Debatte zur Deutschen Einheit: Hätte der Kommunismus noch einmal eine Chance?

Berlin-Mitte - Es sei manchmal schwierig, sagt Jens Reich, seinen zahlreichen Enkeln von jener Zeit zu erzählen. Er meint das Ende der DDR. Professor Jens Reich, das muss man vielleicht den Lesern im Alter seiner Enkel erklären, ist Molekularbiologe und Bioethiker, doch so verdienstvoll seine wissenschaftliche Arbeit auch sein mag, für die friedliche Revolution in der DDR hat er besondere Bedeutung erlangt als Mitbegründer des Neuen Forums.

Zum Geburtstag des neuen Max-Delbrück-Centrums in Mitte

Diese Oppositionsgruppe, der zum Beispiel auch Bärbel Bohley und Sebastian Pflugbeil angehörten, traf am 9. September 1989, also am Montag vor 30 Jahren zum ersten Mal zusammen. Nun sitzt Reich auf einem Podium im neuen Haus des Max-Delbrück-Centrums (MDC) in Mitte und sagt, neulich sei es ihm wieder bei einer Familienfeier so gegangen: „Die Enkel nickten freundlich.“ 

Ein Familientreffen kann an Unterhaltsamkeit gewinnen, wenn man sich den alten Nachbarn dazu einlädt, mögen sich die Veranstalter gedacht haben. Und deshalb saß neben Reich, der heute 80 Jahre alt ist, der 82-jährige Dichter und Liedermacher Wolf Biermann. Der war befreundet mit Robert Havemann, bei dem einst Jens Reich Vorlesungen hörte. Und Biermann wohnte, seit er 1957 aus Hamburg nach Ost-Berlin gekommen war, in der Chausseestraße 131. In seiner Rede am Montagnachmittag wies Jens Reich die Zuhörer darauf hin, dass sie von dem MDC-Neubau aus in der Hannoverschen Straße 28 auf das noch immer DDR-graue Haus schauen können, in dem Biermann bis zu seiner Ausbürgerung 1976 lebte. Lange Zeit war dies der einzige Ort, wo Biermann Konzerte geben konnte – seine Wohnung. Seine erste Langspielplatte war nach dieser Adresse benannt. 

Geschichtsträchtig auch das Nebengebäude Hannoversche Straße 28–30. Dort errichtete die BRD ihren Botschaftsersatz, die Ständige Vertretung, von dort aus versuchten Menschen, der DDR zu entkommen. 

Wolf Biermann sieht sich selbst als Person der Zeitgeschichte

Aber darf man eine Person der Zeitgeschichte wie Wolf Biermann so flapsig einen alten Nachbarn nennen? Er sieht sich selbst so. Als er zusammen mit seiner Frau Pamela sein Konzert für das geladene Publikum der neuen Veranstaltungsreihe „Breaking Boundaries“ (etwa: Grenzen überwinden) beginnt, sagt er, dass er dies als Nachbarschaftshilfe ansehe. Und deshalb hat er lauter Lieder ausgewählt, die in der Zeit entstanden waren, als er gegenüber gewohnt hatte. Biermann zeigt sich in bester Laune, plaudernd zwischen den Liedern, manchmal ernst, oft mit einer Pointe versehen, zuweilen durchaus selbstironisch. So einige Wendungen klingen vertraut, weil er sich schon oft genötigt sah, sie zu sagen, etwa dass er nicht mehr gegen den Drachen kämpfen wolle, der bereits tot sei. Das ist der Drache des Kommunismus, dem er selbst einmal gefolgt war.

Jüngst habe er vom Göteburger Bischof das neueste schwedische Kirchenliederbuch überreicht bekommen, erzählt er, und beginnt vor Vergnügen zu piepsen: „Unter uns gesagt, höher kann man nicht kommen.“ Denn darin finde sich auch das Lied „Uppmuntran“. 

Heftig erklatschte Zugaben

Das hatte er 1968 als „Ermutigung“ für Peter Huchel geschrieben, „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit …“ Von Angst handelt es, von Angst spricht er nun, wie zuvor schon Jens Reich, der die Frage anstieß, wie und wann man es schafft, seine Furcht zu überwinden.

Nach einer heftig erklatschten Zugabe steht ein Gespräch im Programm. Pamela Biermann, zuvor für den lyrischen Gesang zuständig, schickt ihren Mann von der Bühne ins Publikum und sagt: „Erst einmal ohne Wolf, der redet immer so gern.“ Jens Reich wünscht sich den Nachbarn aber an seine Seite. Schon ist Biermann wieder auf der Bühne.

Nikolaus Rajewsky vom MDC stellt eine Frage, die ihn zum Erzählen lockt: Er will wissen, ob der Kommunismus noch mal eine Chance hätte. Biermanns Gedankenschleifen führen weit weit in die Vergangenheit und münden in einem entschiedenen Nein. Die alten Stalinisten und die AfD-Leute – die die Erfahrung zweier Diktaturen leugnen – würden sich nicht durchsetzen, dessen sei er sich gewiss.

Detlev Ganten versucht es aus dem Publikum mit einer in die Zukunft gerichteten Frage. Er war von 1991 bis 2004 Gründungsdirektor des MDC und ist damit so etwas wie ein alter Verwandter. Er möchte wissen, wie Deutschland sich in der Welt angesichts der drängenden Aufgaben positionieren könne. Reich lässt wieder höflich dem Nachbarn den Vortritt. Biermann trägt kurzentschlossen ein Gedicht vor, seine „Bilanzballade im achtzigsten Jahr“. Den Text überreicht er anschließend Rajewsky. „Sie werden doch wohl einen Kopierer haben?“

Das Gebäude ist neu, die Gesprächsreihe auch. Die heitere Atmosphäre aber wirkt altvertraut wie bei einer Familienfeier.