Derk Ehlert, der Experte für Natur und Wildtiere des Berliner Senats im Grunewald.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinBild und Ton passen nicht zusammen. Vor uns sind die Spuren der Wildnis deutlich zu sehen: Wir sind nur ein kurzes Stück in den Wald gelaufen, doch direkt neben dem Weg sind im Boden tiefe Furchen, die die Wildschweine gegraben haben. Die Bäume tragen noch immer bunt. Überall leuchtet es Gelb und Orange und satt Rot. Die Sonne scheint ungestört und lässt den Wald erstrahlen wie auf einem Herbstgemälde.

Doch der Ton stört das idyllische Bild. Hinter uns dröhnt der Lärm der Zivilisation. Züge und S-Bahnen zischen vorbei, von der Autobahn weht ein Dauergrollen herüber.

Dabei sind wir doch mitten in der Natur. Wir sind zu einen Ortstermin mit Derk Ehlert verabredet, dem Naturexperten der Senatsverwaltung für Umwelt. Vom Bahnhof Grunewald sind wir keine 200 Meter gelaufen und schauen uns den Wald an: Wie geht es ihm nach den Hitzesommern 2018 und 2019?

Selbst Laien begreifen, dass etwas nicht stimmt. So sieht eigentlich kein Wald um diese Jahreszeit aus. Da steht diese etwa 30 Meter hohe Birke: Fast alle Äste sind kahl, nur an der Spitze streckt sich ein Trieb mit ein paar gelben Blättern in die Höhe. „Das sind die Folgen der Hitze“, sagt Ehlert. Aber der Baum sei noch nicht abgestorben, auch wenn er ziemlich übel aussieht. „Das Ganze ist ganz klar eine Folge der Trockenheit der vergangenen zwei Jahren“, sagt er. Die Region Berlin-Brandenburg war bundesweit nun mal von der Dauerhitze am stärksten betroffen.

Die letzten beiden Jahre waren geprägt von Dürren und Trockenheit, die dem Berliner Stadtwald signifikant zugesetzt haben.

Umwelt-Senatorin Regine Günther

Mittwochvormittag, knapp zehn Kilometer östlich in Berlin-Mitte. Regine Günther, die Umweltsenatorin von den Grünen, stellt den Waldzustandsbericht für 2019 vor, und ihre Botschaft ist klar: Dem Wald in Berlin geht es so schlecht wie noch nie – jedenfalls seit es Forstwirtschaft gibt und damit eine regelmäßige Beobachtung der Wälder. „Die Zahlen machen deutlich, wie dramatisch die Entwicklung ist“, sagt sie. „Die beiden Jahre waren geprägt von Dürren und Trockenheit, die dem Stadtwald signifikant zugesetzt haben.“

Günther zählt auf: Die Waldfläche mit Schäden hat sich gegenüber 2018 mehr als verdoppelt – von 15 auf 36 Prozent. „Nur noch jeder zehnte Baum ist ohne sichtbare Schäden“, sagt sie. Bei den Kiefern, die fast zwei Drittel des Berliner Waldes ausmachen, sind nur sieben Prozent nicht geschädigt, vorher waren es 24 Prozent. Bei den Eichen sank der Wert von 22 auf fünf Prozent. „Diese Bestandsaufnahme ist alarmierend“, sagt sie. „Die Folgen der Erderhitzung zeigen sich dieses Jahr in Berlins Wäldern dramatisch.“ Zwei Prozent der Bäume seien bereits gestorben. Das klingt wenig, ist aber zehn Mal mehr als im Jahr davor.

