Erkner - Ein wenig privilegiert war Sigrid Maciaszek schon. Das muss die heute 78-Jährige zugeben. Sigrid Maciaszek war Architektin in der DDR. Anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, die in der Anonymität des Kollektivs verschwanden, war Sigrid Maciaszek bekannt. „Ich konnte in meinen Arbeiten schon eine gewisse Individualität einbringen“, sagt die Frau, die in Eisenhüttenstadt lebt.

Sigrid Maciaszek war unter anderem für den Bau des Stadtzentrums in Fürstenwalde und den Umbau Bernaus zuständig. Zwei- und dreigeschossige Neubauten ersetzten in Bernau in den 1980er-Jahren alte Häuser, auch Fachwerkhäuser, die dem Erdboden gleichgemacht worden waren. „Als wir anfingen, war schon alles abgerissen. Es sollte was ganz Neues entstehen. Aber wir waren an die Plattenbauweise gebunden“, sagt sie. Doch habe man für die Stadt nicht die traditionelle Bauweise, wie etwa in Marzahn, genutzt, sondern eine spezielle Variante entwickelt.

„Sigrid Maciaszek war eine der wenigen erfolgreichen Architektinnen in der DDR“, sagt der Historiker Harald Engler vom Leibniz Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner (Oder-Spree). Das sei beachtlich. 26 Prozent der Mitglieder des Bundes der Architekten der DDR seien Frauen gewesen. Zudem hätten die meisten Architekten bei großen Bauvorhaben relativ anonym in Entwicklungs- und Planungskollektiven gearbeitet. So, sagt Engler, sei eine Architektur ohne Architekten entstanden.

Der 50-jährige Geschichtswissenschaftler hat sich intensiv mit der DDR-Architektur befasst. Engler will die Städtebauer von einst aus ihrer Anonymität herausreißen, die Planer rehabilitieren, „ohne sie schönzuzeichnen“, wie der Mann aus dem Schwarzwald sagt. Schließlich seien sie Teil der deutschen Kulturgeschichte. Engler und seine Kollegen sind dabei, eine Datenbank zur DDR-Architektur zu erstellen. Die soll bis zum Herbst fertig sein und zu einer differenzierten Aufarbeitung der ostdeutschen Baugeschichte beitragen. „Wir wollen auch dem Vorurteil entgegentreten, dass es in der DDR nur Plattenbauten gegeben hat“, sagt Engler.

Im Archiv des Leibniz-Instituts in Erkner lagert ein für Deutschland einmaliger Schatz. „30.000 bis 40.000 Fotos und einige Hunderttausend Dias, zahlreiche Pläne und Skizzen, die das gesamte Baugeschehen der DDR dokumentieren“, erläutert Alexander Obeth, der wissenschaftliche Dokumentar. Alles soll im Internet abrufbar sein. 60 Nachlässe müssen die Mitarbeiter sichten. Zudem werden 7 000 Anträge für die Aufnahme in den Bund der Architekten der DDR digitalisiert. Das sind 7 000 Kurzbiografien samt Fotos der ostdeutschen Stadtplaner. Nur aus dem einstigen Bezirk Dresden fehlten Unterlagen, die seien bei der Jahrhundertflut vernichtet worden, sagt Harald Engler.

„Möbel-Baukastensystem ähnlich wie Ikea“

Drei Millionen Wohnungen sollten in der DDR bis 1990 gebaut werden. Nur die Hälfte wurde realisiert. In Plattenbauweise. Dafür verfielen viele Innenstädte, weil Handwerker fehlten. Der erste Plattenbau auf der grünen Wiese entstand 1973 in Neubrandenburg. „Die Platte war billig, schnell zu bauen, sie sollte zum Anfang absolut modern sein“, sagt Engler. Daher entwarf der Architekt Wilfried Stallknecht mit seinem Plattenbautyp P2 ein Gebäude, in dem Innenwände nach Wunsch verschoben werden konnten. „Das Möbelwerk Hellerau sollte für diesen Wohnungstyp ein Möbel-Baukastensystem entwickeln, ähnlich wie Ikea“, so Engler. Alles wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. „Der sozialistische Wohnkomplex als Idealmodell war schon toll, vor allem mit den variablen Wohnideen“, sagt der Historiker. Doch das war dann nicht mehr gewollt. „Platte hieß dann nur noch Masse.“

Doch es gab in der DDR auch spektakuläre Bauwerke mit speziellem Charme. Ihre Architekten waren nicht ganz unbekannt: Ulrich Müther zum Beispiel entwarf die Großgaststätten Teepott in Warnemünde und Ahornblatt in Berlin. Das Ahornblatt wurde 2000 trotz Denkmalschutzes und zahlreicher Proteste für einen Hotelbau abgerissen. „DDR-Architektur war nach der Wende nicht geschätzt, sie wurde denunziert“, sagt Engler. Dabei hatte sich Müther auch international einen Namen gemacht. Er baute auf Kuba, in Libyen und Jordanien. Für Wolfsburg entwarf er das Planetarium. Im Gegenzug wurden der DDR einige Tausend Fahrzeuge der Marke VW Golf geliefert.

Zahlreiche Architekten suchten ihr Glück auch in Westdeutschland , ihre Werke wurden deswegen totgeschwiegen. Egon Hartmann gehörte dazu. Hartmann hatte den Wettbewerb um die Stalinallee gewonnen und in Erfurt ein Gebäude errichtet, in dem noch heute der Landtag sitzt. In den 1950er-Jahren floh er in die Bundesrepublik und setzte seine Laufbahn in Mainz und Perlach fort.

Von Otto Bogatzky stammt der Intarsienentwurf der Stalinallee von 1956, dessen Original im Magistratssaal des Roten Rathauses hängt. Bogatzky verließ 1958 die DDR, wurde seitdem nicht mehr erwähnt. „Sein Sohn Hans Erich Bogatzky baute das Staatsratsgebäude und das Interhotel Stadt Berlin“, erzählt Engler.

Vor Kurzem erst hat das Institut den Nachlass des Architekten Werner Rösler erhalten. Er umfasst 15 Mappen mit Entwürfen etwa zum Palast der Republik und Überlegungen, die der Stadtplaner auf Transparentpapier gebracht hat. Auch zu Bernau hatte sich Rösler Gedanken gemacht. Die Stadt mit den „150 bis 200 Jahre alten Fachwerkhäusern“ sei eigentlich nichts als ein Handwerkerproblem. Und was ist daraus geworden, fragt Rösler resigniert eine Seite weiter. Die Häuser wurden einfach abgerissen.