Zentrale der Vonovia.
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BerlinVier Jahre nachdem das größte börsennotierte Wohnungsunternehmen in Deutschland, die Vonovia, mit dem Versuch gescheitert ist, die Deutsche Wohnen zu übernehmen, steht eine Konzentration auf dem Immobilienmarkt erneut zur Diskussion.

Befeuert wird die Debatte durch eine Stellungnahme der Vonovia. Diese erklärte am Donnerstag auf „Gerüchte“, wonach sie einen Kauf der Deutsche Wohnen prüfe, dass sie immer wieder „auf eine etwaige Übernahme“ des Konkurrenten angesprochen werde. Statt eines harten Dementis folgt dann jedoch eine Erklärung, die sich so liest, als würde der Konzern lediglich die Bedingungen für einen Kauf beschreiben.

„Generell“ seien „Akquisitionen integraler Bestandteil“ der Firmen-Strategie und würden „fortlaufend geprüft“, stellt die Vonovia klar. Eine derartige Transaktion in Berlin „wäre aber überhaupt nur realistisch, wenn fundamentale Fragen geklärt wären und sie von einem entsprechenden Willen der Berliner Politik getragen würde, die derzeit mit Hochdruck an der Bewältigung der Corona-Krise“ arbeite. Aktuell habe die Bewältigung der Probleme in der Corona-Krise absolute Priorität. Zu Nachfragen, etwa wie die Unterstützung durch die Berliner Politik aus Sicht des Unternehmens aussehen müsste, wollte sich die Vonovia am Donnerstag nicht äußern. Die Deutsche Wohnen zeigte sich ebenfalls wortkarg: „Marktgerüchte kommentieren wir grundsätzlich nicht“, erklärte ein Unternehmenssprecher.

Sollte es zu einer Übernahme der Deutsche Wohnen durch die Vonovia kommen, würde bundesweit und speziell in Berlin ein Wohnungsgigant entstehen. Die Vonovia hat mehr als 400.000 Wohnungen in Deutschland, Schweden und Österreich - rund 40.000 davon in Berlin. Die Deutsche Wohnen besitzt bundesweit rund 161.000 Wohnungen,  fast 112.000 davon in Berlin. Mit zusammen gut 150.000 Wohnungen in Berlin besitzen die beiden damit in etwa zehn Prozent der Berliner Mietwohnungen. Die Vonovia beziffert den Wert ihrer Immobilien auf zirka 53,3 Milliarden Euro, die Deutsche Wohnen den Wert ihrer Immobilien auf rund 26 Milliarden Euro.

Schon einmal, vor vier Jahren, hatte die Vonovia versucht, die Deutsche Wohnen zu übernehmen. Sie war damit jedoch gescheitert, weil dem Übernahme-Angebot nicht genügend Aktionäre der Deutsche Wohnen folgten. In Berlin sehen sich beide Unternehmen mit dem Mietendeckel konfrontiert, der die Mieten auf dem Niveau vom 18. Juni 2019 für fünf Jahre einfriert. Das schmälert die Gewinne. Auf beide Unternehmen zielt zudem das Volksbegehren Deutsche Wohnen und Co enteignen, das die Vergesellschaftung der Immobilien von Unternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen anstrebt.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln will sich zu Einzelunternehmen zwar nicht äußern. Immobilien-Experte Michael Voigtländer sagt aber, dass es bei Zusammenschlüssen generell darum gehe, „Größenvorteile“ zu erzielen. Durch einen größeren Wohnungsbestand könnten Leistungen Dritter, etwa für die Bewirtschaftung der Häuser, noch günstiger eingekauft werden. Außerdem werde es als Großunternehmen noch leichter möglich, Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen. Hinzu komme „gegebenenfalls die Hoffnung, auch mehr Gewicht in Regulierungsdebatten zu erhalten“. Also in  Diskussionen über den Mietendeckel oder in der Enteignungsdebatte. „Die Frage ist natürlich, was eigentlich die optimale Größe ist“, sagt Voigtländer.  Bei manchen Großkonzernen wandelten sich die Größenvorteile in Nachteile, weil man in der Organisation nicht mehr effizient sei.

Berlins Landesregierung geht in der Übernahme-Debatte auf Tauchstation. „Dazu  gibt es von unserer Seite keine Stellungnahme oder eine Kommentierung“, so Senatssprecherin Melanie Reinsch. Deutlicher wird die Grünen-Abgeordnete Katrin Schmidberger. „Wir als Koalition haben es uns zum Ziel gesetzt, den Berliner Wohnungsmarkt umzubauen und ihn langfristig gemeinwohlorientiert auszurichten“, sagt sie. „Denn wir wollen, dass alle Berliner angemessen wohnen können und wir den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft erhalten.“ Sowohl Deutsche Wohnen als auch Vonovia stünden diesem Ziel mit ihrem Geschäftsmodell entgegen. Statt einer Übernahme der Deutsche Wohnen durch die Vonovia sollten die Wohnungen beider Konzerne in Berlin lieber durch gemeinwohlorientierte Unternehmen übernommen werden. Der Berliner Mieterverein (BMV) äußert sich ähnlich. Er sehe keinen großen Unterschied zwischen Vonovia und Deutsche Wohnen, sagt BMV-Geschäftsführer Reiner Wild. Beide verlangten bei der Wiedervermietung von Wohnungen hohe Mieten. Rouzbeh Taheri, Sprecher der Initiative Deutsche Wohnen und Co enteignen,  sagt: „Der Konzentrationsprozess in der Immobilienbranche scheint einen neuen Schub zu bekommen.“ Die Vonovia wolle offenbar „als Krisengewinnler die gesunkenen Aktienkurse nutzen“ und die Deutsche Wohnen schlucken. Das sei keine gute Nachricht für die Mieter in Berlin. „Wenn ein Miethai durch einen anderen Miethai geschluckt wird, dann werden die Mieter unter noch größerem Druck geraten", so Taheri.

„Unsere Forderung war immer die Vergesellschaftung der großen Immobilienkonzerne, daran ändert sich nichts.“ Von der Berliner Politik erwarte er, „dass sie deutlich ihre Ablehnung dieser Übernahme zum Ausdruck bringt. Die riesige Machkonzentration, die sich hier anbahnt, wird für die soziale Wohnraumversorgung in Berlin extrem schädlich sein“, warnt Taheri.

Mitten in der Debatte über die Zukunft des Unternehmens, teilte die Deutsche Wohnen am Donnerstag mit, dass die Sprecherin des Konzerns, Manuela Damianakis, aufhört. Damianakis hatte zehn Jahre für das Unternehmen gearbeitet. Zuvor amtierte sie als Sprecherin von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn erklärte, Damianakis verlasse das Unternehmen „auf eigenen Wunsch und im besten Einvernehmen“. Er bedaure dies und „wünsche ihr für die Zukunft alles Gute“.