Gleich auf sechs Seiten berichtete die Berliner Zeitung am 8. Oktober 1977 über den tags zuvor landesweit gefeierten 28. Jahrestag der DDR-Gründung. „Festlich begingen die Bürger der DDR den Nationalfeiertag unserer Republik“ lautete die Schlagzeile auf der Seite eins. Darunter standen Fotos von der Militärparade am 7. Oktober auf dem Marx-Engels-Platz.

Auf der Lokalseite der Zeitung dominierten Schnappschüsse vom sogenannten Volksfest zwischen Alexanderplatz und Fernsehturm. „Musikalisches und Gesangliches, Kabarettistisches und Sportliches wechselten in bunter Reihenfolge miteinander ab“, notierten die Lokalreporter der Berliner Zeitung. „Es war ein stimmungsvolles Volksfest im Herzen unserer Hauptstadt.“

83 Verletzte und 468 Festnahmen

Tatsächlich aber war das, was sich vor vierzig Jahren am Abend des DDR-Nationalfeiertages am Berliner Fernsehturm abspielte und wovon die Berliner Zeitung nicht berichtete, alles andere als stimmungsvoll, hatte sich doch gegen 19 Uhr aus einem Rockkonzert am Fuße des Fernsehturms eine mehrstündige Straßenschlacht zwischen Tausenden von Jugendlichen und der DDR-Volkspolizei entwickelt. Es waren die größten Jugendkrawalle in der Geschichte des SED-Staates. Die offizielle Bilanz: 83 Verletzte und 468 Festnahmen.

Noch mehr als der plötzliche Gewaltausbruch der Jugendlichen erschreckten SED und Stasi jedoch das einen Monat später vorliegende Untersuchungsergebnis der MfS-Hauptabteilung IX zu Ablauf und Hintergrund der Krawalle. Zwar wiesen die Stasi-Ermittler darin pflichtschuldig die „aufgebauschten Berichte in den BRD-Medien“ zurück, in denen von einem „politischen Protest der DDR-Jugend“ die Rede war.

Auch hätten „keine Hinweise darauf erarbeitet werden (können), dass das Vorkommnis vom 7. 10. 1977 am Fernsehturm vom Gegner geplant oder vorbereitet war“, heißt es in dem Abschlussbericht der Stasi-Hauptabteilung IX vom 11. November 1977. Vielmehr hätten sich die Ausschreitungen „spontan entwickelt“ und seien „fortschreitend eskaliert“.

Ein Missverständnis löste die Krawalle aus

Auffallend aber ist, dass die Stasi-Ermittler es in ihrem Bericht vermieden, die Zusammenstöße vom Fernsehturm wie sonst üblich als „Zusammenrottung“ oder „Rowdytum“ einzelner „negativ-feindlicher Elemente“ abzutun. Vielmehr kann man zwischen den Zeilen des mehrseitigen Papiers das Erstaunen der Geheimdienstler darüber erkennen, dass sich an diesem Oktoberabend in Ost-Berlin offenbar ein lang aufgestauter und von den DDR-Sicherheitsbehörden nicht ernst genommener Zorn der Jugendlichen plötzlich entladen hatte – ein Zorn über Gängelung und Unfreiheit im Arbeiter-und-Bauern-Staat, über die politische Repression gegen Andersdenkende nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 und über die Allmacht der Sicherheitskräfte.

Dabei waren die Krawalle eher beiläufig und offenbar durch ein Missverständnis ausgelöst worden. Am frühen Abend des 7. Oktober 1977 hatten sich rund 20.000 Jugendliche am Fuße des Fernsehturms eingefunden, wo die damals recht populäre DDR-Rockband „Express“ auftreten sollte.

Mehrere junge Leute waren dabei auf einen Lüftungsschacht geklettert, der mit einem Metallgitter abgedeckt war. Als das Metallgitter plötzlich nachgab, stürzten neun Jugendliche in den sechs Meter tiefen Lüftungsschacht und schlugen auf dem Betonboden auf. Sie wurden durch den Aufprall zum Teil schwer verletzt.

Steine flogen, Polizeimützen verbrannt

Nach dem Unglück drängten Polizisten die Konzertbesucher beiseite, um den heranfahrenden Krankenwagen einen Weg durch die Menge zu bahnen. Die meisten Besucher aber hatten von dem Unglück nichts mitbekommen und glaubten daher, die Polizei gehe willkürlich gegen die friedliche Menschenmasse vor. Plötzlich kamen Sprechchöre auf: „Nieder mit dem Bullenpack“ und „Bullen raus – raus ihr Schweine“. Als die Polizisten gegen die Rufer vorgehen wollten, eskalierte die Situation.

