Berlin - Seit das Kölner Landgericht sein Urteil vor gut zwei Wochen verkündet hat, führt er jedoch bis auf weiteres keine Beschneidungen mehr durch.

Herr Tuncay, was halten Sie von dem Urteil?

Ich bin gespalten. Ich fühle mich an das Gesetz gebunden, aber ich bin besorgt, wie in Zukunft religiöse Gewohnheiten fortgesetzt werden sollen. Ich verstehe Eltern, die für ihr Kind eine Entscheidung treffen, die das Kind nicht mehr rückgängig machen kann. Die religiöse Freiheit gibt ihnen das Recht dazu.

Sie führen zurzeit keine religiös indizierten Beschneidungen mehr durch.

Leider nein. Aber ich hoffe, dass ich es so schnell wie möglich wieder tun kann. Denn die Muslime befinden sich nun in einem großen Konflikt, der auch eskalieren kann. Die jüdische Gemeinde hat schneller reagiert, aber die Muslime planen auch Protestaktionen. Ich werde mich daran beteiligen. Die Politiker müssen ein eindeutiges Gesetz auf den Weg bringen. Dass das geschieht, dafür müssen wir Muslime in Deutschland selbst sorgen. Es ist unser Problem. Die Mehrheit der Deutschen lehnt Beschneidung ja ohnehin ab.

Wie reagieren Ihre Patienten, wenn Sie Ihnen die Beschneidung verweigern?

Sie sind verwirrt. Muslimische Eltern haben etwas Zeit damit, ihr Kind beschneiden zu lassen. Aber sie werden sicherlich nicht abwarten, bis es 18 ist. Für sie sehe ich nur zwei Lösungen: die Operation im Ausland machen zu lassen, also Beschneidungstourismus, oder das Gesetz zu ignorieren.

Was ist mit muslimischen Beschneidern, die nicht Ärzte sind?

Davon halte ich nichts. Eine Beschneidung ist eine plastische Operation, das darf man nicht unterschätzen. Es muss vorher geklärt sein, dass der Patient keine Infektion hat und auch keine Blutkrankheit.

Sie haben einen Sohn. Ist er beschnitten?

Das ist er. Ich selbst auch. Ich komme aus einer laizistischen Familie, auch in ihr ist Beschneidung Tradition. Bei uns auf dem Land wurde sie früher ohne Betäubung gemacht. Bei einem Kollegen von mir geschah es sogar einfach in einer Scheune, für ihn ist das eine traumatische Erinnerung.

Glauben Sie, dass die Beschneidung für Ihre Patienten eine traumatische Erfahrung ist?

Das glaube ich eher nicht. Sie wird ja in einem sauberen und sterilen Umfeld vorgenommen. Aber bei der Operation ist auch immer ein Kirve dabei. So bezeichnet man einen nahen, männlichen Verwandten, der gelobt, wie ein Ersatzvater für den Jungen da zu sein. Ein Pate also. Von diesen Kirves sind bei mir in der Praxis schon jede Menge kollabiert. Vielleicht kommen ihnen bei dem Anblick eigene Erinnerungen hoch.

Das Gespräch führte Annett Heide.