Günther kündigt an, dass dieses Jahr 335.000 Laubbäume gepflanzt werden. Sonst sind es 250.000. Im Vorjahr aber wurde kein neuer Baum gepflanzt; sie hätten wegen der Trockenheit keine Chance gehabt, anzuwachsen. Der Etat für das Personal im Forst und für die Waldpflege soll deutlich aufgestockt werden, von 20,6 Millionen auf 32 Millionen Euro. Es kommen 16 neue Stellen und vier Azubis dazu. „Wir sind in einer kritischen Lage“, sagt Günther. „Aber wir haben die Botschaft des Waldzustandsberichtes verstanden und versuchen, den Wald, diesen großen Schatz Berlins, zu bewahren.“

Mehr als ein Drittel des Waldes weist erhebliche Schäen auf. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Im Grunewald erzählt Derk Ehlert, dass Bäume grundsätzlich auch mit Trockenheit klarkommen. Das ist gut bei gefällten Bäumen zu sehen: In guten Jahren sind die Jahresringe dick, in schlechten sind sie dünn. Den bislang letzten großen Dürresommer gab es 2007. „Da brauchten die Wälder auch zwei Jahre, um sich davon zu erholen“, sagt er. Das Problem bei der aktuellen Hitze ist, dass nach dem Dürrejahr 2018 nicht etwa ein Regensommer folgte, auch kein Durchschnittssommer, sondern wieder Hitze.

Ehlert hat einen Vergleich für das Dilemma der Region. Der Westen Deutschlands ist vom maritimen Klima des Atlantiks geprägt, und so fallen etwa in Oldenburg 1070 Liter Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr. Im trockenen Kontinentalklima von Berlin sind es 570 Liter. Liegt der Wert unter 400 spricht man von Steppe. Im Jahr 2018 fielen in Tempelhof 375,9 Liter.

Weiter geht es in den Wald hinein, hier stehen auch Kiefern zwischen den Laubbäumen. Dicht gedrängt im Wald haben sie nur wenige Äste am langen Stamm, die Nadeln sind ganz oben, wo das Licht ist. „Das nennt man Schopfkrone – üblicherweise eine dichte Krone mit kräftig dunklen Nadeln“, sagt Ehlert, „so dicht, dass man nicht durchschauen kann.“ Die Kiefern hier sehen zerzaust aus, löchrig und licht und so zart benadelt, wie man es auf alten japanischen Zeichnungen sehen kann.

Erfindung der Nachhaltigkeit

Bäume wachsen, Bäume sterben. Oder sie werden gefällt – früher entwickelte sich das oft zu einem regelrechten Raubbau, der dafür sorgte, dass es etwa in Spanien, England, Nordamerika oder Griechenland riesige baumlose Regionen gibt. Um in Deutschland den Wald zu erhalten, erfand vor 300 Jahren der Sachse Carl von Carlowitz das Prinzip der Nachhaltigkeit: Jedes Jahr soll nicht mehr Holz gefällt werden, als in den zwölf Monaten nachgewachsen ist. Nun aber stirbt wieder Wald ab. Nicht durch Abgase der Industrie und der Autos wie vor 40 Jahren, sondern durch endlose Sommer.

Dazu kommt, dass der Regen vor zwei Jahrzehnten noch gleichmäßiger übers Jahr verteilt fiel. Es folgte eine Phase, in der es zwar nicht weniger Niederschlag gab. Aber die Sommer waren oft trocken, zum Ausgleich kam der Niederschlag dann im Winter und Frühjahr. „Dieses Mal wurde das Wasserdefizit nicht im Winter nicht ausgeglichen“, sagt Ehlert. Dieses Mal kam das Wetter auch nicht mehr wie meist vom Westen und brachte die typischen Sommergewitter. Das Wetter kam aus Südost und brachte monatelang nur Trockenheit und Hitze. Und der Wind sorgte dafür, das der wenige Regen auch ganz schnell verdunstete.

Ehlert zeigt nach rechts zu einer Rotbuche. „Wenn Hitze und Trockenheit zu lange anhalten, haben Bäume keine Erholungsphasen mehr.“ Auch dieser Baum ist 30 Meter hoch: Die Krone ist schütter, die neuen Triebe dieser Saison sind sehr dünn und kurz, und es ist nur wenig Laub da.

