Gerlinde Breithaupt hat es aus Liebe getan. Für ihren Mann Joachim ist sie aus dem Westen in den Osten gegangen. Während sich in den Jahren des Kalten Kriegs der Hauptstrom der Grenzgänger von Ost nach West, von der DDR in die Bundesrepublik auf den Weg macht, wählt sie aus freien Stücken die andere Richtung. Schicksale wie das von Gerlinde Breithaupt sind ein kaum bekanntes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte. An sie erinnert jetzt die Ausstellung „Wechselseitig“, die in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde eröffnet wurde.

Gerlinde Breithaupt, die damals noch Schnübbe heißt, wird im Herbst 1981 in den Rat des Kreises Sangerhausen im Südharz bestellt. Die junge Vikarin kann ihren DDR-Personalausweis abholen. Mit ihm wird ihr auch ein kleines Büchlein überreicht – die Verfassung des Landes, deren Staatsbürgerin sie nun ist. Diese politische „Begleitung“ findet die in Hannover geborene Theologin absurd. Sie hat ausschließlich private Gründe für die Entscheidung, in der DDR zu leben. Aber bis zum Ende dieses Staates traut ihr die Stasi nicht.

Lebensweg von Karin Balzer

Die Genossen wollen die Geschichte nicht glauben, dass die Theologiestudentin aus reiner Neugier 1977 nach Erfurt, in die Geburtsstadt ihres Vaters, reist, dort Joachim Breithaupt kennenlernt, der ebenfalls Theologie studiert. Die Stasi glaubt nicht, dass sich beide verlieben und einfach nur zusammen leben wollen. Bis zum Ende der DDR wird das Ehepaar von der Stasi immer wieder zu Gesprächen geladen, ihm werden provokativ dubiose Devisengeschäfte angeboten, ihr Telefon wird abgehört.

Zwanzig Lebensgeschichten erzählt die Ausstellung in Marienfelde. Sie handeln von weitgehend problemloser Eingliederung, ganz normalem Alltag, aber auch von Spionage, ständigem Misstrauen und Bespitzelung. Einige Geschichten sind schon oft erzählt, wie die des Pierre Boom. Der Sohn des DDR-Topspions Günter Guillaume ist in der Schau gleich mehrfach präsent: auf einer eigenen Schautafel und in Video-Interviews.

Einigermaßen überraschend ist dagegen die Begegnung mit Karin Balzer, die auch zur Eröffnung anwesend war. Dass die heute 78-Jährige als Hürdensprinterin für die DDR 1964 in Tokio Gold holte, ist weithin bekannt. Weniger schon, dass sie 1958, zwanzigjährig, mit ihrem Ehemann in die Bundesrepublik geflohen war. Nach nur zwei Monaten kehrte Karin Balzer zurück. Das geschah nicht etwa reumütig, sondern aus Sorge um das Schicksal ihrer in der DDR gebliebenen Angehörigen. Sie fürchtete Repressionen.

Erhellend ist auch, was Eva Fuchslocher und Michael Schäbitz in dem lesenswerten Begleitband zur Ausstellung schreiben: „Nur eine Minderheit ging aus politischer Überzeugung in die DDR. Die meisten Übersiedler kehrten zurück zu ihren Familien und Freunden, hatten sich verliebt, flohen vor Strafverfolgung, folgten dem Ruf der Kirchen, suchten Arbeit, ein besseres Leben oder einen persönlichen Neuanfang.“

Misstrauisch beäugt

Die Beweggründe über eine Übersiedlung von West nach Ost wandelten sich. Bis 1953 kamen insgesamt 25 000 Menschen in der Hoffnung auf ökonomische und soziale Sicherheit. Das Recht auf Arbeit und Wohnraum standen schließlich in der Verfassung. Nach 1953 warb die DDR dann gezielt Wissenschaftler, Künstler und Facharbeiter an. Sie lockte mit schönen Wohnungen, günstigen Krediten und auch mit der Rückgabe von Eigentum. In den folgenden Jahren ließen sich immerhin 70 000 Menschen überzeugen. Doch um 1960 gewann die allgegenwärtige Paranoia Oberhand, auch was die Übersiedler betraf. Vor allem nach dem Mauerbau wurden die wenigen misstrauisch beäugt, die sich jetzt noch für die DDR als Lebensort entschieden. Es waren jährlich knapp tausend Menschen.

Ein ganzer Raum ist Spionen gewidmet, die die DDR nach ihrer Enttarnung zurückholte. Auch eine West-Ost-Migration, wenn man so will. Die Guillaumes sind der bekannteste Fall, in Marienfelde werden noch andere ausführlich geschildert. Deshalb muss eine Fehlstelle kritisch benannt werden. Auch die Bundesrepublik hat ihre Spione in der DDR platziert – von West nach Ost. Aber in dieses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte fällt in der Ausstellung kein Licht.

Ausstellung „Wechselseitig“: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66/80, Di bis So, 10–18 Uhr, Eintritt frei, Führungen sonntags 15 Uhr, dafür Eintritt 2,50 Euro.