaftlichen Bündnis Decolonize Berlin koordiniert wird, stellt der Senat in 2020/21 insgesamt eine halbe Million Euro zur Verfügung, für das zweite in den nächsten fünf Jahren zwei Millionen -und eine weitere Million vom Bund kommt noch dazu.  

Ortstermin in der Kulturverwaltung am Freitagvormittag

Also Ortstermin am Freitagvormittag in einem Sitzungsraum der Senatskulturverwaltung. Hortensia Völckers, die Direktorin der Kulturstiftung des Bundes sitzt neben Kultursenator Klaus Lederer, daneben Tahir Della, der Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, und auf der anderen Seite des Senators Paul Spies, Vorstand der Stiftung Stadtmuseum.  Bund, Land, Stadtmuseum samt Bezirksmuseen und Zivilgesellschaft werden zusammenarbeiten, um die Vergangenheit Berlins als ehemalige Hauptstadt des ehemaligen Kolonialreichs Deutschland sichtbar zu machen und als Auftrag für einen veränderten Austausch mit den ehemaligen Kolonien zu begreifen.

Andere Städte sind eingeladen, dem Beispiel zu folgen  

Frau Völckers freute sich besonders darüber, dass die Stadt Berlin selbst und auch mit eigenen Mitteln auf die Kulturstiftung zugekommen sei und wünschte sich, dass andere Städte diesem Beispiel folgen mögen. Paul Spies war immer noch verblüfft darüber, einem Projekt zugestimmt zu haben, in dem das Stadtmuseum nur eine von vier Stimmen hat, zeigte sich von dem bisherigen freundschaftlichen Umgang aber sehr angetan und versicherte, dass in seinem Haus wirklich alle Mitarbeiter, auch die "erfahrenen", der Idee gegenüber aufgeschlossen seien.

Tahir Della äußerte sich erleichtert, dass das Thema Dekolonisierung nach der jahrelangen, teilweise jahrzehntelangen Arbeit etlicher Einzelorganisationen endlich kein Randthema mehr sei und wies auf die enge Verflechtung des Themas mit aktuellen Debatten wie dem Klimawandel sowie der Frage hin, in welcher Gesellschaft man eigentlich leben wolle. Außer der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland sind auch die Vereine Berlin Postkolonial und Each One Teach One sowie der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag Partner bei der Arbeit. Ziel sei, den gesamten Stadtraum mit dem Projekt zu bespielen und das postkoloniale Erinnern zukunftsfähig zu verankern.

Das postkoloniale Erinnern wird nicht auf Kosten des Gedenkens an NS-Zeit und Stalinismus gehen. Im Gegenteil."  

Klaus Lederer

Kultursenator Lederer sagte, dass im Zuge der Debatten, die es im Abgeordnetenhaus wie in der Öffentlichkeit zum Thema gegeben habe, deutlich geworden sei, dass es in der Gesellschaft dazu durchaus auch Abwehrreflexe bis hin zur Leugnung der Geschichte gebe, eine "Schlusstrichmentalität", die darauf bestehe, dass dies doch alles schon lange her sei.  Oder dass "uns umgekehrt die Ansicht unterstellt wird, dass der Kolonialismus an allen Problemen der Welt schuld sei". Beides seien haltungsmäßige  "Pappkameraden", auf die einzuschlagen allzu billig sei.

Geschichte ereignet sich nicht zwischen zwei Jahreszahlen

Darüber hinaus versicherte er, dass das postkoloniale Erinnern keineswegs "auf Kosten der NS-Aufarbeitung oder der Aufarbeitung der poststalinistischen oder stalinistischen Verhältnisse" ginge. Im Gegenteil stelle der Senat nicht nur zusätzliche Mittel für das koloniale Gedenken, sondern auch für die anderen Bereiche bereit. Zudem seien auch inhaltliche Verbindungen zu erwarten: "Möglicherweise kann uns die Aufarbeitung des Kolonialismus helfen, die Zeit der Weimarer Republik und die Zeit der NS-Diktatur anders zu verstehen."  

Die Betonung der Kontinuität von Geschichte ist auch Tahir Della sehr wichtig. Der deutsche Kolonialismus habe sich nicht zwischen zwei Jahreszahlen ereignet und bezüglich der Verflechtungen und Folgen gäbe es noch viel zu erforschen. Insofern sei auch der Aufruf "Dekolonisiert euch!"  mehr eine Richtungsangabe. "Erst müssen wir wirklich einmal feststellen, was genau stattgefunden hat. Und dann können wir anfangen, uns zu dekolonisieren."