Ausgeschlagene Fenster, beschmierte Fassaden, verrammelte Eingangstüren – das leerstehende Haus der Statistik am Alexanderplatz bietet zurzeit ein Bild des Jammers. Doch das soll sich ändern. Die Fassade des Gebäude-Komplexes aus DDR-Zeiten soll nach Plänen der Berliner Architekten Claudia Euler und Jan Dilling (Büro de+ architekten) neu gestaltet werden. Sie haben sich in einem jetzt entschiedenen Wettbewerb als Sieger durchgesetzt.

Nach dem preisgekrönten Entwurf soll die Fassade fast komplett in Weiß erstrahlen – und sich stark am ursprünglichen Aussehen orientieren. Die Brüstungselemente aus Carbonbeton, einem Dämmkern und Leichtbeton verlaufen als breite Bänder um den Gebäude-Komplex.

Zudem soll vor dem Gebäude an der Otto-Braun-Straße ein begrünter Flachbau entstehen, der Flächen zum Treffen und Kommunizieren bietet, heißt es in einer Mitteilung der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM).

„Wir standen vor der Herausforderung, einerseits dem Haus der Statistik ein neues und modernes Gesicht zu verleihen, andererseits dafür Sorge zu tragen, dass sich das Gebäudeensemble nahtlos in das historische und für Berlin typische Stadtbild einfügt und die Zeichen der Vergangenheit nicht verwischt werden“, sagte BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss am Montag.

Viele Berliner seien mit dem Gebäude emotional verbunden. „Deshalb haben wir uns gemeinsam mit allen Beteiligten für einen Entwurf entschieden, der eine Rekonstruktion der alten Fassade mit modernen und gestalterisch wertvollen Elementen vorsieht.“

81 Beiträge eingereicht

Euler und Dilling haben sich mit ihrem Entwurf unter 14 Entwürfen durchgesetzt, die in die engere Wahl gekommen waren. Insgesamt waren 81 Wettbewerbsarbeiten eingegangen.

Die siegreichen Architekten erklärten: „Das Haus der Statistik bildet ein für das Zentrum Berlins einmaliges Gebäudeensemble, das aus bauhistorischer und geschichtlicher Sicht unbedingt erhalten werden muss.“ Vor diesem Hintergrund hätten sie „ein neues und in seiner Anmutung modernes Konzept entworfen, welches eindeutig sichtbar aus der heutigen Zeit stammt und neben der Nutzung auch mit der Ausbildung der Fassade zukunftsweisende Aspekte aufweisen“ solle.

„Der Fassadenwettbewerb ist aus unserer Sicht eines der wichtigsten öffentlichen Verfahren für eine zentrale Bauaufgabe, das in den letzten Jahren in Berlin ausgelobt wurde und wir freuen uns sehr, an der Wiederbelebung dieses einmaligen Bauwerkes mitwirken zu können“, so Claudia Euler und Jan Dilling.

Neugestaltung wird sich über Jahre hinziehen

Dort, wo einst rote Gestaltungselemente die ursprüngliche Fassade zierten, solle es noch einen Wettbewerb für Kunst am Bau geben, sagte Jury-Mitglied Claudia Lülling. Dadurch solle eine zeitgemäße Interpretation der Applikationen gefunden werden, die mittlerweile stark verblasst sind.

Die Neugestaltung wird sich jedoch noch über Jahre hinziehen. Nach derzeitigem Stand ist der Rückbau der alten Fassade und der anschließende Aufbau der neuen Elemente erst ab dem Jahr 2022 geplant. Mitte 2023 soll die neue Fassade fertig sein.

Dass es so lange dauert, begründet BIM-Chef Lemiss unter anderem damit, dass sowohl die Planung als auch die Ausführung der Arbeiten ausgeschrieben werden müssten. Das dauere jeweils acht Monate, also zusammen fast anderthalb Jahre.

