Berlin - Null Grad und Schneeregen am Kotti. An einem anderen Tag, zu einer anderen Zeit hätte das ein guter Abend für eine Einkehr in die Oya sein können, die gleich um die Ecke in der Mariannenstraße liegt. Doch wie alle Kneipen, Cafés und Restaurants hat die queerfeministische Bar gerade geschlossen. Und nach knapp drei weiteren Monaten Lockdown ist auch hier die Frage: Wie lange kann die kleine Bar das durchhalten?

Stephanie F. Scholz
Dauerhaft geschlossen

Die Berliner Zeitung dokumentiert in den kommenden Wochen, welche Restaurants, Bars und Cafés infolge der Corona-Maßnahme dauerhaft schließen müssen. Was hat diese Orte besonders gemacht? Wie haben die Betreiber die Pandemie erlebt und wie geht es für sie weiter? Wir wollen wissen, wie sich die Stadt durch Corona verändert, und anfangen, darüber nachzudenken, wie es danach weitergeht.

Hier geht es zur Serie „Dauerhaft geschlossen“.

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Annelie Quitt, 33, und Yordanos Afewerki, 45, betreiben den Laden, den sie selbst „die Oya“ nennen – wie eine alte Freundin. Sie haben die Bar erst im vergangenen März übernommen. Vorher hatte sie ein Kollektiv betrieben – Quitt und Afewerki sind bisher nur zu zweit. Leider, wie sie finden. Denn eigentlich hätte alles anders laufen sollen.

Denn nur zehn Tage nach Wiedereröffnung begann der erste Lockdown und damit war erst mal Schluss. „Zum Normalbetrieb ist es leider nie gekommen“, sagt Quitt. Stattdessen müssen die beiden nun darum kämpfen, überhaupt zu bleiben.

Das Geld versickert

Dass sie nur zu zweit sind, ist also doch irgendwie Glück. Sie mussten kein Personal in Kurzarbeit schicken, außerdem haben sie feste Jobs, die nichts mit der Gastronomie zu tun haben, sie arbeiten beide als Sozialarbeiterinnen. Auch ihre Vermieter zeigen sich kulant, die Miete können sie notfalls stunden. Doch dafür fehlt die Perspektive, die Angst vor Verschuldung ist groß. „Alles, was wir jetzt schieben, erwartet uns ja später“, sagt Quitt.

Und es wird langsam eng. Die Novemberhilfen für die Gastronomie sind auch im Januar noch immer nicht vollständig ausbezahlt. „Und wir haben keine Info, wann der Rest kommt.“

Von den Ausgleichszahlungen, die Kneipen für die im Oktober eingeführte Sperrstunde bekamen, hat das Oya gar nichts gesehen; die Bedingung dafür war ein mindestens 20-prozentiger Umsatzeinbruch im Oktober. Die Bar aber zählte zu den 40 Berliner Clubs und Veranstaltungsorten, die vom Kultursenat im Rahmen des „Tags der Clubkultur“ eine Summe von 10.000 Euro erhalten hatten. Das wurde auf den Umsatz angerechnet, obwohl das Geld eigentlich für Eigenbeteiligungen in Projektanträgen vorgesehen war, zum Kultur-Machen sozusagen.

Nun versickert das Geld also in laufenden Kosten. Am Ende ist es also - wie so oft - die Bürokratie, die vielen Gastro- und Kulturbetrieben ein Schnippchen schlägt.

Lila Neonröhren und Antirassismus

„Es ist ein bisschen wie beim Jobcenter. Du lebst halt von jetzt auf gleich“, sagt Afewerki. Die beiden sind vorsichtig geworden, sie trauen sich nicht, große Zukunftspläne zu entwerfen, solange sie an den Corona-Hilfen hängen – wo niemand weiß, wie lange das noch so geht. Quitt klingt bescheiden, wenn sie sagt: „Ab April wäre es schon gut, wenn wir wieder aufmachen könnten.“

Wie es in der Oya mal aussehen könnte, wenn endlich der Normalbetrieb kommt, kann man sich momentan nur vorstellen.