Bäume wehren sich gegen Trockenheit

Dafür hängen Unmengen schwarzer Früchte schwer an den Ästen. „Es sind etwa zwei Drittel mehr als in einem Durchschnittsjahr “, sagt der Fachmann. Das nenne sich „Mast“, weil sich Wildschweine daran laben. „So viele Früchte bilden die Bäume nicht, wenn es ihnen gut geht, sondern in Zeiten des Mangels. Dann wollen sie sich noch mal vermehren.“

Gegen Trockenheit wehren sich Bäume selbst auch ganz aktiv: Sie werfen alte Äste ab und bilden kleine Blätter. Anfang der Woche gab das Bundesagrarministerium bekannt, dass in den vergangenen zwei Jahren deutschlandweit 105 Millionen Kubikmeter Schadholz durch Hitze und Käferfraß anfielen. Allein in Brandenburg stieg der Wert von 400.000 auf sieben Millionen Kubikmeter.

Dort ist das Problem, dass auf 70 Prozent der Waldfläche nur Kiefern stehen. Oft ist es eigentlich gar kein klassischer Wald, also kein natürlich gewachsener Gesamtorganismus, sondern eine gezielte Pflanzung des Menschen – ein Forst.

In Brandenburg dominieren noch immer dunkle Kiefernwälder, die aussehen wie Armeen – als stünden Tausende Soldaten in Reih und Glied. Bei leichtem Regen bleibt fast das gesamte Wasser an ihren Nadeln hängen. So gut wie nichts gelangt an die Wurzeln oder gar in die Grundwasserspeicher. Die Bäume leiden.

Wenn Käfer zur Plage werden

Seit Jahren wird der Wald gezielt zu widerstandsfähigeren Mischwäldern umgebaut. Mischung ist wichtig. Denn wenn zum Beispiel Borkenkäfer einen Nadelwald befallen, finden sie – so wie derzeit im Harz – endlos Futter, werden zur Plage und hinterlassen eine kahle Landschaft. Aber in einem gut gemischten Wald, in dem die Bäume nicht zu eng beieinander stehen, ist es für Schädlinge schwieriger, zum nächsten Baum zu gelangen.

In Berlin sieht es mit der Mischung schon etwas besser aus als in Brandenburg. Früher standen auch hier 70 Prozent Kiefern, nun sind es 60. Überall werden Laubbäume unter die Kiefern gepflanzt, die dann irgendwann die alten Bäume ersetzen werden.

Der Wald in Grunewald ist bunt gemischt. Es gibt Kiefern und Birken, Buchen und Eichen. Berlins Wälder tragen das FSC-Siegel, die höchste Kategorie der nachhaltigen Waldwirtschaft. Der Vorteil der Berliner Wälder ist, dass sie laut Gesetz vor allem der Erholung dienen sollen und nicht der Forstwirtschaft.

"Es fehlt der Vergleich"

In diesem Wald ist es feucht, es riecht satt nach Erde und Pilzen. Kaum zu glauben, dass hier Bäume leiden. „Ein geschwächter Baum ist anfälliger für Krankheiten“, sagt Ehlert. „Das ist wie beim Menschen: Wer erkältet ist, kann leichter eine Lungenentzündung bekommen.“ Bei einem gesunden Baum fällt es den Krankheiten, Pilzen oder Käfern schwerer, einzudringen.

Und wie lange hält ein Wald das aus? „Wir wissen es einfach nicht“, sagt Ehlert. „Solch extremes Wetter gleich zwei Jahre hintereinander gab es noch nicht. Es fehlt der Vergleich.“

Er zeigt auf eine Eiche. „Die hat erhebliche Schäden durch den Trockenstress: abgestorbene Äste, kurze Triebe, kleine Blätter.“ Das sind vor allem Folgen des Jahres 2018. Denn Blätter, Triebe und Blüten wachsen nicht erst im Frühling, wenn die Natur erwacht. Bereits im Herbst davor werden sie im Baum angelegt, bevor der Baum sein Laub abwirft.

Das heißt: Die Hitze des Sommers 2019 wird auch im nächsten Jahr für Problem sorgen. Selbst wenn der Hundertjährige Kalender einen kühlen und feuchten Sommer verspricht. Aber gilt dieser Kalender noch in Zeiten des Klimawandels?

Ehlert schaut zur Eiche. „Jetzt gilt es für die Bäume zu überleben. Denn Wälder kann man nicht gießen.“