Rüdersdorf - Es war wie in einem schlechten Film: Als Rainer Buchwald an jenem Februarmorgen 1967 um 5.30 Uhr in Berlin-Friedrichshain bei seinem Schulfreund aus dem Schlaf gerissen wurde, standen zwei Männer in Ledermänteln und zwei Uniformierte vor ihm. Buchwald war damals 16 Jahre alt. Er wurde gepackt und zur Polizei gebracht. Am nächsten Tag schon fand er sich auf einem Laster wieder. Zusammen mit fünf anderen Jugendlichen wurde er wie ein Schwerverbrecher in das Arbeits- und Erziehungslager nach Rüdersdorf gebracht. Zwei Polizisten mit Kalaschnikows bewachten den Transport.

Buchwald spürte am Ziel der Fahrt den Lauf der Maschinenpistole im Rücken, hörte, wie die Kalaschnikow entsichert wurde. Er kann sich heute noch an die Angst erinnern, die ihm die Kehle zuschnürte. Die Panik, erschossen zu werden. Dann wurde er in Richtung Baracke geschubst. „Ich wusste nicht, was passiert. Ich wusste nicht, was ich gemacht haben soll“, erzählt der 64-Jährige. Bei der Erinnerung muss Buchwald noch immer gegen die Tränen ankämpfen.

Dass es Jugendwerkhöfe und Spezialkinderheime in der DDR gab, ist bekannt. Doch das Lager in Rüdersdorf (Märkisch-Oderland) ist eine bisher unerforschte Einrichtung. „Es war selbst für DDR-Verhältnisse illegal“, sagt der Politikwissenschaftler Christian Sachse. Es gab keine Beschlüsse für die Unterbringung und keine Gerichtsurteile. Unklar war, wer die Verantwortung trug, die Jugendhilfe oder das Ministerium des Innern der DDR. Sachse hat zusammen mit Rainer Buchwald nun eine Studie über das Lager in Rüdersdorf geschrieben, die sie bei der derzeit stattfindenden Buchmesse in Leipzig vorstellen.

Lange Haare und Westmusik

„Das illegale Arbeits und Erziehungslager 1966/1967 in Rüdersdorf“, so der Untertitel der Studie, bestand nur ein knappes Jahr. Laut Sachse war die Unterbringung dort als „Warnschuss“ für aufmüpfige Jugendliche vor allem aus Ost-Berlin gedacht, die sich die Haare lang wachsen ließen oder Westmusik hörten. So, wie Rainer Buchwald, der zudem noch eine missglückte Anwerbung durch die Stasi öffentlich gemacht hatte. „Die Staatsmacht wollte schockieren, sie wollte solche Jugendlichen wegschaffen, wenn sie auftauchten“, sagt Sachse.

Das Erziehungslager in Rüdersdorf war vor allem eines: Ausdruck der völligen Abkehr von der Öffnung der DDR, die sich Anfang der 1960er-Jahre vollzogen hatte. „In der FDJ gab es eine Lockerungsphase“, erzählt Sachse. Zahlreiche Beatbands wurden erlaubt. Doch der Sturz Chruschtschows 1964 in der Sowjetunion und das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965 bedeutete eine Zäsur. Die Jugend sollte ideologisch auf Kurs gebracht werden.

Im Oktober 1965 verkündete Erich Honecker den sogenannten Rowdy-Beschluss. Danach sollten „das Eindringen westlicher Dekadenz“ in FDJ-Clubs und Jugendgruppen verhindert werden. Bands wurden verboten, Menschen, die Westmusik hörten, in Arbeitslager gesteckt. In diese Zeit ordnet sich die Entstehung des Arbeits- und Erziehungslagers Rüdersdorf ein. „In Berlin wollte man so ein Lager nicht haben, in dem Jugendliche bis zu acht Wochen hart arbeiten mussten,“, sagt der Politikwissenschaftler Sachse.

Rainer Buchwald erinnert sich, dass er und die anderen Neuankömmlinge sich bei ihrer Ankunft in Rüdersdorf nackt ausziehen mussten. Dann wurde ihnen eine Glatze geschoren. „Schon diese Prozedur war für die Jugendlichen eine Demütigung“, sagt Christian Sachse. Schließlich erhielten die Internierten Anstaltskleidung. Am Tag mussten sie schwere Arbeiten verrichten, etwa die erst vor kurzem abgeschalteten und noch überaus heißen Drehrohröfen des Zementwerks räumen oder im Steinbruch schuften. „Wir haben auch 20-Tonner mit Kalkstein beladen – mit bloßen Händen“, erzählt Buchwald. Es waren Tätigkeiten, zu denen kein „normaler“ Arbeiter herangezogen wurde. „Die Wärter waren überall dabei, sie haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie bei Flucht von der Schusswaffe Gebrauch machen würden“, sagt Buchwald.

Nachts schliefen die Insassen des Lagers zu zwölft in einem Raum, der verschlossen war. Zu dieser Zeit diente ein Kübel ohne Sichtschutz als Toilette. Im Waschraum gab es nur kaltes Wasser. „Die Jugendlichen sollten das Gefühl des völligen Ausgeliefertsein erfahren“, sagt Christian Sachse.

„Mein Leben wurde versaut“

Nach acht Wochen Lager bekam Rainer Buchwald eine Fahrkarte nach Berlin in die Hand gedrückt und wurde entlassen. Nicht, ohne sich vorher schriftlich verpflichten zu müssen, über das Erlebte zu schweigen. „Mein ganzes Leben ist damals versaut worden“, sagt er rückblickend. Buchwald hat seine Ausbildung, die er im Betonwerk e begonnen hatte, nach dem Lager nicht beendet. Er kam später wegen Staatsverleumdung und angeblicher Republikflucht in Haft. Als Schmied hatte er nach eigenen Worten von 1977 bis 1989 Ruhe vor der Staatsmacht.

Seit der Wende setzt sich Buchwald für die Belange von Opfern ein, die Ähnliches durchgemacht haben wie er. „Ich kann nicht anders, auch wenn meine Frau immer wieder zu mir sagt, mach’ doch mal was anderes.“ Christian Sachse erzählt, dass zehn bis 30 Prozent der damals Inhaftierten traumatisiert seien. „Sie sind für ihr Leben gezeichnet, haben soziale Störungen, Ängste und Einschränkungen im Arbeitsleben.“ Hinzu kämen unglaubliche Verdienstausfälle.

Rainer Buchwald ist heute rehabilitiert. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und Vize-Chef des Vereins „Kindergefängnis Bad Freienwalde“ und der Interessengemeinschaft ehemaliger Heimkinder Ost. Auf seinem linken Handrücken ist ein Tätowierung zu sehen, die ein weinendes Herz darstellen soll. Buchwald hat sie seit seiner Entlassung aus Rüdersdorf. Ebenso wie den Schriftzug: „Hab mich lieb“, der eine Sehnsucht auszudrücken scheint. „Ich war 16“, sagt Buchwald nur.