„Berlin kann auch schnell“

Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) hat mit der Zeitplanung kein Problem. Das bisherige Verfahren zeige: „Berlin kann auch schnell“, sagte er am Montag. Dem Finanzsenator sei es schließlich erst voriges Jahr gelungen, dem Bund den Komplex zu „entreißen“. Insofern sei es „ein enormes Tempo“, dass es jetzt schon ein Ergebnis für die Renovierung des Gebäudes gebe.

Das Haus der Statistik wurde nach Plänen des Architektenkollektivs Manfred Hörner, Peter Senf und Joachim Härter von 1968 bis 1970 errichtet und beherbergte die Zentralverwaltung für Statistik der DDR. Die Mitarbeiter ermittelten unter anderem die Produktionsergebnisse der volkseigenen Betriebe. Im Erdgeschoss gab es zwei Gaststätten sowie mit der „Suhler Jagdhütte“ ein Geschäft für Jagd- und Anglerbedarf. Außerdem bot ein Laden Produkte aus der Sowjetunion an.

Nach der Wiedervereinigung zog die Berliner Außenstelle des Bundesamtes für Statistik sowie die Stasi-Unterlagenbehörde in die Räume ein. Beide Behörden verließen den Komplex im Jahr 2008. Seitdem steht die riesige Immobilie leer.
Im Jahr 2017 erwarb das Land Berlin das Ensemble im Rahmen des Hauptstadtfinanzierungsvertrages vom Bund.

Ziel des rot-rot-grünen Senats ist es, den Komplex „als Ort für Verwaltung sowie Kultur, Bildung, Soziales und Wohnen zu entwickeln“, heißt es im Koalitionsvertrag. Das Projekt soll dabei Modellcharakter haben, wobei eine „breite Mitwirkung der Stadtgesellschaft“ geplant ist.

Neben der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), die mindestens 300 Wohnungen bauen will, und der BIM sowie dem Bezirk Mitte gehört die Initiative Haus der Statistik zu den Akteuren des Projekts. Das Ensemble des Hauses der Statistik besteht aus einem elfgeschossigen Kopfbau an der Karl-Marx-Allee, einem neungeschossigen 120 Meter langen Hochhausriegel entlang der Otto-Braun-Straße sowie einem zwölfgeschossigen Abschlussgebäude. Die drei Flachbauten, die jetzt noch zu dem Ensemble gehören, sollen abgerissen werden.

Wohnraum für Geflüchtete

Die Initiative Haus der Statistik will in dem Komplex unter anderem Wohnraum für Geflüchtete, Studenten und Senioren schaffen. Außerdem sollen Arbeits- und Begegnungsräume für Kunst, Kultur und Bildung entstehen. Neben den Wohnungen und Ateliers für Künstler soll auf dem Areal ein neues Rathaus für den Bezirk Mitte sowie ein Saal für die Bezirksverordnetenversammlung errichtet werden.

Wie das Areal um das Haus der Statistik gestaltet werden soll und was speziell anstelle der Flachbauten geplant ist, soll in einem städtebaulichen Wettbewerb geklärt werden, der im Herbst starten soll, sagte Mittes Baustadtrat Gothe. Zugleich teilte er mit, dass Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) den Entwicklungsprozess finanziell unterstützen will.

Für das Gesamtprojekt werden laut BIM Kosten in Höhe von rund 100 Millionen Euro veranschlagt. Für die Erneuerung der Fassaden setzen die Experten Kosten von etwa 20 Millionen Euro an.

Christian Schöningh von der Initiative Haus der Statistik sagte am Montag, er sei mit der Entscheidung der Jury zum Fassadenwettbewerb „zufrieden“. Die Forderung, respektvoll mit den alten Gebäuden umzugehen, sei erfüllt worden. Es gehe ihm jedoch nicht schnell genug.

Die Entwürfe des Fassaden-Wettbewerbs sind bis 26. August täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Ort: Flachbau Karl-Marx-Allee/Otto-Braun-Str.