DDR-Polizeigefängnis Keibelstraße: Grüne drängen auf ein umfassendes Konzept, die Linke bremst

Für DDR-Bürger war es ein Ort der Angst. Niemand wollte im neunstöckigen Gefängnisbau des Volkspolizeipräsidiums in der Nähe des Alexanderplatzes landen. Doch oft war das Gefängnis mit seinen über 140 Zellen sogar überbelegt mit Menschen, die „zur Klärung eines Sachverhaltes“ dort festgehalten wurden. Viele Kriminelle saßen ein, aber auch politische Häftlinge oder langhaarige Straßenmusikanten, die einfach mal so von der Polizei mitgenommen wurde. Auch Toni Krahl, später Sänger der Band City, war hier inhaftiert, weil er 1968 gegen Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag protestiert hatte.

Seit einigen Jahren nun schon hat die Senatsbildungsverwaltung im früheren Polizeipräsidium ihren Sitz. Und es gibt Pläne, im angrenzenden Gefängnis Keibelstraße einen historischen Lernort für Schüler einzurichten. Das geht Opferverbänden nicht weit genug, und erst recht nicht dem Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe. Er fordert, das Untersuchungsgefängnis als Gedenkstätte generell für alle interessierten Besucher zu öffnen.

Die mitregierenden Grünen wollen das Gefängnis ebenfalls für alle Besucher öffnen. Nach der Debatte um den Stasi-belasteten Kurzzeit-Staatssekretär Andrej Holm, den die Linke berufen hatte, besinnen sie sich zudem wieder mehr auf ihre bürgerbewegte Tradition. Am Donnerstagmorgen besichtigten die beiden Fraktionsvorsitzenden Silke Gebel und Antje Kapek sowie der DDR-erfahrene Abgeordnete Andreas Otto das ehemalige Polizeigefängnis. „Die Grünen sehen sich auch wegen ihrer ostdeutschen Vorgängerpartei Bündnis 90 als Motor für die erweiterte Aufarbeitung der gesamten DDR-Diktatur“, hieß es vorher.

Durchbruch erfolgt

Dunkel und staubig ist es, wenn man das Polizeigefängnis betritt. Der Blick geht nach oben, wo sich alle Zellen zum überdachten Innenhof öffnen, umrandet nur von schmalen Gängen. Mit diesem Panoptikumsbau hatten die Wärter bestmögliche Übersicht.

Regina Ultze ist Referatsleiterin und zuständig für politische Bildung. Sie erklärt, dass zunächst das erste Stockwerk als begehbarer Lernort dienen soll. Dafür hat die Leipziger Agentur Kocmoc eigens ein Konzept erstellt, was in den einzelnen Zellen dargestellt werden soll und wie die Bedeutung des Ortes vermittelt werden kann. Alle anderen, höher gelegenen Zellentrakte sollen nicht öffentlich sein. In erster Linie aus Geldmangel und Sicherheitsgründen.

Noch sind auch im ersten Geschoss die Zellen staubig, unterschiedlich bemalt und eingerichtet. Selbst die Zellentüren sind nicht mehr im Originalzustand, sondern wurden für Filmaufnahmen hergerichtet. Szenen aus „Das Leben der Anderen“ wurden hier gedreht, Musikvideos der Rapperin Sabrina Setlur oder Hollywood-Filme. Das eingenommene Geld ging an die Landeskasse. Gemietet hat die Verwaltung den Bau von der Berliner Immobiliengesellschaft, doch die bis Jahresmitte geplante Grundertüchtigung muss nun noch einmal bis Jahresende verschoben werden.

Immerhin gibt es in der ersten Etage einen ersten barrierefreien Durchbruch in das Gebäude der Bildungsverwaltung. Dort haben Mitarbeiter Räume freigemacht, die künftig von Schülern genutzt werden sollen. Sie sollen sich das Gefängnis ansehen und können dort dann Dinge aufschreiben und sich im Zweifel noch einmal in den historischen Bau begeben. „Hier wird Projektarbeit möglich, es können auch Präsentationen für den Mittleren Schulabschluss oder das Abitur vorbereitet werden“, sagt Regina Ultze. Das sei in Berlin sonst nirgendwo möglich, im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen gebe es ja vor allem Führungen. In der Keibelstraße sollen zudem Zeitzeugen mit Schülern sprechen.

Über die schmalen Treppen steigen die Grünen-Politiker dann Geschoss für Geschoss hinauf bis unters Dach. „Man muss schon schwindelfrei sein“, sagt Kapek.

Freigänger auf dem Dach

Aufgestützt auf die nicht allzu stabil wirkenden Geländer blickt man tief hinab in den Innenhof. Auch Fraktionschefin Gebel räumt ein, dass es nicht so einfach werde, dies alles für Besucher zu öffnen. „Gerade bei Jugendlichen muss es sicher und die Aufsichtspflicht gewährleistet sein“, sagt Regina Ultze von der Bildungsverwaltung.

Dann geht es weiter auf das Dach, wo sich früher einige Gefangenen für eine Stunde isoliert von Mitinsassen die Füße vertreten konnten. Heute stehen die Besucher unter einem provisorischen Dach abgestützt auf Holzbalken. Das soll das Originaldach vor Regen und Feuchtigkeit schützen. „Ein Dauerzustand ist das nicht“, sagt Andreas Otto. „Perspektivisch kann man ja nicht nur ein Stockwerk für die Besucher öffnen und alles andere so lassen, wie es ist.“ Auch Gebel und Kapek vermissen ein Gesamtkonzept.

Klar ist, dass eine denkmalgerechte Sanierung teuer wird. Bisher wollte die rot-rot-grüne Mehrheit im Abgeordnetenhaus dafür nicht viel Geld bereit stellen. Das mag auch daran liegen, dass es die mitregierenden Linken ungern sähen, wenn Gedenkstätten-Leiter Knabe seinen Einflussbereich auf das Gefängnis Keibelstraße ausweitet.