Den Laden betritt man durch die Glastür, neben der ein Poster hängt, das an die rassistischen Morde von Hanau erinnert: ein eindeutiges Statement zur Begrüßung. Gleich vorne stehen niedrige Holztische, im schmalen hinteren Teil zieht sich die Theke an der Wand entlang. Einen Mittagstisch soll es geben, nachmittags kommen die Leute zum Kaffeetrinken, gegen Abend wollen Quitt und Afewerki dann die lila Neonröhren unter den Sitzbänken in den Ecken anknipsen und die Musik etwas aufdrehen.

Schutz vor dem Mist „draußen“

An den Wänden und über dem Tresen hängen Plakate mit feministischen und antirassistischen Slogans und glänzende Fotografien von queeren Models. Auf einer Tafel steht ein Zitat der feministischen Schwarzen Schriftstellerin Audre Lorde: „We are not free while any woman is unfree.“

Die Oya will eine intime und geschützte Atmosphäre bieten, ihr Publikum – vor allem die Kreuzberger Szene der queeren BPoC (Black, People of Colour) – schützen „vor dem Mist, dem sie draußen ausgesetzt sind“, wie Quitt sagt.

So war es im Sommer, als Quitt und Afewerki zumindest ein paar Gäste haben und den Raum für die Organisation von Demos nutzen konnten, wie dem Dyke March im Juli.

Das Stammpublikum, das in diesen Monaten kam, haben die beiden von den früheren Betreiberinnen übernommen. „Unsere Community ist ein großer Teil davon, dass der Raum überhaupt noch da ist“, sagt Afewerki. Immer dann, wenn ganz geschlossen wurde, boten die, die nun zu Hause bleiben mussten, ihre Hilfe an. Materiell, handwerklich und emotional: „Sie unterstützen uns, wenn wir denken, wir können nicht mehr.“

Die Oya-Bar ist einer von wenigen Orten in der Stadt, die sich ganz gezielt an die queere BPOC-Community richten. Für trans und nichtbinäre Personen ist es ohnehin schwer, sich in einer heteronormativen Gesellschaft sicher zu fühlen. Menschen, die gleich mehrfach von Diskriminierung betroffen sind, die also etwa Rassismus plus Transfeindlichkeit erleben müssen, trifft das noch härter. Und dann auch noch die Isolation des Lockdowns. Für die, deren Identitäten in der Öffentlichkeit marginalisiert werden, die nur in Räumen wie der Oya aufatmen können, gibt es zurzeit so gut wie keine Angebote.

Überleben mit Spenden

„Hier ist die Draußen-Normalität gebrochen“, so beschreibt es Quitt. Die „Draußen-Normalität“, das ist für sie die Welt der Heteros, die Welt der weißen Dominanzkultur, die Welt des Kapitalismus. Drinnen ist die Oya. Die Bedeutung des Namens ist so vielfältig wie ihr Publikum. Oya, das ist bei den Yoruba, einer westafrikanischen Sprachgemeinschaft, die Göttin der Transformation, erklärt Afewerki. Auch in Brasilien ist Oya eine Göttin. Außerdem gibt es das Wort im Türkischen als weiblichen Vornamen und als Verb, das so schön zu diesem Ort passt: „oyalanmak“ – verweilen.

Weil Quitt und Afewerki wissen, wie wichtig der Ort für so viele ist, wollen sie sich nicht allein auf die staatlichen Hilfen verlassen. Vor einem Jahr schon haben sie angefangen, mit einer Spendenkampagne Geld zu sammeln. Damit wollten sie eigentlich den Umbau finanzieren. Nun werden sie das Geld auch brauchen, um zu überleben.

Sie dürfen gern bald wiederkommen, diese anderen Zeiten. Für all die Bars, Kneipen, Clubs und Cafés, für diese Stadtgesellschaft und für alle ihre Nischen. Bis dahin bleibt die Oya hoffentlich weiterhin nur „vorübergehend geschlossen“.

Alle Teile unserer Serie „Dauerhaft geschlossen“ finden Sie hier.