Steine und Gehwegplatten flogen durch die Luft, Fensterscheiben gingen zu Bruch, Plastikeinsätze wurden aus Papierkörben gerissen und gegen die Beamten geschleudert, Müllcontainer in die Polizeikette gerollt. Einzelne Randalierer griffen auch Beamte an, schlugen auf sie ein und raubten ihnen die Mützen.

Vier Polizeimützen, so notierten es die Stasi-Ermittler später, seien „demonstrativ verbrannt“ worden. Insgesamt wurden im Laufe der Auseinandersetzungen 66 Volkspolizisten verletzt, darunter fünf Offiziere. Sie trugen insbesondere Platzwunden, Prellungen, Hämatome und Schnittwunden davon. Die tatsächliche Zahl der verletzten Jugendlichen findet sich in den Stasi-Unterlagen hingegen nicht, sie ging aber in die Hunderte.

„Was ist Deutschlands größte Schande – die Honecker-Bande“

Die Einsatzleitung im nahen Polizeipräsidium hatte immer mehr Reservekräfte, die rund um den Alex auf Lastkraftwagen saßen, zum Fernsehturm beordert. Dort gingen die Beamten mit großer Härte gegen die jungen Leute vor und schlugen mit Gummiknüppeln auch auf Unbeteiligte ein. Hunderte Jugendliche flüchteten sich auf die Balustrade der Fernsehturmumbauung und skandierten von dort Sprechchöre.

„Nieder mit der DDR“, riefen sie laut Stasi-Protokoll, und auch „Mauer weg“, „Honecker raus – Biermann rein“, „Was ist Deutschlands größte Schande – die Honecker-Bande“. Auch sei das Deutschlandlied gesungen worden sowie „in der Absicht, dadurch eine Protesthaltung zum Ausdruck zu bringen“, die Internationale und die Textpassage „Deutschland einig Vaterland“ aus der DDR-Nationalhymne, protokollierten die Stasi-Ermittler.

Erst nach mehr als vier Stunden, gegen 23.30 Uhr, bekam die Polizei die Lage am Fernsehturm unter Kontrolle. 313 Jugendliche waren bis dahin festgenommen worden. An den folgenden Tagen durchkämmte die Stasi Krankenhäuser, um an die Personalien von jungen Leuten zu kommen, die sich am Abend des 7. Oktobers oder am Tag darauf wegen Platzwunden oder Prellungen hatten behandeln lassen.

200 Mark Prämie für den Verrat

Insgesamt wurden „im Zuge nachfolgender Ermittlungen“ bis Anfang November weitere 155 Personen festgenommen, meldete die Stasi. Auch dank einer Reihe von parteitreuen Jugendlichen, die sich an den Tagen nach dem 7. Oktober 1977 als Zeugen der Zusammenstöße bei Stasi und Polizei meldeten, um Beteiligte anhand von Fotografien zu identifizieren.

Einer dieser Zuträger war laut Stasi-Akten der damals 18-jährige U. D., Druckerlehrling beim SED-Medienbetrieb Zentrag. Er gab der Stasi bereitwillig Auskunft über Bekannte aus der Schul- und Lehrzeit, die er vor Ort gesehen oder die ihm an den darauffolgenden Tagen von ihrer Beteiligung an den Zusammenstößen erzählt hatten.

Dank seiner Hinweise konnten sechs Jugendliche, darunter eine 15-jährige Schülerin aus Köpenick, Tage später von der Polizei festgenommen werden. D. erhielt dafür eine Prämie von 200 Mark und wurde vom MfS unter dem Decknamen „Ulli“ als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichtet.

Fans von Union Berlin

Künftig sollte er Biermann-Sympathisanten, Maoisten und Randalierer in seinem Wohn- und Lehrumfeld aufklären und sich in „negativen Gruppen“ etablieren. Für seine Spitzeltätigkeit, die an jenem 7. Oktober 1977 begann, wurde IM „Ulli“ alias D. bis zum Ende der DDR mehrfach von der Stasi ausgezeichnet. D. arbeitet heute als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei am Kurfürstendamm in Berlin.

