Berlin - Der Abriss ist sicher. Das Sport- und Erholungszentrum, kurz SEZ, an der Landsberger Allee in Friedrichshain hat keine Zukunft mehr. Der eigenwillige Bau, dessen grellbunte Fassade über und über mit Graffiti beschmiert  ist, kommt weg. An seiner Stelle sollen bis zu 800 Wohnungen entstehen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung präsentiert derzeit einen gut hundertseitigen Bebauungsplan, zu dem jeder seine Meinung äußern kann.

Vorgesehen sind Wohnblöcke aus Fünf- bis Zehngeschossern entlang der Danziger Straße, der Langenbeckstraße und der Landsberger Allee. Mit Arkaden, Geschäften, sowie Sport- und Freizeitangeboten im Erdgeschoss. Auch eine Schule soll entstehen. Im lärmgeschützten Innenbereich sollen locker gruppierte Stadtvillen mit weiteren Wohnungen stehen. Geht es nach diesen Plänen, könnte das SEZ ab 2018 verschwinden.

Doch im Senat plant man ohne den Eigentümer des SEZ. Dabei verfolgt dieser, der Leipziger Unternehmer Rainer Löhnitz, ähnliche Pläne. Auch er will das SEZ wegreißen und Wohnungen bauen. Doch mit diesen Plänen ist er bei den Behörden abgeblitzt. Jetzt soll Löhnitz zwar beteiligt werden an der Bebauung, indem er Sport- und Fitnessangebote schafft.

Land will SEZ zurück

Aber grundsätzlich will das Land das Sagen haben. Es will das SEZ nebst fünf Hektar Land, was es vor 13 Jahren für einen symbolischen Euro weggegeben hat, zurück haben. Kontakte zwischen Eigentümer und Senat laufen nur noch über Anwälte. Wie die Geschichte um das SEZ ausgeht, ist derzeit ungewiss.

Das SEZ war eines jener DDR-Prestigeprojekte, wie es auch der Palast der Republik  in Mitte war. Zur Eröffnung des Spaßbades am 20. März 1981 nahm SED- und Staatschef Erich Honecker den goldenen Schlüssel persönlich entgegen. Das Haus mit dem opulenten Wasserbereich und den weiteren Sport- und Gastronomieangeboten wurde schnell zum Publikumsmagneten, jährlich kamen gut eineinhalb Millionen Gäste.

Hohe Defizite

Dass Wirtschaftlichkeit keine Rolle spielte im Arbeiter- und-Bauernstaat, wurde nach dem Mauerfall deutlich: Das SEZ mit seinen mehr als tausend Angestellten, den weitläufigen Fluren und den riesigen Glasflächen erwies sich als defizitär. Ab 1990 brauchte das Haus Landeszuschüsse von mehr als zehn Millionen Euro jährlich. Instandsetzungen und Modernisierungen wurden unmöglich. In den Planungen des Senats spielte das Haus  bald keine Rolle mehr. Das SEZ wurde Ende 2002 geschlossen. Der Liegenschaftsfonds suchte im Auftrag des Senats europaweit nach einem Käufer, wobei  keine Bindung an die frühere Nutzung als Schwimmbad vorgesehen war.

Jedoch sah sich lange niemand in der Lage, das SEZ ohne Subventionen  wieder in Schuss zu bringen. Der Senat hatte die Investitionskosten auf gut 22 Millionen Euro veranschlagt. Der damals 40-jährige Unternehmer Rainer Löhnitz aus Leipzig, der in Markleeberg aus einer alten  Schwimmhalle ein Fitnesszentrum mit Reha-Sportangeboten machte, hörte, wie er sagt, rein  zufällig von dem Angebot.  

Öffentliche Mittel verschleudert

Er befand die Bausubstanz für gut, bezweifelte die hohen Investitionskosten und versprach den Erhalt des SEZ. All dies hörte man im Osten der Stadt gern. Dort waren Ärger und Trauer über den Verlust des beliebten Spaßbades groß. Vor allem viele Friedrichshainer Politiker, aber auch Linke und SPD-Vertreter im Abgeordnetenhaus, setzten sich vehement dafür ein, dass Löhnitz das SEZ bekam. Der damalige Deal wird heute von vielen, etwa  vom Steuerzahlerbund, als fahrlässige Verschleuderung öffentlichen Vermögens bezeichnet. Denn Löhnitz bekam SEZ und Grundstück für einen symbolischen Euro.

Dass der Leipziger ein findiger Unternehmer ist, zeigt sich allein am Kaufvertrag. Den verhandelte er so lange, bis dort ein Passus Einzug hielt, der heute als Knackpunkt für jede weitere Entwicklung gilt: Anders nämlich als es Senatspolitiker nach dem „Verkauf“ verkündeten, war nie vorgesehen, dass das SEZ wieder ein Spaß- oder Schwimmbad wird. Im Kaufvertrag ist lediglich von der Aufnahme eines Hallenbadbetriebes die Rede – was eine Formulierung ohne Rechtsanspruch ist. Jeder kleine Hotelpool darf als Hallenbad tituliert werden.

Im SEZ gibt es drei kleine Wasserflächen, draußen eine größere, der Anspruch ist also erfüllt. Ansonsten kann man im Haus bowlen, es gibt eine Ballsporthalle sowie Fitnessgeräte, Tischtennis und Saunen. Im Vertrag steht auch eine Klausel, wonach der Eigentümer niemanden fragen muss, falls er auf seinem Gelände eine andere Nutzung plant. Ein Hotel wäre dort möglich, sogar eine Tankstelle.

Gegenseitige Blockade

2015 wollte Löhnitz einiges davon umsetzen. Aber seine Pläne –  ein Wohnwagenstellplatz, ein Hostel und zuletzt der SEZ-Abriss und Wohnungsbau – wurden vom Bezirk blockiert. Ende 2015 zog der Senat die Planungen an sich. Mit dem jetzt öffentlich ausgelegten Bebauungsplan will das Land auf dem innerstädtischen Grundstück dringend benötigten Wohnraum schaffen.

Doch die Realisierung ist nicht ohne Eigentümer durchsetzbar. Und der wehrt sich, will vor allem nicht zum Bau von Sozialwohnungen gezwungen werden. Die geplante Schule hält er für rechtswidrig für diesen Ort. Löhnitz spricht von Enteignung und hat ein  halbes Dutzend  Klagen eingereicht. 

Um sein Ziel durchzusetzen, muss der Senat Haus und Grundstück zurückkaufen. Doch das geht nur, wenn dem Eigentümer nachgewiesen wird, dass er den Kaufvertrag  nicht erfüllt hat. Bislang haben ihm alle Verantwortlichen stets Vertragstreue bescheinigt. In der Finanzverwaltung heißt es jetzt, ein Wirtschaftsprüfer sei nach  Durchsicht der Originaldokumente zu einer anderen Einschätzung gelangt. Rainer Löhnitz gibt sich gelassen. Er sagt: „Wenn die das durchziehen, wird es teuer für die Betrüger.“

Der Bebauungsplan 2–43 liegt bis zum 13. Dezember öffentlich aus: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Württembergische Straße 6, Erdgeschoss, Raum 001, 10707 Berlin; Mo– Mi 9–17 Uhr, Do 9–18 Uhr, Fr 9–15.30 Uhr; T. 901 39–42 18 und online unter www.stadtentwicklung.berlin.de