Berlin - „Geschlossen!“ stand an der Tür. Das war ein kleiner Schock für mich an einem Sonnabendmorgen im März, der erste Lockdown hatte gerade begonnen. Viele Jahre fing mein Wochenende im Barcomi's in Mitte an, im Hof in der Sophienstraße, durch den man zur Gipsstraße gelangt. Im Barcomi's traf ich jeden Sonnabend zur selben Zeit denselben Freund. Ich kam immer zu früh – er in der Regel zu spät.

Das Barcomi’s war ein Anker für mich, ein Fixpunkt. Es gab dafür keinen  besonderen Grund, wir hätten uns auch in jedem anderen Café treffen können, es gibt hippere Läden in Mitte, auch ruhigere und solche mit größerer Auswahl. Aber wir trafen uns immer im Barcomi's.

Und nun, da das Deli geschlossen hat, weiß ich auch, warum.

Illustration: Stephanie F. Scholz
Dauerhaft geschlossen

Die Berliner Zeitung dokumentiert in den kommenden Wochen, welche Restaurants, Bars und Cafés infolge der Corona-Maßnahme dauerhaft schließen müssen. Was hat diese Orte besonders gemacht? Wie haben die Betreiber die Pandemie erlebt und wie geht es für sie weiter? Wir wollen wissen, wie sich die Stadt durch Corona verändert, und anfangen, darüber nachzudenken, wie es danach weitergeht.

Hier geht es zur Serie „Dauerhaft geschlossen“.

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Das Barcomi's in Mitte hatte zwei Etagen, im unteren Bereich erinnerte es an ein klassisches Diner. Die voneinander getrennten Sitzgruppen mit den schweren Lederbänken boten genug Raum für vertrauliche Gespräche und gleichzeitig genug Aussicht auf die anderen Frühstücker, von denen viele aus anderen Stadtteilen kamen.

Wir saßen immer oben, wo ein großer Raum lag, der eine fürchterliche Akustik hatte. Mein Gegenüber verstand ich oft kaum, wohl aber den Typen, der fünf Tische weiter ausführlich über seine Beziehungsprobleme referierte.

Aber das spielte keine Rolle, wir mochten die geschäftige Atmosphäre, den immer eiligen und aufgeräumten Service. Meistens bediente uns derselbe Kellner, der schon nach kurzer Zeit wusste, was wir frühstückten, nämlich immer dasselbe: Bagel mit Lachs, Croissant mit Marmelade, hart gekochtes Ei, Kaffee, O-Saft.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Cynthia Barcomi, als wir sie im Sommer zum Interview in ihrem Café in Kreuzberg trafen – das es zum Glück noch gibt.

Wir fühlten uns zu Hause, inmitten einer Schar von Touristen, Einheimischen und frisch Zugezogenen, die ihre Eltern im Schlepptau hatten und ihnen zeigten, warum sie nach Berlin kamen. Dafür war das Barcomi's perfekt mit seiner doch recht einzigartigen Mischung. Und der Kuchen dort war großartig.

Im Barcomi's fühlten wir uns zu Hause

Wir fühlten uns geborgen im Trubel und gleichzeitig so verbunden mit der großen Stadt, wie man es nur sein kann. Wir beredeten alles, was es zu bereden gab, um uns herum die bienenemsige Atmosphäre: Gelächter und Besteckgeklapper, die Rufe der Kellner, das Geplärr der Kinder.

Wenn wir fertig waren, schlenderten wir über den Hof zum Shop des Gestalten-Verlags, den es leider schon viel länger nicht mehr gibt. Wir kauften überteuerten Schnickschnack oder schmökerten satt und in Shoppinglaune in den großen Bildbänden und Coffee-Table-Schwarten, von denen wir nie eine kauften.

Danach spazierten wir oft zur Gipsstraße, um einer so schönen wie selten gewordenen Beschäftigung nachzugehen: dem Schaufensterbummel.

Manchmal kehrten wir dann nach ein paar Stunden und um ein paar Euro leichter noch mal zurück ins Barcomi's, für noch einen Kaffee, ein Stück New York Cheesecake oder einen Tee. Diese Tage verliefen ziellos und ungeplant, wir ließen uns durch den Sonnabend treiben, mit dem Barcomi's als Rückzugsort, als einer Art Kokon im nervigen Stadtalltag – Cocooning im Kaffeehaus.

Das ist es, was mir wirklich fehlt in der Pandemie.

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