DDR-Schulen: Berliner Lehrer blicken zurück - und nach vorn

Berlin - Nach der Wende verdammten viele das DDR-Bildungssystem. Die staatliche Bevormundung vermisste niemand. Und die allermeisten waren froh, dass es keine Staatsbürgerkunde, keinen Fahnenappell und keinen Wehrkunde-Unterricht mehr gab. Erst als die internationalen Pisa-Studien dem deutschen Schulsystem ein schlechtes Zeugnis ausstellten, veränderte sich der Blick.

Vieles, was in den vergangenen Jahren getan wurde, um die bundesdeutschen Bildungseinrichtungen besser zu machen, gab es im DDR-Schulsystem bereits: Ganztagsschule samt Mittagessen, längeres gemeinsames Lernen, Abitur nach zwölf Jahren. Für die elementaren Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen und Schreiben existierten Lehrpläne, die eigens dafür ausgebildete Lehrer für die unteren Klasse (LuK) ausführten.

Martina Weißenburg ist so eine LuK-Lehrerin. Heute unterrichtet sie an der Justus-von-Liebig-Grundschule in Friedrichshain. Das Schulgebäude besteht aus einem stattlichen Altbau und einem dreistöckigen Flachbau aus DDR-Zeiten. Hier unterrichtet Martina Weißenburg die Schulanfänger.

Die Kleinen sind gerade in einem anderem Klassenraum, haben nur ihre Schulmappen liegen lassen. Martin Weißenburg zieht die kleinen Lehrbücher aus DDR-Zeiten aus ihrer Tasche. Sie fährt mit der Hand über den grünlichen Plastikumschlag, dann öffnet sie ein Buch. „Hier sehen Sie, das war alles klar durchstrukturiert“, sagt sie.

Diktate in der DDR

In der DDR hatten Erstklässler im ersten Halbjahr elf Stunden Deutsch in der Woche, heute sind es sechs Stunden. „Dabei ist die erste Klasse das entscheidende Schuljahr“, sagt Martina Weißenburg, heute 63 Jahre alt. „Da werden die entscheidenden Grundlagen gelegt.“ Die erfahrene Lehrerin würde die Grundschüler gerne wieder Diktate schreiben lassen, wie es zu DDR-Zeiten üblich war. „Schüler können auf diese Tests hintrainieren, es zeigt sich dann, was sich beim Lernen wirklich eingeprägt hat.“ Heutzutage aber sind Diktate abgeschafft. Es sei nicht die natürliche Form, schreiben zu lernen, heißt es.

Martina Weißenburg war nach der Wende aber auch froh, sich auf andere Methoden einlassen zu können wie etwa das Arbeiten mit der Anlauttabelle, wo Kinder lernen, die verschiedenen Laute aneinanderzureihen. S wie Sonne und E wie Esel. Eine solche Anlauttabelle hängt jetzt im Klassenraum vorne neben der Tafel. „Wir wollen uns nicht wieder auf eine Methode festlegen lassen“, sagt die Lehrerin.

Kein simples Zurück zur DDR-Fibel also, aber ernster nehmen sollte man die damaligen Erfahrungen schon. Und nicht ständig neue Reformen von oben dekretieren wie die Früheinschulung oder das jahrgangsübergreifende Lernen, ergänzt sie noch.

DDR-Schulsystem nicht beschönigen

Regina Kittler war 22, als sie im Jahr 1978 Lehrerin an der 1. Polytechnischen Oberschule in Marzahn wurde. Sie erinnert sich noch daran, wie sie immer Gummistiefel mit zur Arbeit nahm, weil rund um die Schule überall gebaut wurde. Nach der Wende war sie noch viele Jahre als Mathematik- und Erdkunde-Lehrerin an einer Marzahner Sekundarschule tätig. Sie kennt beide Schulsysteme, kann gut vergleichen.

Heute macht Regina Kittler für die Linke Bildungspolitik im Abgeordnetenhaus. Zwischen zwei Terminen hat sie sich Zeit genommen für einen Kaffee. Die Politikerin, 63 Jahre alt, kommt mit ihrem Kleinwagen zum Treffpunkt, am Heck klebt ein Aufkleber der Düsseldorfer Punkband Die Toten Hosen. Regina Kittler ist Fan.

Was das DDR-Schulsystem angeht, will sie nichts beschönigen, sie wägt die Worte ab. Sie kritisiert die staatliche Bevormundung und die mangelhafte Diskussionskultur im DDR-Schulsystem. „Wir hatten eine zu starke politische Beeinflussung und ein exklusives Schulsystem, in dem viele Schüler mit Behinderung eben auch schnell auf einer Sonderschule gelandet sind“, sagt sie. Es habe wenig individuelle Fördermöglichkeiten gegeben, der Fremdsprachenunterricht sei schlecht gewesen. Als Lehrer hatte man den Auftrag, sozialistische Persönlichkeiten auszubilden, erinnert sie sich.

Praxisbezogene, persönliche Ausbildung der Lehrer in der DDR

Tatsächlich war freies Denken unerwünscht, Schüler lernten, an der vermeintlich richtigen Stelle den Mund zu halten. „Die Spuren der Entmündigung werden nachhaltiger weiterwirken als, zum Beispiel, ökonomische Verzerrungen“, hatte Christa Wolf mit Blick auf das Schulsystem schon gleich nach dem Fall der Mauer geschrieben.

