BUCKOW - In einem Flachland wie Brandenburg klingt der Name „Schweizer Haus“ vielleicht etwas anmaßend, wer aber gleich hinter dem Haus in Buckow in den Wald läuft, kommt nach 200 Metern ordentlich ins Keuchen. „Die Region heißt ja nicht umsonst Märkische Schweiz“, sagt Burkhard Teichert. „Die Landschaft hat durchaus Mittelgebirgscharakter.“ Es ist Teicherts zweite Wanderung an diesem Tag, diesmal führt er eine Gruppe vom Besucherzentrum des Naturparks sechs Kilometer weit durch die Wälder und wieder zurück.

Allianz für die Artenvielfalt

Der 64-Jährige ist der Cheforganisator der 36. Bundeswandertage der Naturfreunde, eines Umweltschutzverbandes mit bundesweit 70000 Mitgliedern, der seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung hat. 63 Wanderer aus 14 Bundesländern sind eine Woche lang in Brandenburg unterwegs, aber auch politisch aktiv. „Wir haben Sorge, dass die neue EU-Kommission den Naturschutz in Europa schwächen will und damit die Artenvielfalt immer mehr abnimmt“, sagt Teichert.

Es geht um den sogenannten Fitness-Check, den die EU-Kommission nun dem eigenen europaweiten Netz von Schutzgebieten namens „Natura 2000“ unterzieht. Die Kommission spricht von Bürokratieabbau, doch europaweit haben sich 80 Umweltorganisationen zusammengetan, weil sie befürchten, dass die EU die Standards in den eigenen Schutzgebieten senken will.

Bislang gibt es kaum Protest, deshalb haben die Naturfreunde den „Buckow Aufruf“ verabschiedet. Darin heißt es: „Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich vor ihre europäischen Schutzgebiete zu stellen, damit die Schatzkammern der Natur nicht für neoliberale Politik verramscht werden. Wir brauchen frischen Wind für den Naturschutz und keine Abrissbirne.“

Zum Fitness-Check der EU gehört auch eine öffentliche Anhörung per Internet, bei der die Bürger sich zum Naturschutz äußern können. „Doch davon weiß kaum jemand etwas“, sagt Wanderleiter Teichert. „Deshalb auch der Buckower Aufruf. Die Leute sollen sich beteiligen und ihre Meinung sagen.“

Die europaweite Allianz gegen eine Schwächung der Naturschutz-Richtlinien hofft, dass sich nun ein öffentlicher Druck aufbaut, den die EU nicht ignorieren kann. Bei den Naturschützern heißt es, dass auch beim geplanten TTIP-Handelsabkommen der EU mit den USA der öffentliche Druck erst langsam entstand, dann aber Wirkung zeigte.

Die Route, die Wanderleiter Teichert für den Nachmittag gewählt hat, führt extra durch ein Natura 2000-Gebiet. Die Naturfreunde haben dort einen ihrer elf Natura-Trails im Land Brandenburg angelegt. „Unser Ziel ist nicht nur Naturschutz“, sagt Teichert, „sondern auch Naturnutz. Mit den elf Wanderwegen in den europäischen Schutzgebieten wollen wir zeigen, dass man sich in der Natur aufhalten kann, ohne sie zu schädigen.“

Auch Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, ist für diese eine Wanderung extra aus Berlin gekommen. Er sagt: „Die neue EU-Kommission ist bisher nicht als besonders umweltfreundlich aufgefallen, es ist also zu erwarten, dass die Schutzstandards zusammengestrichen werden.“

Im Potsdamer Umweltministerium wird die Sorge der Naturschützer so nicht geteilt. „Zum Stresstest der Naturschutzrichtlinien gibt es im EU-Parlament eine ziemliche Bandbreite der Stimmen von Rechts bis Links“, sagt Sprecher Jens-Uwe Schade. Aber er sieht derzeit keine Mehrheit, die das europäische Netzwerk an Schutzgebieten ernsthaft „in Schieflage“ bringen könnte.

Stellungnahme des Landes

Der Check der EU-Kommission laufe ohne Beteiligung der Bundesländer. Der Bund werde dazu eine Stellungnahme an die EU geben. „Dazu haben wir die Zuarbeit des Landes gerade an den Bund geschickt“, sagt Schade. In diesem Papier würden die Natura2000-Gebiete nicht in Frage gestellt. „Man wird nichts finden, das dazu führt, dass bei uns Natura2000 als Light-Variante entsteht.“

Brandenburg hat 607 Gebiete für das Natura2000-Programm angemeldet. Aber bislang sind nur 56 Verfahren abgeschlossen. Für die anderen Gebiete muss das Land bis 2020 konkrete Pläne erarbeiten, was dort jeweils erlaubt und verboten ist. „Für den Naturschutz besteht in den Gebieten aber keine Gefahr“, sagt Ministeriumssprecher Schade. Denn 90 Prozent der Gebiete, die künftig unter den europaweiten Schutzstatus fallen sollen, seien schon jetzt durch nationale Bestimmungen als Landschafts- oder Naturschutzgebiet abgesichert.