DDR-Erinnerungen: Begrüßungsgeld gab ich für Herzenswunsch

100 West-Mark schenkte die BRD jedem Ostdeutschen. Welche Herzenswünsche sie sich in der Wendezeit damit erfüllten – daran erinnert eine Ausstellung.

Das Spielzeug-Pony ließ Kinderherzen vor Freude heftig klopfen: in der Fotoausstellung „Begrüßungsgeld“ in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg.
Das Spielzeug-Pony ließ Kinderherzen vor Freude heftig klopfen: in der Fotoausstellung „Begrüßungsgeld“ in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg.Sophie Kirchner

Ein Messer, ein Lederrock, eine Handtasche und das Plastikpony mit schwungvollem rosa-hellblauem Schweif: Hier handelt es sich um Herzenswünsche, die sich DDR-Bürgerinnen und -Bürger nach dem Mauerfall am 9. November 1989 erfüllten. Mithilfe der 100 Mark Westgeld, die ihnen der westdeutsche Staat bis zum 31. Dezember 1989 spendierte. Fotografin Sophie Kirchner zeigt die Gegenstände in ihrer Ausstellung „Wünsch Dir was“ (Museum in der Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg). Beim Fotografieren sprach sie mit den – auch nach über drei Jahrzehnten immer noch – glücklichen Besitzerinnen und Besitzern.

Wie Stefanie Fiedler aus Magdeburg, die sich damals als Fünfjährige intensiv das Spielzeug-Pony wünschte. Sophie Kirchner erfuhr von ihr, „wie überglücklich sie war, als es ihr die Eltern kauften“. Ein Gefühl, das die in Berlin-Treptow aufgewachsene Fotografin gut nachvollziehen kann. Schließlich war sie damals genauso alt und völlig überwältigt von der üppigen farbintensiven Warenwelt des Westens. „Es war wie ein Rausch, all diese Fülle zu sehen.“

Per Zeitungsanzeige suchte Sophie Kirchner ihre Protagonisten. „Viele meldeten sich, ich war überrascht.“ Bis auf das Pony fürs Kind sind die Erwerbungen vorwiegend praktische Alltagsgegenstände, die auch heute noch regelmäßig ihre Dienste tun: Christian Elsner aus Oranienburg kaufte sich eine Zange – mit zwiespältigen Gefühlen. „Ich habe mir etwas Zeit gelassen mit dem Geld-Abholen und -Ausgeben. Ich empfand es als beschämend, mich sofort mit allen in die Schlangen zu stellen.“ Bei Frauen stand Modisches hoch im Kurs, Lederrock, Handtasche – was zum Hübschmachen.

Die glücklichen Besitzer schauen heute entspannt in die Kamera, Zufriedenheit und ihre guten Gefühle kommen beim Betrachter rüber. „Sie berichteten gerne und ausführlich von der Wendezeit und den persönlichen Veränderungen, die sie erfuhren.“ Dabei waren diese nicht immer positiv, Arbeitsplatzverlust, wirtschaftliche und seelische Verluste gingen mit der gesellschaftlichen Veränderung einher.

Die Wunden der Wende

Mit den Erinnerungen der Ostdeutschen will Sophie Kirchner „Zeitgeschichte aus dem Land, aus dem ich komme, erzählen. Für die Erfahrungen durch Abwicklung und Entwertung der DDR gibt es viel Raum.“ Die Wunden der Wende lassen sich mit Geschenken und Aufmerksamkeit nicht heilen. Was damals geschehen sei, spalte die Menschen in zwei Lager. „Die einen fühlen den Schmerz, die anderen nicht.“ Es gebe auch keine Veränderung über die Jahre. Das Geschehene sei genauso wie traumatische Kriegserlebnisse prägend für die Menschen. „Aber meine Arbeit entfaltet ihre Kraft in der seelischen Auseinandersetzung mit dieser Zeit.“

„Wünsch Dir was – Erinnerungen an das Begrüßungsgeld“ bis 19. Februar 2023 in der Kulturbrauerei, Knaackstr. 97 (Prenzlauer Berg), Eintritt frei