Berlin - Er hat wieder alle überrascht. David Bowie, der Meister der Verwandlung, hat am Dienstag nach neun Jahren Stille unangekündigt seinen neuen Song „Where Are We Now“ veröffentlicht. Der Song ist ein ruhiger, nostalgisch anmutender Rückblick auf die sagenumwobene Zeit, die Bowie Ende der 70er- Jahre in West-Berlin verbrachte. Diese Zeit ist mit dem Song auf einen Schlag wieder in den Mittelpunkt des popmusikalischen Interesses gerückt, denn er handelt von Bowies Jahren in der geteilten Stadt.

Kokain-Missbrauch eindämmen

Für Thilo Schmied, der die Fritz Musictours Berlin veranstaltet, ist der neue Bowie-Song ein Geschenk. Vor mehr als acht Jahren hat der gelernte Toningenieur angefangen, Touren an Orte in der Stadt anzubieten, an denen popmusik-historische Ereignisse stattfanden. Schon von Anfang an kamen Touristen, die ein verstärktes Interesse an den Geschichten und Orten rund um David Bowies Berliner Zeit hatten. Dies dürfte sich durch die Single „Where Are We Now“ nun potenzieren.

Freitagvormittag in der Köthener Straße in Kreuzberg in der Nähe des Potsdamer Platzes: Heute hat Schmied, der häufig 30 musikinteressierte Touristen herumführt, eine recht kleine Gruppe. Tony, Ben und Gub kommen aus London. Sie entwickeln zurzeit eine TV-Serie, die den Berlin-Aufenthalt Bowies zur Grundlage hat. Von Schmieds Music-Tour haben sie in einem Artikel im Guardian gelesen. Da sie ausschließlich an Bowie interessiert sind, werden die üblichen anderen Stationen der Tour weggelassen. Dafür widmet Schmied einen Großteil des Rundgangs den Hansa Studios in der Köthener, wo Bowie unter anderem seine Berlin-Hymne „Heroes“ aufnahm.

Im Spätsommer 1976 zog Bowie zunächst ins Schlosshotel Grunewald, später nach Schöneberg in die Hauptstraße. Im Frühjahr 1978 ging „The Thin White Duke“ in die Schweiz. Die anderthalb Berlin-Jahre werden von Musikkritikern häufig als Bowies künstlerisch aufregendste Zeit bezeichnet wird. Eigentlich wollte der damals schon weltberühmte Sänger in der West-Berliner Enklave seinen Kokain-Missbrauch eindämmen, musste aber bald feststellen, dass diese Stadt der absolut falsche Ort für so ein Unterfangen war. Dennoch entstanden die Alben „Low“ und „Heroes“, sowie die Songs für das Album „Lodger“, das in Montreux aufgenommen wurde. Zudem produzierte Bowie, ebenfalls in den Hansa Studios, „The Idiot“ und „Lust for Life“ von Iggy Pop, der mit ihm zusammen nach Berlin gezogen war.

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Ben will wissen, wie der neue Bowie-Song in Berlin angekommen ist. „Es ist natürlich eine große Ehre, denn er hätte ja über alles Mögliche singen können“, sagt Schmied. „Dass er nach so vielen Jahren Abwesenheit von der Öffentlichkeit überraschend diesen Song bringt, zeigt, wie wichtig diese Zeit für ihn immer noch ist.“ Besonders die Melancholie, die Wehmütigkeit, die den Song charakterisiert, findet der 39-Jährige ansprechend. „Es ist wahrhaftiger, als wenn er einen Hurra-Berlin-Song veröffentlicht hätte.“

Berühmter Schreibfehler

Bowies ehemalige Wohnung ist einer der zentralen Besichtigungsorte auf jeder von Schmieds Touren. Heute natürlich ganz besonders, wobei es vor dem Haus in der Hauptstraße 155 in Schöneberg nicht viel zu sehen gibt. Da es kalt und regnerisch ist, bleibt die kleine Gruppe im Bus, während Schmied über den Ort referiert. In der Wohnung, erklärt er den britischen Bowie-Fans, wohne seit Jahren eine arabisch-stämmige Familie, die keinen Bezug zu der Musik habe. Vor allem im Sommer fänden sich gewöhnlich angereiste Bowie-Fans vor dem Haus ein, um vom Geist des Ortes erfüllt zu werden.

Die Tour führt unter anderem am ehemaligen Club Dschungel in der Nürnberger Straße vorbei, in dem Bowie und Pop regelmäßig zu Gast waren, der heute ein Blumenladen ist und von Bowie im neuen Song besungen wird. Auch am Reichstag geht es entlang, wo der Sänger 1987 ein Konzert gab und seine Fans im Ostteil der Stadt grüßte, die auf der anderen Seite der Mauer der Musik lauschten. Nach drei Stunden endet die Fahrt vor dem ehemaligen Restaurant „Exil“ am Paul-Linke-Ufer, laut Schmied Lieblingsrestaurant des Stars. Auf der anderen Seite des Kanals, erklärt er seiner kleinen Reisegruppe, liegt Neukölln.

Diesem Viertel hat Bowie auf dem Album „Heroes“ den Song „Neuköln“ gewidmet. Ein Schreibfehler, der eine Parallele zu dem neuen Song hat. Im Video werden einige Textpassagen eingeblendet. In einer heißt es er wolle den Zug nehmen: Am „Potzdamer Platz“.

Fritz Musictours Berlin, regulär jeden Sonnabend 12.30 Uhr vor dem Adlon, 19 Euro, Sonderführungen auf Anfrage: www.musictours-berlin.de

Feeling Gloomy Bowie Walk und Party, 2. 2., 14 und 23 Uhr, Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, 5 Euro