Berlin - Heute zunächst wieder: Post von den Lesern. Zahlreiche Reaktionen habe ich auf meine in der vergangenen Woche an dieser Stelle vorgenommene Kurzzusammenfassung einiger unter anderem im Rolling Stone sowie in der New York Times erschienener US-amerikanischer Texte erhalten, die sich mit dem Umstand befassen, dass Berlin nicht mehr die coolste Stadt auf der Welt ist.

In einem Beitrag von Herrn Wolfgang S. lese ich beispielsweise zu diesem Thema: „Die Artikel von Jens Balzer werden ja auch immer merkwürdiger. Mal abgesehen davon, dass für ihn offensichtlich nur die Techno- bzw. Elektroszene zählt: Seit wann ist denn der Rolling Stone ein Technomagazin? Und auf die Art von Musik oder Muzak, die z. B. meistens Herr Balzer favorisiert und empfiehlt, können viele Berliner gerne verzichten, es gibt viele interessante und kleine Konzerte in Berlin, die nichts mit diesem Touristenmüll à la Berghain zu tun haben. Balzer glaubt wohl, den Berufsjugendlichen spielen zu müssen und überholte Elektronik- oder Technomusik promoten zu wollen.“

Vielen Dank, Herr S., für Ihre Meinung. Bei der Bezeichnung des Rolling Stone als Technomagazin handelte es sich übrigens um einen Witz, in Wahrheit ist der Rolling Stone ein Fachblatt für angloamerikanisch geprägten Gitarrenrock.

Herr oder Frau Bülent Ersoy meint in der gleichen Angelegenheit: „Der Herr Balzer macht mir so ein wenig den Eindruck, als wäre er ein Spießer, der zum Einen nicht mit Kritik umgehen kann und zum Anderen nicht mit Veränderungen. In der Summe nennt man so etwas ganz hipster: Altersstarrsinn.“

Während Herr Martin Waßmann befindet: „Ich glaube, das Uncoolste, was es in Berlin geben kann, sind Popkritiker.“ Herr José Maques formuliert es wiederum folgendermaßen: „So einen Scheiß habe ich seit langem nicht gelesen! Berlin ist eine Hammerstadt, die Menschen kommen aus aller Welt hierher, um den Charme zu genießen. Berlin schläft nie, und das lassen wir uns durch diesen blöden Artikel nicht zerstören. So ein Unsinn, echt!“

Der Autor des von mir zitierten, auf der New Yorker Internet-Seite Gawker erschienenen Artikels „Berlin Is Over – What’s Next?“, Max Read, konnte am Freitag auf Twitter in erfreuter Stimmung feststellen: „Berlin-Is-Over-Debatte: Deutschland in seinen Grundfesten erschüttert!“ Nach diesem schönen Erfolg wurde das Thema von den Redakteuren von Gawker denn auch umgehend für erledigt erklärt. In der laufenden Woche widmen sie sich nun stattdessen schwerpunktmäßig der Frage, ob Nackttourismus zu einem globalen Trend werden könnte.

Enthüllungen von Sonic Youth

Und was könnte man sonst noch einmal so debattieren? Homophobie? Hatten wir schon. Onanieverbot? Öde. Sexismusfaschismus? Klingt schon besser! Das meistdiskutierte Popthema der vergangenen Tage war jedenfalls die Enthüllung des ehemaligen Sonic-Youth-Sängers und -Gitarristen Thurston Moore, dass er seine seit 2011 von ihm getrennt lebende Gattin, die Sonic-Youth-Sängerin und -Bassistin Kim Gordon, schon geraume Zeit vor der Trennung mit seiner jetzigen Lebensgefährtin, der 20 Jahre jüngeren Kunstbuchverlegerin Eva Prinz, betrogen hatte.

Dies berichtete er jedenfalls in einem Interview mit dem britischen Magazin The Fly. Von einem Autor der New Yorker Popkultur-Webseite Flavorwire wurde Moore daraufhin als sexistischer „dick“ bezeichnet, zu deutsch etwa „Schwanz“; eine Autorin der feministischen New Yorker Popkultur-Webseite Jezebel ergänzte die Bezeichnung einen Tag später zu „dickhole“, zu deutsch etwa: keine Ahnung.

Thurston Moore reagierte darauf, indem er auf seiner Facebook-Seite die gesamte Jezebel-Redaktion des „imperialistischen Gefasels“ und „gender fascism“ bezichtigte, zu deutsch etwa: „Genderfaschismus“. Aufgrund eines von den Jezebel-Redakteurinnen moderierten Fäkalkritiksturms gegen Moore wurde dieser Facebook-Eintrag von ihm aber wieder gelöscht. Und dabei waren Kim Gordon und er einmal ein so schönes Paar.

Ebenfalls ein sehr schönes Paar auf der Bühne waren einst die Geschwister Farida und Selim Lemouchi, die gemeinsam in der niederländisch-satanistischen Psychedelic-Rock-Band The Devil’s Blood musizierten. Sehr gern erinnere ich mich etwa noch an ein Konzert im K17 Club im Jahr 2009, bei dem The Devil’s Blood ihre seinerzeit gerade erschienene erste Platte „The Time Of No Time Evermore“ vorstellten.

Während die auch als The Mouth of Satan firmierende Fatima mit gewaltiger Stimme ihre teufelsanbetenden Weisen schmetterte, spielte ihr Bruder Selim dazu nicht nur die schönste Schweinegitarre, die man sich vorstellen kann, sondern bespuckte seine Schwester auch mit zuvor aus einer großen Flasche eingesogenem Schweineblut. Schön!

Im vergangenen Jahr lösten sich The Devil’s Blood auf, doch brachte Selim mit seiner neuen Band Selim Lemouchi and His Enemies eine sehr schöne, an die frühen Pink Floyd erinnernde Platte namens „Earth Air Spirit Water Fire“ heraus. Sie ist nun zu seinem Vermächtnis geworden: Am 5. März ist Selim Lemouchi unter immer noch ungeklärten Umständen im Alter von 34 Jahren gestorben.