Die während der Krawalle und danach festgenommenen 468 Personen waren laut MfS-Akten zwischen 16 und 21 Jahre alt, fast alle von ihnen gehörten der Jugendorganisation FDJ an. Bei der Hälfte handelte es sich um Lehrlinge und Facharbeiter, von denen bislang kaum einer „negativ-dekadent“ aufgefallen sei.

Das einzige Stasi-Klischee, das ein Drittel der Festgenommenen erfüllte, war die Zugehörigkeit zum Anhang des bei der SED-Führung unbeliebten Fußballklubs Union Berlin. Bei immerhin jedem achten Festgenommenen hingegen musste die Stasi konstatieren, dass dessen Eltern „in exponierter gesellschaftlicher oder beruflicher Stellung“ seien – darunter waren Mitarbeiter des Zentralkomitees, Angestellte in SED-Kreisleitungen und DDR-Ministerien, hochrangige NVA-Offiziere, DDR-Botschafter, Journalisten und Parteisekretäre.

„Gestörte Beziehungen in den Elternhäusern“

Als Motivation vieler Jugendlicher, sich an dem spontanen Protest zu beteiligen, nannte die Stasi unter anderem „gestörte Beziehungen in den Elternhäusern, erheblicher Einfluss der politisch-ideologischen Diversion des Gegners, unkontrollierte Freizeitgestaltung und Anschluss an negativ-dekadente jugendliche Gruppierungen in den Wohngebieten“. Für erwähnenswert hielten die Ermittler zudem, dass einige Jugendliche angaben, sie hätten sich das im amerikanischen Spielfilm „Blutige Erdbeeren“ dargestellte Verhalten zum Vorbild genommen.

Der Film war Mitte der 70er-Jahre ein Kultfilm der DDR-Jugend. Er erzählt die Geschichte der amerikanischen Studentenproteste gegen den Vietnamkrieg und ihre Niederschlagung durch Polizei und Nationalgarde.

Der Streifen war nicht zuletzt wegen der Filmmusik von Bands wie „Crosby, Stills, Nash and Young“, die seinerzeit im DDR-Radio kaum gespielt wurden, ein Dauerbrenner. Nach den Unruhen am Fernsehturm nahmen die Behörden den Film aus den DDR-Kinos. Offiziell wurde das damit begründet, dass die Aufführungslizenz für den Film abgelaufen sei.

Drei Tage später in der Berliner Zeitung

Insgesamt wurden in den Wochen nach der verkorksten DDR-Geburtstagsfeier am Berliner Fernsehturm 64 Jugendliche wegen Körperverletzung, negativer Äußerungen oder Diskriminierung zu Haftstrafen zwischen vier Monaten und drei Jahren verurteilt. Weitere 23 mussten für sechs Wochen in Haft, 16 erhielten Bewährungsstrafen. Stasi-Minister Mielke wies seine Leute an, stärker als bisher die DDR-Jugend unter Kontrolle zu nehmen.

Dazu sollte die IM-Basis unter den Heranwachsenden erheblich ausgebaut werden; „negativ-dekadente jugendliche Gruppierungen“ sollten „zersetzt“, die Anreise verdächtiger Personen zu Großveranstaltungen künftig verhindert werden. Die zunehmende Repression des Staates zeigte Wirkung. Bis zur Herbstrevolution 1989 gab es keine solch offene Konfrontation protestierender DDR-Jugendlicher mit der Staatsmacht mehr, die sich mit den Ereignissen am Fernsehturm vergleichen ließe.

Drei Tage nach den Jugendunruhen am Fernsehturm berichtete die Berliner Zeitung übrigens doch noch über die Ereignisse. Auf der Lokalseite vom 10. Oktober 1977 veröffentlichte sie in der unteren rechten Ecke unter der Überschrift „Rowdys festgenommen“ eine 26 Druckzeilen lange, von der Medienabteilung im SED-Zentralkomitee formulierte Einheitsmeldung der Nachrichtenagentur ADN.

Darin heißt es, dass am 7. Oktober „einige Rowdys in unverantwortlicher Weise die Volkspolizei an der Rettung von Verunglückten“ am Fernsehturm behindert hätten. „Das Verhalten der Rowdys“, so heißt es in der Meldung weiter, „löste Empörung bei der Bevölkerung aus, die die Volkspolizei bei der Sicherung von Ruhe und Ordnung unterstützte.“