Doch Regina Kittler sieht in der Schulorganisation und der DDR-Lehrerausbildung viel Positives. „An unserer Schule waren in den 80er-Jahren oft finnische und schwedische Delegationen zu Gast, die sich unser Schulsystem angeguckt haben und auf dieser Basis ihr längeres gemeinsames Lernen entwickelt haben“, erzählt sie. Das trägt ihrer Meinung nach heute zu mehr Chancengerechtigkeit bei. Gewundert hat sich Regina Kittler nach der Wende über das dreigliedrige Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gymnasium, das damals auch in Ost-Berlin umgehend eingeführt wurde. „Da wurden die Schüler sehr früh getrennt und aufgeteilt.“ Erst 20 Jahre später brachte die Berliner Schulreform das Ende der Hauptschule.

Der Lehrerausbildung in der DDR kann Regina Kittler heute noch viel abgewinnen. Sie lobt die Methodikausbildung und die Praxisnähe. „Wir hatten eine Partnerschule, wo wir uns vom Studienbeginn an ausprobieren konnten.“ Bei einer festen Lehrerin konnte die junge Studentin hospitieren, zudem gut betreut von einer Seminargruppenleiterin. Selbst Hausbesuche machten die Lehrer.

Gleiche Schulbücher, gleiche Lehrpläne in der DDR

Nach der Wende hat es in Berlin fast ein Vierteljahrhundert gedauert, bis für angehende Lehrer ein Praxissemester eingeführt wurde – und das erst relativ spät im Masterstudium. Der Praxisbezug im Studium ist viel geringer als zu DDR-Zeiten. Ein Nachteil, sagen viele.

In der DDR gab es überall die gleichen Schulbücher und die gleichen Lehrpläne. Egal, ob man in Rostock, Berlin oder Erfurt zur Schule ging – alles war auch zeitlich aufeinander abgestimmt. Sämtliche wichtige Prüfungen waren zentral. „Das schuf einen gemeinsamen Wissenskanon und eine gewisse Verlässlichkeit“, sagt Kittler. „Wir hatten nicht nur einen ideologischen Auftrag, sondern auch den Auftrag, ein Fundament an Allgemeinwissen beim Schüler anzulegen.“ Hochspezialisierungen schon in den Leistungskursen, wie es heute in der gymnasialen Oberstufe üblich ist, gab es nicht.

Regina Kittler berichtet: „Die allgemeinbildende Schule war von der Wissensvermittlung her besser in der DDR. Die Schüler sind aus der 10. Klasse oder aus dem Abitur rausgekommen mit einem breiteren Wissenskanon.“ Heute gehe es ja stets um Kompetenzen. Aber ohne ein Basiswissen könne ein Schüler nur schwer Kompetenzen ausbilden.

„Eine Schülerförderung auf hohem Niveau"

In der Bundesrepublik macht jedes Bundesland seine eigene Schulpolitik. In den vergangenen Jahren hat die für die Bildung zuständige Kultusministerkonferenz begonnen, die Schulpolitik der Länder etwas zu vereinheitlichen. So gibt es inzwischen einen gemeinsamen Pool für Abituraufgaben. Auch der Ganztagsbetrieb mit Mittagessenangebot wird stark ausgebaut, aus Gründen der Chancengerechtigkeit. All das hatte es im DDR-Schulsystem längst gegeben.

Eine größere Rolle als heute spielte zu DDR-Zeiten die polytechnische Ausbildung, also die Praxis- und Berufsorientierung. Und auch eine gezielte Elitenförderung gab es zu DDR-Zeiten, gerade im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich.

Matthias Nicol, 66, sitzt morgens gerne im Café und Antiquariat Tasso in Friedrichshain. Draußen rauscht der Verkehr über die Frankfurter Allee. Nicol war Mathematik-Lehrer an der Heinrich-Hertz-Oberschule und daran beteiligt, dass diese Schule zu DDR-Zeiten zur Spezialschule für Mathematik, Naturwissenschaften und Informatik wurde. Die Schüler nahmen an Matheolympiaden auch im westlichen Ausland teil. Es gab das wissenschaftlich-praktische Arbeiten im Verbund mit der Akademie der Wissenschaften und mit Betrieben. „Eine Schülerförderung auf derart hohem Niveau und in dieser Breite ist bis heute im Bundesgebiet unerreicht“, sagt Matthias Nicol.

Endlich frei am Sonnabend

Zwei Straßen weiter, wo das Hertz-Gymnasium seinen Sitz hat, förderten Nicol und seine Kollegen nach der Wende auch den Schüler Peter Scholze, heute Professor und jüngst mit der Fields-Medaille ausgezeichnet, eine Art Nobelpreis der Mathematik. Auch wenn insgesamt viermal weniger Schüler eines Jahrgangs als heute – nach oft ideologischer Vorauswahl – das Abitur machten, gab es in den DDR-Spezialschulen ein Bekenntnis zum Elitegedanken, anders als in der alten Bundesrepublik. Und zumindest Nicol betont, dass Linientreue bei der Auswahl der Schüler für die Mathe-Spezialschulen keine Rolle spielte.

Nach der Wende stellte der Mathematik-Lehrer dann fest, dass die alte Bundesrepublik gar keine Mathe-Spezialschulen kannte. „In dem Bereich gab es eine Unterbelichtung“, sagt er. Etliche westdeutsche Schulleiter besuchten nach 1989 das Heinrich-Hertz-Gymnasium, um sich daran zu orientieren.

Nicol findet, dass Schüler ab der 8. Klasse an eine Spezialschule wechseln sollten. „Erst dann sind die Neigungen klar ausgeprägt“, sagt er. Das sei im bundesdeutschen Schulsystem allerdings nicht vorgesehen.

Über eine Änderung sind übrigens alle froh: Anders als zu DDR-Zeiten ist der Sonnabend heute unterrichtsfrei.