Berlin - Die Menschen, die das Vertrauen in das staatliche Schulsystem in Wedding verloren haben, könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein christlicher Prediger aus Nigeria und eine deutsche Muslima sind dabei, ein indischstämmiger Mann vom Moschee-Verein ebenso wie eine in der Türkei geborene Künstlerin, ein Mann vom Roma-Kulturverein und der Umweltingenieur Jens Wesendrup, ein bekennender Katholik.

Sie alle leben in Wedding und wollen hier eine freie Bürgerschule gründen. Genauer gesagt: Eine Sekundarschule mit einer Art Abschlussgarantie. Kein Schüler soll diese Schule vorzeitig abbrechen. Dafür möchte man hochmotivierte Lehrer einstellen, die alle Kinder – egal welcher Herkunft – ernst nehmen und gezielt fördern. „Uns läuft doch sonst die Zeit davon“, sagt Mohammed Abdul Razzaque von der Weddinger Bilal-Moschee.

Jeder Dritte ohne Abschluss

Im Wedding verlässt nach Berechnungen der Initiative fast ein Drittel aller Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. „Während in Gesamt-Berlin 41 Prozent aller Schüler eine Empfehlung fürs Gymnasium erreichen, sind es im Wedding gerade mal 21 Prozent“, sagt Yolanda Arias, Koordinatorin der Initiative, die sich an diesem Abend im fünften Stock eines Backsteinbaus direkt am U-Bahnhof Osloer Straße trifft.

Dass Eltern im armen Wedding eine Privatschule gründen wollen, ist ungewöhnlich. Schließlich wird Weddingern generell unterstellt, sie seien bildungsfern und uninteressiert an schulischen Dingen. „Wir müssen etwas tun, damit es an Schulen gerecht zugeht und niemand wegen seines Aussehens diskriminiert wird“, sagt Slobodan Slavic von der Roma-Organisation Kultur Rad. Der Vater von vier Töchtern kam Anfang der 1990er-Jahre als Bürgerkriegsflüchtling aus Ex-Jugoslawien nach Berlin.

Seine Töchter stießen an staatlichen Schulen immer wieder auf Vorurteile. „Ich wollte meine beiden Kinder gerne an staatliche Eliteschulen geben – das hat aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen nicht geklappt“, sagt auch Sunny Akpan, Pastor der Jesus Miracle Harvest Church, einer afrikanischen Kirchengemeinde, die ihren Sitz in der Koloniestraße hat.

Alle diese Menschen sind nun in der Bürgerplattform Wedding-Moabit organisiert. Mehr als 40 Gruppen sind dort eingebunden – Deutsche, Türken, Araber, Asiaten und Afrikaner, außerdem Moschee-Vereine und Kirchengruppen – Wedding eben. Diese Organisationen, die über 15.000 Menschen repräsentieren, zahlen Beiträge für die Bürgerplattform. Damit soll bürgerschaftliches Engagement auch in nicht besonders bürgerlichen Stadtteilen vorangetrieben werden. Geplant ist, die Schule möglichst schnell zu starten.

Nachteil für staatliche Schulen

Mit dem Bezirk verhandelt man bereits über Gebäude, die man übernehmen könnte. 2,6 Millionen Euro bräuchten sie für die ersten drei Jahre, haben die Mitglieder der Bürgerplattform ausgerechnet. Den staatlichen Zuschuss für Personalkosten erhält ein neuer Schulträger erst nach dreijährigem Schulbetrieb. Derzeit sucht man nach Stiftern, Verhandlungen werden auch mit ehemaligen Teach-First-Fellows geführt – mit Absolventen von Elitehochschulen, die sich bereits freiwillig als Lehrer in Brennpunktschulen engagiert haben.

„Wichtig ist mir, dass sich auch die Eltern für die Schule engagieren“, sagt Jens Wesendrup, der im Sprengelkiez wohnt. Sein älterer Sohn besucht dort eine Grundschule, an der sich Eltern kaum engagieren. „Ich wünsche mir, dass die Schule meinen Kindern neben dem Unterricht auch noch weitere Freizeitangebote macht“, sagt Iman Andreas Reimann, alleinerziehende Mutter vom Verein Deutschsprachiger Muslimkreis. Viele Eltern müssten lange arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Die geplante Schule soll mit der Gemeinschaftsschule in Moabit kooperieren.

Schulexperten wie Daniela von Treuenfels von der Stiftung Bildung sehen die Neugründung positiv. „Allerdings muss sich ein Spender finden“, sagt sie. Am 28. Februar will die Bürgerplattform ihre Pläne in der Beuth-Hochschule im Wedding vorstellen. Eingeladen ist Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD). Der findet die Bürgerplattform gut, die Schulneugründung aber nicht. „Das würde den staatlichen Schulen in Wedding erneut motivierte Eltern und Schüler entziehen“, sagt er.

Weitere Informationen über die Bürgerplattform unter www.wirsindda.com.